Wie Bienenforschung das Internet verbesserte

Der Verhaltensbiologe Thomas D Seeley erforschte in den 1980er und 90er Jahren, wie Honigbienen entscheiden, wieviele Sammler zu welchem Futterplatz geschickt werden. Er fand heraus, dass es keinen Boss gibt und keine Managementetage. Wie kann das gutgehen? Schließlich hängt das Überleben des Bienenstocks davon ab, dass das Futtersammeln effizient abläuft, also jede Biene dahin fliegt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

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Eine Biene beim Pollensammeln (Quelle: Wikipedia)

Eine Sammlerbiene, die von einem „Einsatz“ zurückkehrt, weiß, wieviel Nektar sie dabei hat, also wie lukrativ der Futterplatz ist. Jetzt achtet sie darauf, wie lange es dauert, bis eine Arbeiterbiene ihr die Ladung abnimmt und verstaut. Wenn das lange dauert, kommt gerade sehr viel Nektar rein und alle haben zu tun. Dann lohnt es sich nicht, zu mittelmäßigen Futterplätzen zu fliegen. Wenn aber sofort eine Arbeiterbiene zur Stelle ist, muss Nektarflaute herrschen. Basierend auf diesen beiden Informationen – wie gut ist mein Futterplatz und wie ist gerade die Gesamtausbeute – entscheidet die Sammlerbiene, ob sie Kolleginnen zu ihrer Futterquelle rekrutieren soll. Das macht sie mit dem berühmten Schwänzeltanz. Je beherzter sie schwänzeltanzt, desto mehr sollen mitkommen.

In diesem Video erklärt Seeley diese und andere Ergebnisse aus seiner Forschung:

Die Bienen benutzen also einen Algorithmus. Ein selbstorganisierendes System, das dazu führt, dass die Sammlerbienen immer effizient auf die Futterplätze verteilt sind. In den 90ern kollaborierte Seeley mit Craig A Tovey und John V Vate, die diesen Algorithmus auch mathematisch verstehen wollten. Sie fanden heraus, dass die Bienen mit diesem System unter stark variablen Bedingungen noch effizienter waren, als wenn sie sich nach ingenieurwissenschaftlicher Definition „optimal“ auf die jeweils aktuellen Nahrungsquellen verteilen würden.
Jahre später hatte Tovey eine Besprechung mit seinem jungen Doktoranden Sunil Nakrani. Der suchte eine Lösung für ein Problem von Webserver-Betreibern. Aus Sicherheitsgründen läuft auf einem Server immer nur eine Anwendung gleichzeitig. Zwischen Anwendungen wechseln kostet Zeit, und muss daher so effizient wie möglich passieren. Der Bedarf durch die Internet User ändert sich aber ständig, so dass die Aufteilung von Ressourcen flexibel sein muss. „Das ist ja genau wie das Sammelbienen-Verteilungsproblem“, rief Tovey und gab seinem verdutzten Studenten Literatur aus der Verhaltensbiologie zu lesen. Die Server-Ressourcen sind wie die Sammelbienen. Der Bedarf der User – also die Anfragen zahlender Kunden – sind wie verschiedene Futterquellen. Nakrani zeigte in seiner Doktorarbeit, dass der Bienen-Algorithmus eine viel effizientere Servernutzung möglich machte, als state-of-the-art Methoden. Sogar unter der Annahme, dass die in die Zukunft gucken könnten!

Der Bienen-Algorithmus und ähnliche von der Natur inspirierte Methoden werden heute auf Server-Farmen benutzt, um aus den vorhandenen Resourcen möglichst viel Internet rauszuholen. Die beteiligten Wissenschaftler hatten keine Ahnung, wofür ihre Arbeit nützlich sein könnte. Derartige Forschung wird nur von manchen Wissenschaftsförderern finanziert, und wird immer wieder angegriffen, u. a. von Tierschutzorganisationen: neugiergetriebene Grundlagenforschung.

Für den Bienen-Algorithmus wurde in diesem Jahr der Golden Goose Award verliehen, mit dem eindrucksvolle Beispiele eines unvorhersehbaren Nutzens von Grundlagenforschung gewürdigt werden.
Seeleys Forschung zum Bienenverhalten begann, bevor das www überhaupt existierte. Sie baute auf Arbeiten auf, die noch Jahrzehnte früher stattfanden, wie der des Verhaltensforschers Martin Lindauer. Grundlagenforscher sind wie Kundschafterbienen. Wir wissen nicht, was sie finden und zu was es nütze sein wird. Aber wir wissen, dass wir gar nichts finden, wenn wir sie nicht losschicken.

Wir unterstützen die EU Richtlinie zu Tierversuchen

Understanding Gab - Mehr zur Infografik auf <a href="https://tinyurl.com/hmvkkq3">eara.eu</a>

Mehr zur Infografik auf eara.eu

 

Wir haben die Erklärung zur Unterstützung der Richtlinie 2010/63/EU von der European Animal Research Association (EARA) unterschrieben.

Als die aktuelle EU Richtlinie zu Tierversuchen vor ein paar Jahren in Kraft getreten ist hat sie EU-weit den Tierschutz in der Forschung auf einheitliche Standards angehoben und die Regularien noch einmal deutlich verschärft. Obwohl das ein großer Schritt für den Tierschutz war, gab es damals eine sehr erfolgreiche Petition, in der sich viele Bürger gegen die Richtlinie ausgesprochen haben. Bei einem Erfolg wären die Tierversuchsgesetze bei den alten, weniger restriktiven Gesetzen geblieben. Hauptsächlich ließ sich der Erfolg der Petition aber durch Unwissen und Missinformationen über Tierversuche und die geltenden Gesetze erklären. Daher hat sich EARA entschieden, diese Erklärung zu formulieren und somit den einheitlichen Rückhalt aus der Forschung für die neuen Gesetze zu zeigen.

Die EU hat sich entschieden die Richtlinie beizubehalten. Heute gilt die Erklärung von EARA nicht nur als Unterstützung zur Richtlinie, sondern auch als Statement für einen gewissenhaften Umgang mit Tieren in der biomedizinischen Forschung im Sinne der 3R’s (Refinement, Replacement, Reduction). Weit über 200 Institutionen aus Wissenschaft, Forschung und Industrie haben die Erklärung bereits unterschrieben. Pro-Test Deutschland gehört jetzt dazu.

Parka aus Spinnenseide

Die Outdoor Marke Northface will noch dieses Jahr eine Jacke aus Spinnenseide auf  den Markt bringen. Gewonnen wird das Material nicht etwa aus abertausenden kleinen Krabblern, sondern gentechnisch aus Hefe.

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Eine Kreuzspinne produziert das Supermaterial für ihr Netz (Bildquelle: Wikipedia)

In vielen Vegan-Foren wird dieser Fortschritt gefeiert, denn bei der Gewinnung von herkömmlicher Seide müssen bislang Seidenraupen sterben. Setzt sich die synthetische Spinnenseide durch, gehört das bald der Vergangenheit an. Aber nicht nur Veganer freuen sich. Spinnenseide ist zugfester als Stahl, elastischer als Gummi und gleichzeitig weich wie Wolle. Außerdem biologisch abbaubar und biokompatibel, also verträglich bei Implantation in den Körper. Die möglichen Anwendungen reichen von Bekleidung über Materialien für die Industrie bis zu medizinischen Implantaten wie etwa Gelenkprothesen.
Möglich ist diese Entwicklung natürlich nur dadurch, dass zuerst in neugiergetriebener Grundlagenforschung die wichtigsten Prinzipien entschlüsselt wurden. Woraus besteht Spinnenseide überhaupt? Wie sind ihre Proteine aufgebaut, und welche Gene kodieren diese Proteine? Was macht die Seide so elastisch? Hängen die fantastischen Eigenschaften der Spinnenseide nur von der Proteinsequenz oder auch von der Verarbeitung durch die Spinndrüse ab? Nur durch solche Vorarbeit wussten die Biotechnologen, welche Gene in Hefe verpflanzt werden müssen, und wie eine künstliche Spinndrüse aussehen könnte, mit der das Material zu einem Faden verarbeitet wird. Für diese Grundlagenforschung mussten Spinnen sterben. Dafür haben wir heute eine Innovation, die nicht nur unzählige Seidenraupen verschonen kann, sondern bereits jetzt als womöglich wichtigste Textilinnovation seit Nylon bezeichnet wird. Eins von vielen Beispielen, bei denen die Erforschung von Tieren nicht erst durch eine Übertragbarkeit auf die menschliche Physiologie nutzbringend ist. Menschen haben nun einmal keine Spinndrüsen (außer Spiderman natürlich). Nichtsdestotrotz scheinen sich die vielen Jahrzehnte der Forschung jetzt auszuzahlen. Denn der potentielle Nutzen von synthetischer Spinnenseide ist enorm.

Nur eine objektive Debatte hilft Mensch und Tier

Maus auf Hand Gesicht im Hintergrund von UAR

© www.understandinganimalresearch.org.uk

Im April war der internationale Tag des Versuchtieres, ein Tag, der die ethische Debatte um Tierversuche wieder ein wenig mehr in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit rückt. Dazu wurde auf Zeit-Online ein interessanter Artikel verfasst, dem ich mich hier näher widmen möchte. In diesem Artikel wird versucht eine objektive Debatte zu fördern, ein Anliegen, das mir sehr am Herzen liegt. Ich bin der Meinung, dass diese wichtige Debatte verstärkt geführt werden muss. Doch nur, wenn sie objektiv geführt wird, können sowohl die Wissenschaft als auch die Tiere in der Forschung davon profitieren. Der Artikel beschreibt jedoch ein Bild von Tierversuchen in der Wissenschaft, welches sich fundamental von meinen Erfahrungen in der biomedizinischen Forschung unterscheidet. Auch sind in dem Artikel leider ein paar typische Missinterpretationen einiger Fakten zu finden. Da es sich teilweise um Mythen handelt, die sich hartnäckig in der Öffentlichkeit halten, gehen wir in unserem Faktencheck bereits auf einige Punkte ein (z.B. zu den Themen: „Aspirin“, „TGN1412“ und „Übertragbarkeit“). Hier möchte ich aber ausführlicher die angesprochenen Kritiken in einem größeren Kontext beschreiben.

Tierversuche und Medikamententests

Im Artikel wird berichtet, dass nur 5–8 % der Tierversuche auf den Menschen übertragbar wären, was ein großer Irrtum ist. Die Argumentation basiert auf einer Quelle, die die Erfolgsraten von klinischen Medikamententests betrachtet. Zunächst einmal machen Medikamententests nur einen Teil der Tierversuche aus, aber selbst die Aussage – nur 5–8 % der Tierversuche in Medikamententests sind übertragbar – ist nicht korrekt. Korrekt ist, dass nur 5–8 % der potenziellen Medikamente, welche in die klinischen Phasen kommen, auch wirklich auf den Markt gelangen. Die klinischen Tests, also die Versuche an menschlichen Probanden, sind in drei Phasen unterteilt: Test auf Giftigkeit (Phase 1), Wirkung (Phase 2) und Nebenwirkung (Phase 3). Auch korrekt ist, dass Medikamente ausführlich getestet werden müssen, bevor Sie zur Phase 1 zugelassen werden. Diese gesetzlich vorgeschriebenen Tests beinhalten Tierversuche und sind dazu da die Giftigkeit, soweit es möglich ist, auszuschließen. Nur so können wir eine möglichst hohe Sicherheit für die freiwilligen Probanden in der Phase 1 gewährleisten, die Menschen, die zum allerersten Mal das Medikament nehmen. Diese Tierversuche sind also nicht dafür da Wirkung oder Nebenwirkung zu testen. Präklinische Tests zur Wirksamkeit sind nicht eindeutig gesetzlich vorgeschrieben und hochgradig unterschiedlich, je nachdem welche Wirkungsweise gegen was für eine Krankheit vorliegt. Es werden hier nicht nur Tierversuche, sondern auch im hohen Maß z. B. Versuche an Zellkulturen oder Computersimulationen verwendet. Möchte man eine Aussage zur Übertragbarkeit treffen auf Basis von Erfolgen klinischer Studien, wäre höchstens ein Vergleich mit der Phase 1 angebracht. In dieser Phase liegt die Erfolgsquote bei 64,5 %. Auch diese Zahl beschreibt aber noch nicht ganz die Übertragbarkeitsrate von Giftigkeitstests bei Tierversuchen und bei Menschen. Es kann vorkommen, dass milde Effekte im Tier als vermutlich harmlos für den Menschen eingestuft werden, sich dann aber schon bei geringen Dosen im Menschen bemerkbar machen und zum Abbruch führen.  Eine Studie hat sich das genauer angesehen und ermittelte eine Rate von 71 %. Das ist die vermutlich genauste Zahl, die wir bei der Frage zur Übertragbarkeit von Tierversuchen anfügen können, zumindest bei Giftigkeitstests. Würden wir alternative Methoden verwenden, dann müssen diese Methoden genauso effektiv sein, ansonsten würden wir das Leben der Phase 1 Probanden ernsthaft gefährden.

Bemerkenswert ist aber, dass bei der großen Zahl an Phase-1-Studien so gut wie nie etwas schiefläuft. Im Artikel werden zwei Fälle genannt: TGN1412 im Jahr 2006 in England und die vor Kurzem erfolgte Bial-Studie in Frankreich. Bedenkt man, dass alleine in England 200 Phase-1-Studien pro Jahr laufen und hier gerade mal zwei Studien innerhalb von zehn Jahren in Europa aufgelistet werden, ist das eher ein Argument für, nicht gegen Tierversuche. Zudem gibt es Ermittlungen zur Bial-Studie, die auf schlampige Arbeit hinweisen. Möglicherweise hätten sauber durchgeführte Tierversuche, sowie aufmerksamere Behörden, das Problem bereits vorher entdeckt.

Weiterhin wird beschrieben, dass Medikamente wie Aspirin durch heutige Medikamententests durchfallen würden. Wie darf ich das in dem Kontext verstehen? Wie bereits erwähnt, werden Tierversuche zum Schutz der Probanden von Phase I Studien durchgeführt. Natürlich kann es dadurch passieren, dass wirksame Medikamente fälschlicherweise durch diese strengen Auflagen ausgesiebt werden. Aber weniger strenge Auflagen, oder sogar ein Verzicht auf diese Tierversuche, würde das Leben der Phase I Probanden ernsthaft gefährden. Nur weil es im Fall von Aspirin gut ging, rechtfertigt doch nicht fahrlässig das Leben von zukünftigen Probanden aufs Spiel zu setzen.

Wir von Pro-Test Deutschland begrüßen ausdrücklich den Fortschritt, den die Wissenschaft in den letzten Jahren bei alternativen Methoden, insbesondere in der Toxikologie, macht. Es ist richtig und wichtig, diese Entwicklungen weiter voranzutreiben. Der Artikel suggeriert, in der Toxikologie würden Tierversuche durchgeführt, für die es bereits Alternativen gibt. Tierversuche sind in Deutschland verboten, wenn es Alternativen gibt. Wie schon vorher erwähnt, ist es aber auch wichtig zu testen, ob diese Alternative so aussagekräftig wie Tierversuche sind. In Deutschland ist hierfür die „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ am BfR zuständig. So ein Prozess dauert seine Zeit. Außerdem kommt es leider häufig vor, dass die potenziellen Möglichkeiten von wissenschaftlichen Errungenschaften in den Medien hervorgehoben werden, ohne die Grenzen zu erklären. So kommt es immer wieder zu Missverständnissen was bei Alternativmethoden (oder allgemein in der Wissenschaft) möglich ist und was nicht. Pro-Test Deutschland setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft objektiv und Fakten-basiert kommuniziert wird, nicht nur bei Forschung zu alternativen Methoden, sondern auch bei Forschung mit Tierversuchen.

Schuld ist das System?

Weiterhin wird behauptet, dass Behörden kein Mitspracherecht bei der ethischen Entscheidung hätten, ob ein Tierversuch durchgeführt werden dürfte oder nicht. Es hört sich so an, als wäre das Genehmigungsverfahren eine Farce. Tatsächlich ist dieses Verfahren in Deutschland aber sehr genau und langwierig. René Tolba, Präsident der Gesellschaft für Versuchstierkunde, meinte sogar, dass Deutschland die EU-Vorgaben zu „120 Prozent“ umgesetzt habe. Die Behörden berufen Ethikkommissionen ein, die beratend wirken. Sind diese auch nicht bindend, so folgen die Behörden doch meistens deren Vorschlägen.

Guckt man sich dazu die Referenz im Artikel an, dann sieht man, dass die Argumentation auf dem Fall des Neurowissenschaftlers Andreas Kreiter basiert. Das Oberverwaltungsgericht in Bremen hatte ein Verbot seiner Forschung durch die zuständige Behörde nicht zugelassen. Bei dem umstrittenen Verbot ging es leider weniger um Ethik und das Wohlergehen der Tiere, sondern eher um Politik. Da Tierschützer für viel Aufsehen gesorgt hatten und in Bremen Wahlen anstanden, wollten auf einmal fast alle großen Parteien diese Versuche verbieten. Nach den Wahlen musste dann aber ein „ethischer“ Grund dafür her, schließlich waren diese Versuche jahrelang in Ordnung gewesen. So wurde das Gutachten eines Tierarztes eingefordert, der noch nie das Labor besucht hatte, aber das geschrieben hat, was die Politiker hören wollten. Der Tierarzt des Veterinäramtes, der regelmäßig unangekündigt die Versuche kontrolliert, hatte kein Mitspracherecht. Auch war weder die ausgezeichnete Beurteilung einer Wissenschaftlerkommission von Interesse, noch wurde der Tierschutzkommission Gehör geschenkt, die ebenfalls nichts auszusetzen hatte. Eine gute ausführliche Beschreibung gibt es hier. Meiner Ansicht nach ist es gut zu wissen, dass die Rechtssprechung Wissenschaftler vor politischer Willkür schützt.

Zusätzlich wird behauptet, dass Wissenschaftler auf Widerstand stoßen, wenn sie Verfahren ohne Tierversuche verwenden. Diese Meinung steht im krassen Gegensatz zu meinen Erfahrungen. Jeder Wissenschaftler, den ich kenne, würde seine Erkenntnisse lieber mit Methoden erhalten, die keine Tierversuche benötigen. Allerdings hat jede Methode in der biomedizinischen Forschung ihre Nachteile, egal ob mit oder ohne Tierversuch. Ein Gesamtverständnis von unserem Körper und von Krankheiten können wir nur durch ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Herangehensweisen erlangen. Teilweise funktioniert das mit und teilweise ohne Tierversuche. Dass aber diejenigen Methoden, die sich auf Tierversuche stützen, mehr Ansehen erlangen sollen, erschließt sich mir nicht. Eher ist es umgekehrt: Wenn Forscher es schaffen, Methoden, die vorher nur mit Tierversuchen möglich waren, auf Menschen anzuwenden, dann erhalten sie häufig sehr große Aufmerksamkeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft. Ein kürzliches Beispiel ist ein Bypass einer Querschnittslähmung mittels ins Gehirn implantierter Elektroden, eine direkte Folge aus Studien an Affen, die deutlich weniger Aufsehen erregt haben.

Trotz meiner ausschweifenden Kritik an dem Artikel bin ich froh, dass er auf Zeit-Online publiziert wurde. Diese Debatte sollte mehr Aufmerksamkeit durch die Medien erhalten. Ob und unter welchen Umständen mit Tieren experimentiert werden darf, ist eine wichtige wie auch schwierige ethische Frage und ich glaube fest daran, dass nur ein offener, informierter und objektiver Austausch zu sinnvollen Antworten führen kann. Nur, in dem wir möglichst viele Informationen mit einbeziehen können wir dieser Debatte gerecht werden.

(gar nicht so) Eisiges Klima

Sonntag, 24. April auf dem Tübinger Marktplatz. Wir sind ja nicht hier, um die Leute über den Klimawandel zu informieren, aber heute spüren wir ihn am eigenen Leib: arktische Temperaturen, gelegentliche Schneeflocken, und das Ende April!

Aber hilft ja nichts, heute ist Labortiertag, da sind wir natürlich unterwegs und werben für einen informierten und sachlichen Umgang mit Tierversuchen. So richtig viel los ist heute ja nicht. Die Kollegen von Act for Animals e.V. haben ihre Aktion auf den Samstag vorverlegt, clever, da brummt die Tübinger Innenstadt schon ein bissele mehr als heute… Continue reading

Tag zur Abschaffung der Tierversuche

An diesem Wochenende (23./24.4.2016) finden zum alljährlichen World Day for Lab Animals weltweit Proteste gegen Tierversuche statt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass ihr gestern oder heute ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekommen habt, auf dem schockierende Aussagen zu Tierversuchen stehen.

Die Kurzfassung dieser Flugblätter: Tierversuche sind nicht nur grausam, sondern auch medizinisch unnötig.

Kann das stimmen? Wer würde denn dann überhaupt noch Tierversuche machen? Wenn Ihr darauf Antworten sucht, findet Ihr im Internet meist nur Informationen von genau den Organisationen, die Euch auch schon das Flugblatt in die Hand gedrückt haben. Ganz schön einseitig. Aber zum Glück gibt es auch noch ein paar andere Stimmen – und die findet Ihr genau hier. Auf dieser Seite erklären Wissenschaftler und Studenten aus Biologie, Medizin und verwandten Richtungen, warum wir Tierversuche für notwendig halten.

Wenn Ihr überprüfen wollt, ob die Aussagen auf Flugblättern der Wahrheit entsprechen, empfehlen wir unseren Faktencheck. Weitere häufige Fragen zu Tierversuchen beantworten wir hier. Außerdem klären wir über tierfreie Alternativen auf, und ob Grundlagenforschung wirklich nur nutzlose Neugierforschung ist. Wenn Ihr weitere Fragen habt, könnt Ihr uns jederzeit kontaktieren, und wir antworten Euch garantiert. Auf unserer Facebookseite könnt Ihr auch mit uns diskutieren, wenn Ihr in einem Punkt anderer Meinung seid, wenn Euch etwas komisch vorkommt oder wenn Ihr oder einfach noch einmal genauer nachfragen wollt.

Für den eiligen Leser hier unsere Antwort auf eine Forderung, die dieses Jahr von vielen Tierversuchsgegnern in den Vordergrund gestellt wurde: Sollten wir prinzipiell verbieten, dass Tierversuche einen bestimmten Schweregrad überschreiten?

Es ist selbstverständlich, dass ein Tierversuch, wenn er denn sein muss, so wenig belastend wie möglich durchgeführt wird. In Deutschland wird behördlich kontrolliert, dass sich jeder an dieses Prinzip hält. Deshalb ist jeder wissenschaftliche Tierversuch genehmigungspflichtig und muss mit ausreichend Vorlauf beantragt werden. Dabei wird auch geprüft, ob alles unternommen wird, die Belastung für das Tier zu minimieren, z.B. durch Schmerzmittel nach einer Operation. Was aber, wenn eine wissenschaftliche Frage partout nur mit einer hohen Belastung für das Versuchstier beantwortet werden kann, z.B. in der Schmerzforschung? Müssen wir dann ganz auf die Studie verzichten?

Wir schlagen folgendes Gedankenexperiment vor: Wenn ein Mensch ganz furchtbare Schmerzen leidet, und Du ihm nur dadurch helfen könntest, dass Du genau die gleichen Schmerzen bei einer Maus verursachst – würdest Du es tun?

Diese Überlegung ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern die Wirklichkeit für viele Forschungsfelder. Zum Beispiel für Patienten mit thalamischen oder anderen zentralen Schmerzen, bei denen herkömmliche Schmerzmittel nicht wirken. Wie für viele andere Bereiche sind Tierversuche auch in der Schmerzforschung heute noch unersetzlich. Wir sind der Meinung: Wir dürfen diesen Patienten nicht nur helfen, wir müssen es! Aber das können Wissenschaftler und Ärzte natürlich nicht alleine entscheiden. Über diese Fragen muss sich die Gesellschaft als Ganzes einig werden. Wenn Ihr Euch für das Thema Tierversuche interessiert, informiert Euch gründlich über alle Aspekte, und steigt in die Diskussion ein!

Die Insel der Ratten

Wenn die Entscheidung lautet: Entweder viele, viele Ratten töten – oder tatenlos zusehen, wie sie ein ganzes Ökosystem auslöschen. Wie sieht dann ethisches Handeln aus? Umweltschutz auf Anacapa.

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Freilebende Ratte. Quelle: Wikipedia

Die Insel Anacapa beherbergt ein einzigartiges Ökosystem. Sie ist Heimat verschiedener Echsen und Kleinsäuger und gleich mehrerer bedrohter Vogelarten. 145 der dort heimischen Tier- und Pflanzenarten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Doch irgendwann kamen die ersten Ratten auf die Insel, vermutlich Continue reading

Gibt es wirklich Organisationen die so etwas sagen?

Nachtrag zum Artikel „Wenn Sie die Wahl hätten: Frikadelle oder Krebsmedikament“

Bei Pro-Test Deutschland bemühen wir uns, niemanden direkt anzugreifen. Wir wollen nicht eskalieren, Fronten verhärten, mit Fingern zeigen. Wir wollen das Gegenteil. Wir wollen unseren Beitrag leisten, verlässliche Informationen verfügbar zu machen, und mit allen anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft auf Augenhöhe darüber sprechen, wie moralische Wissenschaft aussehen sollte. Daher habe ich im Artikel „Wenn Sie die Wahl hätten: Frikadelle oder Krebsmedikament“ keine Organisation beim Namen genannt. Mein Ziel war es lediglich, Euch für Widersprüche in bestimmten ethischen Positionen zu sensibilisieren.

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