Die Zukunft der Organtransplantation – Xenotransplantation und Tissue Engineering

In zwei parallelen Ansätzen arbeiten Wissenschaftler dafür, das Problem der knappen Spenderorgane ein für alle Mal zu lösen. Welcher von beiden wird das Rennen machen?

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Die erste erfolgreiche Herztransplantation, durchgeführt 1967. Bildquelle: Wikipedia

Nach mehr als hundert Jahren Forschung wurden Organtransplantationen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts medizinische Wirklichkeit. Fortschritte in diesem Medizinbereich führten dazu, dass heute Patienten z.B. mit unheilbarem Herz- oder Nierenleiden ein gesundes Ersatzorgan von einem Spender erhalten können. Das größte Problem dabei ist, dass mehr Patienten neue Organe benötigen, als zur Verfügung stehen. Derzeit warten allein in Deutschland rund 11.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Viele davon sterben an ihrer Krankheit, bevor sie eins erhalten können. Weltweit Zehntausende pro Jahr.

Es gibt zwei große Ansätze in der Forschung, die Organknappheit in den Griff zu bekommen. Einer ist, Organe im Labor nachzuzüchten, das sogenannte Tissue Engineering. Der zweite ist, Organe von Tieren zu verwenden, die sogenannte Xenotransplantation. Mit atemberaubenden Fortschritten liefern sich beide Forschungszweige ein Kopf-an-Kopf Rennen.

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Stimmt es eigentlich, dass…?

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Auf dieser Website stellen wir viele falsche Behauptungen zum Thema Tierversuche richtig. Ein besonders dichter Haufen von Falschaussagen und Halbwahrheiten ist kürzlich auf Flyers in Tübingen verteilt worden. Damit Ihr Euch die Antworten nicht einzeln zusammensuchen müsst, bekommt Ihr hier ebenso gebündelt die Richtigstellungen:

  • Ist die Tierversuchsforschung von den Regeln und Gesetzen des Tierschutzes weitgehend befreit?
    • Im Gegenteil. Tierversuche sind haarklein durch das Tierschutzgesetz reglementiert. Ein Tierversuch darf nur durchgeführt werden, wenn keine gleichwertige tierfreie Methode existiert. Schmerzen müssen soweit irgend geht vermieden werden. Und weil der Gesetzestext sehr trocken ist, empfehlen wir Euch dieses Youtube-Video, das die Gesetzeslage anschaulich erklärt.
  • Werden Tiere in Tierversuchen gequält?
    • Tierquälerei ist, wenn Tieren absichtlich und unnötig Schmerzen zugefügt werden. Das trifft auf keinen Tierversuch zu. Wenn ein Tierversuch „invasiv“ ist, also z.B. Elektroden ins Gehirn eingesetzt werden, müssen Schmerzen soweit es geht verhindert und verringert werden. Deshalb findet die Operation unter Vollnarkose statt und das Tier wird mit Schmerzmitteln nachbehandelt, genau wie das bei einem Menschen gemacht wird. Die einzige Ausnahme ist die Schmerzforschung selbst, die notwendig ist, um dringend benötigte bessere Therapien für Schmerzpatienten zu finden. Aber auch hier wird das Ausmaß der Schmerzen so gering gehalten wie irgend möglich. Z.B. wird beim von Frey-Test lediglich ein Nylonfaden gegen die Fußsohle einer Maus gedrückt, bis sie den Fuß wegzieht. Vor allem sind Tierversuche nicht unnötig, sondern essentiell für den medizinischen Fortschritt.
  • Sind Tierversuche umweltschädlich?
    • Im Gegenteil. Wir brauchen Tierversuche, um effektiven Artenschutz betreiben zu können. Ein Beispiel ist die dringend benötigte Ebola-Impfung für vom Aussterben bedrohte Menschenaffen, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurde. Ein anderes ist die Rettung des vom Aussterben bedrohten Bengalgeiers, nachdem in Tierversuchen gefunden wurde, was der Grund für das Massensterben war.
  • Sind Tierversuche sinnlos, weil das Ergebnis nicht auf den Menschen übertragen werden kann?
    • Tierversuche sind äußerst sinnvoll und wir verdanken ihnen seit mehr als hundert Jahren fast jeden großen medizinischen Fortschritt. Wir gehen auf diesen Punkt an mehreren Stellen ausführlich ein, z.B. hier.
  • Wären viele nützliche Medikamente beinahe nicht zugelassen worden, weil sie giftig für Tiere sind, z.B. Penicillin und Aspirin?
    • Das segensreiche Penicillin verdanken wir sogar Tierversuchen. Mehr Details zu Penicillin, Aspirin, und Insulin findet Ihr in unserem Faktencheck.
  • Kommen schädliche Medikamente auf den Markt, nur weil Tiere sie gut vertragen?
    • Bevor Medikamente zugelassen werden, werden sie immer an freiwilligen Versuchspersonen getestet (klinische Studien). Erst aufgrund dieser Tests mit Menschen entscheidet die zuständige Behörde, ob die Wirkung eines Medikaments die Nebenwirkungen aufwiegt, also ob es zugelassen werden kann. Tierversuche haben mit diesem Prozess nichts zu tun. Mehr Informationen hier.
  • Bedroht die Forschung mit gefährlichen Krankheiten wie Ebola unsere Sicherheit?
    • Im Gegenteil. Wir müssen Krankheiten erforschen, um rechtzeitig Heilmittel zu finden. Dank der Erforschung von Ebola, auch mithilfe von Tierversuchen, stehen uns heute mehrere wirksame Impfstoffe zur Verfügung, die zurzeit in klinischen Studien getestet werden.

Ihr wisst: Wenn Ihr Euch fragt, was an einer Behauptung zum Thema Tierversuche dran ist, und Ihr dazu keine Information auf unserer Seite findet, könnt Ihr uns direkt kontaktieren. Wir beantworten jede Frage zum Thema Tierversuche.

Wozu Grundlagenforschung?

Wir haben für Euch eine neue Seite auf pro-test-deutschland.de erstellt! Was ist Grundlagenforschung? Wofür brauchen wir sie? Was würde passieren, wenn wir sie nicht mehr hätten? Auf diese Fragen findet Ihr jetzt bei uns Antworten. Wir haben nicht nur harte Zahlen und Fakten für Euch, sondern auch viele erstaunliche Beispiele von bedeutenden medizinischen Entdeckungen, die als reine Neugierforschung begannen.

Als besonderen Leckerbissen haben wir für Euch einen 118 Jahre alten Text des berühmten Wissenschaftlers Santiago Ramón y Cajal aus dem Spanischen übersetzt. Ihr werdet staunen, wie aktuell er klingt.

Damals wie heute werden Wissenschaftler nicht müde, zu erklären, was der Präsident der Rockefeller University Marc Tessier-Lavigne kürzlich so ausdrückte: „Wirklich umwälzendes Wissen kommt von Neugier-getriebener Forschung“.

Die Vegetarierlücke

57% der EU-Bürger sprechen sich gegen Tierversuche zu medizinischen Zwecken aus. Gleichzeitig sind aber weniger als 10% bereit, auf Fleisch zu verzichten. Wie passt das zusammen? Ein Erklärungsversuch.

Wurstbrot

Wurstbrot. Mehr wert als ein Menschenleben?

Bei der Frage, was wir Tieren zumuten dürfen, geht es zum größten Teil darum, wo welche Grenzen zu ziehen sind. Selbstverständlich ist es unmöglich, jede Beeinträchtigung von Tieren vollständig zu vermeiden. Mit jedem Waschen töten wir Milben auf unserer Haut, mit jedem Pflügen eines Feldes töten wir Würmer, Mäuse und andere Bewohner des Erdreiches. Wir stehen also unweigerlich vor der Frage, welches Tierleid noch vertretbar ist und welches nicht. Für die meisten von uns spielt eine große Rolle, um welche Tierart es sich handelt. Kaum einer ist emotional betroffen von den Fliegen, die bei der sommerlichen Autofahrt ihr Leben an der Windschutzscheibe beenden, aber niemand würde gerne einen Hund überfahren. Der Nutzen für den Menschen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die wenigsten würden zögern, einen Löwen zu erschießen, der einen Menschen anfällt. Aber den gleichen Löwen töten, nur um einen Bettvorleger aus ihm zu machen, würde wohl kaum jemand.

Da es sowohl bei der Unterscheidung zwischen Tierarten als auch beim Nutzen für den Menschen keine klaren und eindeutigen Grenzen gibt, kommen verschiedene Menschen naturgemäß zu verschiedenen Ergebnissen, wo diese am besten zu ziehen seien. Dementsprechend finden sich bei Diskussionen zum Thema alle möglichen Positionen, einschließlich der Extreme in beide Richtungen.

Erstaunlich oft kommen aber auch unmögliche Positionen heraus. Ich treffe häufig auf Menschen, die ein Freund einmal Wurstbrote nannte – weil sie sich gegen Tierversuche aussprechen, während sie in ein Wurstbrot beißen. Diese Leute wollen lieber heute als morgen verbieten, mit Hilfe von Mäusen Krankheiten wie ALS, Alzheimer oder Krebs zu erforschen. Forschung, die konkret zum Ziel hat, menschliches Leben zu retten. Gleichzeitig sind sie aber nicht bereit, auf ein saftiges Steak zu verzichten. Weil es nun mal besser schmeckt als Tofu-Schnitzel. Sie halten es für unerträglich grausam, mithilfe von Schafen Herz-Operationen zu entwickeln, die Kindern ein leidfreies Leben ermöglichen. Aber tragen echtes Rindsleder, weil es sich nun mal unvergleichlich geschmeidig anfühlt. Man sollte denken, diese völlig absurde Art der Priorisierung wären Einzelfälle, die einem höchstens in den Tiefen obskurer Internetforen begegnen. Aber weit gefehlt.

Eine Umfrage im Auftrag der EU-Kommission von 2006 ergab, dass 57% der EU-Bürger Teilnehmer:innen (Edit 13.01.22: solche EU-Konsultationen sind nicht representativ, jede/r kann bei Interesse antworten) Tierversuche zum Zwecke der Medikamenten- und Therapieentwicklung für nicht akzeptabel halten. Wohlgemerkt, es wurde explizit nach medizinischer Forschung gefragt, nicht etwa nach dem Testen von Kosmetik oder Haushaltsprodukten. Gleichzeitig geben in anderen Umfragen weniger als 10% an, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren (2-9% in Deutschland, Übersicht auf Wikipedia). Etwa 50% unserer Bürger sind also Wurstbrote (Edit 13.01.22: wegen des nicht-repräsentativen Designs der EU-Konsultation ist das vermutlich eine zu hohe Schätzung). Sie haben ein ethisches System, in dem die Befriedigung ihrer kulinarischen Gelüste de facto mehr wert ist als nicht nur ein, sondern viele Menschenleben. Wie um Himmels Willen kommt jemand zu einem solchen Wertesystem?

Einen wichtigen Hinweis liefert schon die Umfrage der EU-Kommission selbst: 85% der Teilnehmer gaben an, dass sie ihre Informationen zum Thema hauptsächlich von Tierschutzorganisationen erhalten. Einige dieser Organisationen versteigen sich bekanntermaßen zu der Behauptung, Tierversuche hätten noch nie zum medizinischen Fortschritt beigetragen und täten es auch heute nicht. Eine verwandte Behauptung ist, dass alle wichtigen Erkenntnisse aus Tierversuchen stattdessen auch mit tierfreien Alternativmethoden erlangt werden könnten. Wer diese Aussagen für bare Münze nimmt, der wertet natürlich ein Steak höher als einen medizinischen Tierversuch – weil der ja eben gar keinen Nutzen hat, nicht einmal einen kulinarischen.

Außerdem wird die Belastung der Versuchstiere von diesen Organisationen stark verzerrt dargestellt. Bilder werden mit falschen Informationen versehen, es werden Bilder von veralteten Versuchsmethoden oder aus anderen Ländern gezeigt, medizinische Ausnahmesituationen, wie eine schlecht verheilende Wunde, als Normalfall dargestellt und standardmäßige Maßnahmen Tierleid zu minimieren verschwiegen. Wenn ich von der irrigen Annahme ausgehe, dass eine Versuchsmaus unvorstellbar leidet, während das Schwein für mein Schnitzel kurz und schmerzlos getötet wird, berücksichtige ich das natürlich in meiner ethischen Bewertung.

Der dritte Grund ist ein all zu menschlicher. Die moralischen Standards werden höher, je weniger es mich selbst betrifft. Wer selbst keine schwere Krankheit in der Familie hat, schreibt schon mal in einem Leserbrief wir hätten bereits genug Medikamente und könnten daher langsam aufhören zu forschen. Die Einstellung zu Tierversuchen kann sich schlagartig ändern, wenn auf einmal das eigene Leben davon abhängt, wie Teva Harrison am eigenen Leib erfahren musste und mutig mit der Öffentlichkeit teilte. Wer Fleisch isst, weiß bei jeder Wurst, die er kauft, dass dafür Tiere sterben. Und er weiß ganz unmittelbar, auf was er verzichten müsste, wenn das nicht mehr so wäre. Tierversuche, wie Forschung im Allgemeinen, werden von Anderen gemacht, weit weg, scheinbar ohne mich direkt zu betreffen. Das ist natürlich eine Illusion. Nicht nur die schwer Kranken profitieren von Tierversuchen, sondern wir alle. Diejenigen von uns, die nicht in jungen Jahren an Kinderlähmung gestorben sind. Diejenigen, die nicht durch einen kleinen Kratzer den Arm verloren haben, oder gar das Leben, weil er sich entzündet hat.

Naturgemäß hat auch der psychologische Kontext der Fragestellung einen Einfluss. Geht es bei der Umfrage um Wissenschaft und Technologie, sprechen sich nur noch 37% der Befragten klar gegen Tierversuche aus und nur noch 18% wenn es konkret um Mäuse geht. Dennoch zeigen auch diese Zahlen eine „Vegetarierlücke“ von mindestens 8%.

Die Lehre, die daraus zu ziehen ist, liegt auf der Hand. Wir können niemandem vorwerfen, falschen Informationen auf den Leim zu gehen, wenn wir keine richtigen Informationen zur Verfügung stellen. Warum muss ich als Wissenschaftler für meine konkrete Frage auf einen Tierversuch zurückgreifen? Welche Tierversuche werden an meinem Institut gemacht und wie hoch ist die Belastung für die Versuchstiere? Bei einem medizinischen Fortschritt, z.B. einem neuen Medikament, wird in der Regel nur der letzte Schritt einer langen Forschungsreihe an die Presse kommuniziert – nämlich, wie es beim Patienten wirkt. Welche Rolle spielten Tierversuche auf dem Weg dahin? Es ist unsere Verpflichtung als Wissenschaftler, die Bevölkerung über diese Fragen aufzuklären. Bei jedem Kontakt mit der Presse und jedem privaten Gespräch über das Thema haben wir Gelegenheit dazu. Es kostet mich nur fünf Minuten, meinen Vorstand oder Dekan per Email aufzufordern, eine ausführliche Stellungnahme zu Tierversuchen deutlich sichtbar auf die Instituts-Homepage zu setzen. Am besten mit diesem Link zu vielen guten Beispielen. Und wenn mir das nicht reicht, engagiere ich mich bei Pro-Test Deutschland.

Preis für Durchbruch in der Krebsforschung

Der Lasker Preis für herausragende medizinische Fortschritte 2015 geht an Dr. James Allison für die Entwicklung der Checkpoint-Blockade zur Krebstherapie. Hierbei handelt es sich um eine Art der Krebsimmuntherapie. Allison und Kollegen erforschten, wie eine bestimmte Art von Zellen des Immunsystems, die T-Zellen, Krankheitserreger erkennen. Ihnen wird von anderen Immunzellen berichtet, welche Krankheitserreger sich im Körper befinden. Dafür werden den T-Zellen charakteristische Merkmale der Krankheitserreger präsentiert, sogenannte Antigene. Alle Zellen, die diese Antigene aufweisen, werden daraufhin vom Immunsystem attackiert. Dieser Abwehrmechanismus funktioniert prinzipiell auch zur Bekämpfung von Krebs, denn Krebszellen tragen ebenfalls charakteristische Antigene. Oft wird Krebs aber eben nicht vom Immunsystem angegriffen und kann sich ungestört ausbreiten – denn der Tumor wird für gesundes Gewebe gehalten.

Körpereigene Antigene, also typische Merkmale von gesunden Zellen, werden den T-Zellen ebenfalls laufend präsentiert. Gleichzeitig wird aber signalisiert, dass es sich hierbei um ein harmloses Antigen handelt, das nicht angegriffen werden soll. Dieses „harmlos“-Signal ist ein sogenannter Checkpoint des Immunsystems. Wie genau dieses Signal aussieht, entschlüsselte das Team um Dr. Allison. Es handelt sich um ein Eiweiß namens CTLA-4, das den T-Zellen gleichzeitig mit den körpereigenen Antigenen präsentiert wird und so die Immunantwort hemmt. Allison stellte die Hypothese auf, dass eine vorübergehende Blockierung dieses Signals dazu führen müsste, dass Krebs vom Immunsystem als Krankheit erkannt wird.

In einer bahnbrechenden Studie in Mäusen konnte sein Team diese Hypothese dann bestätigen. Den Mäusen wurden Krebszellen injiziert, so dass sie Tumore entwickelten. Als die Forscher einen Teil der Mäuse mit einem Antikörper behandelten, der CTLA-4 blockierte, bildeten sich deren Tumore vollständig zurück. Eine zweite Injektion mit Krebszellen 70 Tage später zeigte, dass die Mäuse sogar eine anhaltende Immunität gegen den Krebs entwickelt hatten. Klinische Studien bestätigten, dass auch in Menschen die Blockierung von CTLA-4 durch Antikörper das Immunsystem gegen Krebs mobilisieren kann. Das erste Medikament auf dieser Basis, Ipilimumab, wird seit 2011 zur Behandlung des besonders aggressiven schwarzen Hautkrebs eingesetzt. Aktuelle Studien deuten auch auf eine Wirksamkeit bei anderen Krebsarten, wie etwa Lungenkrebs hin.

Nachdem Allison dieses neue Prinzip zur Krebsbekämpfung am Beispiel von CTLA-4 entwickelt hatte, wurden weitere solcher Checkpoints des Immunsystems identifiziert. Am Checkpoint PD-1/PD-L1 greift zum Beispiel das seit 2014 zugelassene Medikament Nivolumab an, das wir in unserem Faktencheck zum Thema Tiermodelle beschreiben.

Dr. Allison hat einen deutlichen Rat, wie weitere solcher Durchbrüche in Zukunft zu erreichen sind: „Ich glaube was Leute machen sollten, ist, wichtige Fragen der biologischen Grundlagen zu fragen und zwischendurch immer wieder nachzudenken, was die Bedeutung für die menschliche Gesundheit ist, anstatt deine gesamte Zeit darauf zu verwenden, ein Gesundheitsproblem lösen zu wollen.“ Er und sein Team haben es vorgemacht. Angetrieben von ihrer Neugier und ohne wissen zu können, welche Anwendung eines Tages aus ihrer Forschung entstehen könnte, entschlüsselten sie einen äußerst komplexen Aspekt des Immunsystems. Erst durch dieses neue Grundlagenwissen konnten sie einen völlig neuen Ansatz zur Krebsbekämpfung entwickeln.

Zwei weitere Lasker Preise werden dieses Jahr außerdem vergeben. Der Preis für medizinische Grundlagenforschung geht an Evelyn M. Witkin und Stephen J. Elledge für ihre Arbeiten zu DNA-Reparatur. Der Preis für humanitäre Leistungen geht an die Ärzte ohne Grenzen für ihre herausragende Arbeit bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Afrika. Die Verleihung der mit je 250.000 USD dotierten Preise wird am 18. September in Manhattan stattfinden. Wir gratulieren den Preisträgern!

Hoffnung auf neuen Therapieansatz für aggressiven Hirntumor

Wissenschaftler haben einen neuen Ansatz zur Behandlung von Glioblastomen in Mäusen entwickelt. Das Glioblastom ist eine besonders aggressive Tumorart im Gehirn. 90% der Patienten sterben innerhalb von drei Jahren nach Diagnose. Ein Forscherteam um Dr. Linda Liau und Dr. Robert Prins der University of California in Los Angeles (UCLA) haben nun eine raffinierte Kombination aus Chemotherapie und Gentherapie entwickelt, die in Mäusen gegen die Krebsart wirkt.

Bei der von Liau und Prins entwickelten Gentherapie handelt es sich um einen sogenannten adoptiven T-Zell-Transfer. Bei dieser Methode werden Immunzellen (T-Zellen) aus dem Blut des Patienten gewonnen, genetisch verändert und dann wieder in den Blutkreislauf zurückgeführt. Die genetische Veränderung sensibilisiert die T-Zellen gegen charakteristische Merkmale der Tumorzellen, sogenannte Antigene. Alle Zellen, die diese Tumor-Antigene aufweisen, werden dann vom Immunsystem erkannt und zerstört. Der große Vorteil dieser Behandlungsmethode ist, dass sie auch vereinzelte Krebszellen erreicht, die sich vom Tumor abgelöst haben. Genau diese verstreuten Krebszellen sind der Grund, warum die operative Entfernung eines Glioblastoms nur selten zu einer Heilung führt.

Mit adoptivem T-Zell-Transfer sind bereits Erfolge bei der experimentellen Behandlung anderer Krebsarten und auch Aids gelungen. Bisher schien das Glioblastom jedoch nicht zur Behandlung mit dieser Methode geeignet, denn Glioblastomzellen weisen auf ihrer Oberfläche keine charakteristischen Tumor-Antigene auf, gegen die T-Zellen sensibilisiert werden könnten. Das Forscherteam aus Kalifornien machte jedoch 2011 eine bedeutsame Entdeckung: Als sie menschliche Glioblastomzellen in Zellkultur (in vitro) mit dem Medikament Decitabin behandelten, fingen die Zellen an, das Tumor-Antigen NY-ESO-1 zu produzieren, das normalerweise nur auf anderen Arten von Krebszellen vorkommt. In der soeben veröffentlichten Nachfolgestudie untersuchten sie ein Mausmodell für das Gliobastom, also Mäuse, in denen diese Krebsart gezielt erzeugt wird. Die Mäuse wurden zuerst mit Decitabin behandelt, um die Krebszellen zur Produktion von NY-ESO-1 anzuregen. Danach wurden aus ihrem Blut T-Zellen gewonnen und gentechnisch gegen das Tumor-Antigen sensibilisiert. Als die veränderten T-Zellen wieder in den Blutkreislauf injiziert wurden, griffen sie tatsächlich die Tumore an. Die Krebsart konnte so in etwa 50% der Mäuse erfolgreich bekämpft werden.

Diese Forschung verdeutlicht, wie Tierversuche Lücken schließen, für die tierfreie Methoden noch nicht geeignet sind. In tierfreier Zellkultur wurde entdeckt, wie Glioblastomzellen zur Produktion von Tumor-Antigenen angeregt werden können. Aber erst im Tierversuch konnte getestet werden, ob sich diese Methode eignet, eine ausreichend starke und spezifische Antwort des Immunsystems auszulösen. Als nächstes wolle man testen, ob die Methode auch in anderen Modellen für Hirntumore erfolgreich ist, erklärten die Forscher in einer Pressemitteilung.

Querschnittsgelähmter kann wieder gehen – mit Exoskelett und elektrischer Stimulation

Auf einer Konferenz über Medizintechnik in Mailand präsentierte ein amerikanisches Forscherteam letzte Woche  einen spektakulären Erfolg. Mark Pollock, seit 2010 durch einen Unfall querschnittsgelähmt, ist der erste Patient, der eine Kombination aus Exoskelett und elektrischer Stimulation des Rückenmarks testet.

Das Exoskelett – eine Art bionischer Anzug der Firma Ekso Bionics – unterstützt Gelähmte beim Gehen. Es merkt, wie weit der Patient sich selbstständig bewegen kann und steuert den Rest bei. Pollocks Lähmung hingegen ist so stark, dass er bislang keine eigene Bewegung beitragen konnte und das Gerät eher wie ein Fahrzeug benutzte. Das sollte sich jedoch ändern, als er im Frühling 2014 eine experimentelle Therapie im Labor von Reggie Edgerton an der University of California in Los Angeles (UCLA) begann. In fünf Sitzungen innerhalb einer Woche wurde sein Rückenmark stimuliert. Dazu wurden Elektroden auf seinem Rücken angebracht, die durch die Haut die betreffenden Nervenzellen mit Strom anregten – ganz ohne Operation oder Verletzung. Wenn diese Stimulation mit dem mechanischen Anzug kombiniert wurde, fühlte Pollock sich, als hätte er auf einmal die „Sportversion des Geräts“ zur Verfügung, wie er in der Los Angeles Times zitiert wird. Die Forscher konnten messen, dass seine Beine in der Tat eigene Muskelkraft zur Bewegung beitrugen. Pollock, der bis zu seiner Querschnittslähmung leidenschaftlicher Sportler war, beschrieb die ungewohnte Anstrengung als „einen sehr aufregenden, emotionalen Moment“.

Bereits im Sommer dieses Jahres hatte die Arbeitsgruppe um Dr. Edgerton berichtet, dass die gleiche elektrische Stimulation fünf Querschnittsgelähmten ermöglicht hatte, erstmalig ihre Beine zu bewegen. Das Prinzip dieser experimentellen Behandlung ist, dass untätige aber noch intakte Nervenschaltkreise im Rückenmark wieder zu Tätigkeit angeregt werden. Aus der Grundlagenforschung wissen wir, dass ein großer Teil der Gehbewegung innerhalb des Rückenmarks verarbeitet und gesteuert wird. Selbst wenn durch die Querschnittslähmung die direkte Ansteuerung durch das Gehirn unterbrochen ist, so kann, wie es jetzt scheint, ein überraschend großer Teil dieser Funktion wieder zurückerlangt werden. Die elektrische Stimulation scheint dabei wie ein Fremdstarter zu wirken.

Den Durchbruch zu dieser Methode lieferten Erkenntnisse aus Forschung mit Ratten. Ebenfalls beteiligt an diesen Tierversuchen war Dr. Grégoire Courtine, der hier in einem deutschsprachigen Video diese Forschung erklärt. Dr. Edgerton stellt jedoch in einem Blog klar, dass auch der Durchbruch mit Ratten undenkbar gewesen wäre, wenn nicht das nötige Grundlagenwissen in „hunderten anderer Experimente … von vielen anderen Wissenschaftlern“ bereitgestellt worden wäre. Er schreibt: „All die vorhergehenden Tierversuche, die für unser Verständnis von Bewegungskontrolle relevant sind und viele unterschiedliche Tierarten einschließen, mindestens vom Fisch bis zum Menschen, haben zur Entwicklung der Konzepte beigetragen, die unserer aktuellen Veröffentlichung zugrunde liegen“.

Wir freuen uns für Mark Pollock, gratulieren dem internationalen Forscherteam und hoffen, dass diese Methode in Zukunft das Leben vieler Menschen mit Behinderung verbessern wird.