Alternative Fakten

Der Begriff „Alternative Fakten“ ist von der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres zum Unwort 2017 gekürt worden. Er sei der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“.

Die echte Wahrheit oder die alternative? (Pixabay, CC0)

Die Entscheidung der Jury zeugt von einer wachsenden Besorgnis über eine Entwicklung, die immer weitere Bereiche des öffentlichen Lebens einzuschließen scheint. Eine Falschbehauptung wird auch dann noch als Argument gelten gelassen, wenn sie eindeutig als unwahr entlarvt wurde. Dazu bedarf es heute keines raffinierten Täuschungsmanövers, keines bestochenen Beamten, keiner gefälschten Studie. Es wird einfach aus der Luft gegriffen und behauptet. Und dann auf der Behauptung beharrt, egal wie vollständig sie schon widerlegt wurde. „Du magst deine Wahrheit haben, ich glaube aber lieber an meine.“

Es ist die gleiche Sorge, die Anfang 2017 weltweit Unterstützer des wissenschaftlichen Denkens zum Science March auf die Straßen getrieben hat. Ein Event, das sich Anfang 2018 wiederholen wird. Denn unsere Besorgnis wird nicht kleiner.

Wir stehen als Gesellschaft immer wieder vor wichtigen Entscheidungen. Wie sollen wir mit dem Klimawandel umgehen? Unter welchen Umständen sollen Abtreibungen möglich sein? Wo sollen die Grenzen der pränatalen Diagnostik liegen? Wie sieht ethisch vertretbare Tiernutzung aus? Es handelt sich immer um Abwägungen. Wenn nicht, wären diese Entscheidungen nicht schwierig. Wenn zwei wichtige Güter im Konflikt stehen, müssen wir uns einigen, welches Gut das wichtigere ist. Nüchterne Fakten liefern uns hier keine Antwort. Aber sie sind die zwingende Grundlage. Wer die Faktenlage nicht kennt, argumentiert schnell am Thema vorbei. Deswegen sabotieren „alternative Fakten“ jeden demokratischen Entscheidungsprozess. Eine freie Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Wahrheit für jeden zugänglich ist. „Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit“, wie die Washington Post es formuliert.

Nehmen wir die Frage, ob Impfungen gegen bestimmte Krankheiten verpflichtend sein sollten, statt nur offiziell empfohlen. Neben pragmatischen Argumenten steht hier im Kern die freie Entscheidung über den eigenen Körper gegen den optimalen Schutz der Bevölkerung. Eine Abwägung, über die es viele gute Argumente auszutauschen gibt. Aber diese Argumente gelten nur in der wirklichen Wirklichkeit, der mit den echten Fakten. Heutzutage werden lautstark die Risiken jeder Impfung um mehrere Größenordnungen übertrieben, gar neue erfunden, die Wirksamkeit heruntergespielt, teilweise völlig geleugnet. An den Haaren herbeigezogene Behauptungen, mehrfach widerlegt. Trotzdem überzeugen sie Menschen. Wer das schluckt, steht natürlich vor einer völlig anderen Abwägung, die mit der echten gar nichts mehr zu tun hat. „Soll es eine verpflichtende Behandlung geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit krank macht aber dabei kaum einen Nutzen hat?“ – natürlich nicht! Aber das ist halt auch überhaupt nicht die Frage, vor der wir stehen.

Nehmen wir die Frage, ob wir invasive Grundlagenforschung mit Tieren machen sollten. Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, Lebewesen kein Leid zuzufügen. Auf der anderen das Wissen, dass jeder technische und medizinische Fortschritt immer auf Grundlagenwissen beruht. Je mehr Grundlagenwissen, desto größere Fortschritte sind möglich. Auch hier gibt es viele gute Argumente auf beiden Seiten. Und auch hier gibt es Gruppen, die lautstark eine alternative Wirklichkeit erzeugen, in der plötzlich ganz andere Sachen gegeneinander abgewogen werden. „Sollen Wissenschaftler völlig nutzlose Experimente an Tieren ausführen, nur um ihre Neugier zu stillen?“ – natürlich nicht! Aber lass uns da nicht weiter drüber reden, sondern uns der echten Frage zuwenden. Die in der echten Wirklichkeit. Mit den echten Fakten.

Das Thema Tierversuche ist stärker in die Welt der alternativen Wahrheiten abgedriftet, als ich das von irgendeinem anderen Thema erlebe, das mit Misstrauen in die Wissenschaft zusammenhängt. Klar, Klimawandel wird gerade heraus geleugnet, die Wirksamkeit von Impfungen ebenso. Aber dem gegenüber stehen große Aufklärungsbemühungen. Wenn man sich als Unbeteiligter eine Meinung bilden will, stellt man schnell fest, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt, der den abstrusen Behauptungen widerspricht. Offizielle Stellen sowie viele einzelne Wissenschaftler verteidigen die Fakten.

Beim Thema Tierversuche werden „alternative Fakten“ weitgehend unwidersprochen im Raum stehen gelassen. Wir haben eine lange Kultur des Kopf in den Sand Steckens. Institute sprechen nicht gerne über Tierversuche, einzelne Wissenschaftler ebenso wenig. Das liegt meines Ermessens zum großen Teil daran, dass niemand wirklich für Tierversuche ist. Allen Beteiligten wäre es lieber, wenn wir sie nicht brauchten. Unser eigentliches Ziel ist es, die Welt besser zu verstehen. Wir wissen, dass darin der Schlüssel für neue Errungenschaften wie medizinische Behandlungen liegt. Davon sind wir begeistert und erzählen gerne darüber. Tierversuche sind ein Mittel zum Zweck. Wir wägen ab und kommen zum Schluss, dass es moralischer ist, einen bestimmten Tierversuch durchzuführen, als ihn nicht durchzuführen. Für etwas, das man selbst am liebsten unnötig machen würde, hält aber niemand gerne sein Kinn hin. Und so ist der Konsens, den es zum Nutzen von Tierversuchen unter Wissenschaftlern und Ärzten genauso gibt wie zu den anderen genannten Themen, für Außenstehende kaum sichtbar.

Wie Ihr wisst, ist das bei Pro-Test anders. Wir sprechen offen über Tierversuche. Wir stecken nicht den Kopf in den Sand, sondern zeigen unsere Namen und Gesichter. Wir finden, dass Wissenschaft offen und transparent sein muss. Wir finden, dass wir von uns aus auf die Öffentlichkeit zugehen sollten und nicht nur auf Anfragen oder Anschuldigungen reagieren.

Ins gleiche Horn stößt der Siggener Kreis. Das ist eine kleine aber einflussreiche Gruppe von Wissenschaftskommunikatoren aus dem Journalismus, den Hochschulen, usw. Auch sie äußern sich besorgt über die Zurückweisung wissenschaftlicher Evidenz in Teilen der Bevölkerung und den Einzug „alternativer Fakten“ in die Debatten. In den gerade veröffentlichten Siggener Impulsen 2017 fordern sie: „Wir brauchen Widerstandskräfte gegen falsche Aussagen“. Konkret bedeute das: Sich um Aufklärung bemühen, nicht nur auf Falschaussagen reagieren. Für transparente und integre Wissenschaft sorgen. Den Menschen nicht nur Infos vor den Latz knallen, sondern Möglichkeiten schaffen, sich selbst zu informieren. Alle wesentlichen Schritte des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses sichtbar machen, inklusive Fehler und Leerlauf. Denn: „Misstrauen entsteht nicht zuletzt dadurch, dass Entscheidungen scheinbar hinter verschlossenen Türen getroffen werden“. Der Siggener Kreis fordert, dass „Orte und Strukturen für den Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Wissenschaft“ geschaffen werden sollten.

Einer dieser Strukturen ist Pro-Test Deutschland e.V. Wann immer ihr Fragen oder Gesprächsbedarf zum Thema Tierversuche habt, könnt Ihr bei uns mit Wissenschaftlern, Tierpflegern, Studenten und anderen Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb sprechen. Das gilt für interessierte Außenstehende genauso wie für Menschen, die selbst mit Tierversuchen zu tun haben. Schreibt uns eine Email, diskutiert mit uns auf Facebook oder Twitter. Wir kommen auch zu Euch in die Schule oder zu einem Diskussionsabend. Denn freie Meinungsbildung braucht zuerst die Fakten.

Kurz-Schlüsse – Das MPI und die Ratten

“The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.”

Zu Deutsch etwa: “Die Energie, die man zur Widerlegung von Unsinn braucht, ist um eine Größenordnung größer als die Energie, die man braucht um ihn zu produzieren.“

Dieses Zitat ist bekannt als die “Bullshit-Asymmetrie“, stammt von Alberto Brandolini, einem italienischen Programmierer, und es scheint in einer Zeit, die geprägt ist von Schlagworten wie „postfaktisch“ oder “alternative Fakten” passender als je zuvor. Doch nicht nur auf Regierungsebene findet man Behauptungen und Schlussfolgerungen, die jeglicher Grundlage entbehren, denn auch in der Wissenschaft muss man sich inzwischen immer stärker damit auseinandersetzen.

Abb. 1: Wie man Bullshit loswird.

Ein Beispiel: Letzte Woche Montag hat eine bekannte radikale Tierrechtsorganisation im Netz ein Video über Missstände am Max Planck Institut Tübingen (MPI) veröffentlicht. In diesem Video berichtet eine anonyme Frau über ihre Erlebnisse als Praktikantin am MPI. Dort sei sie gezwungen worden, ohne qualifizierte Einweisung schwierige, nicht notwendige Experimente an Ratten durchzuführen, die womöglich nicht sachgemäß betäubt wurden.

So weit, so schlecht. Bisher gibt es keine handfesten Beweise, sondern eine Behauptung von einer anonymen Quelle, die von einer nicht-neutralen Organisation veröffentlicht worden ist. Eine Strafanzeige wurde gestellt, also muss der Fall untersucht werden. Das ist selbstverständlich richtig so, denn auch dem kleinsten Verdacht von Tiermisshandlung muss nachgegangen werden. Auch das MPI nimmt die Vorwürfe ernst und behält sich rechtliche Schritte gegen den Versuchsleiter vor.

Da die Berichterstattung in dieser Richtung in der Vergangenheit oft genug emotionalisierend und alles andere als objektiv gewesen ist, darf man dem Bericht auch zunächst einmal mit einer gesunden Portion Misstrauen gegenüberstehen. (Irreführende oder falsche Aussagen bzw. Manipulationsverdacht hat es z.B. im Fall der Rhesusaffen-Versuche am MPI Tübingen gegeben)

Wie auch immer, die Untersuchungen müssen abgewartet werden. Bis die Sache klar ist, kann jeder von uns nur mutmaßen. Darum geht es mir aber auch gar nicht. Denn besonders irritiert hat mich folgender Satz, der ganz am Schluss des Videos fällt:

Die nun bekannt gewordene Fahrlässigkeit und Skrupellosigkeit im Umgang mit diesen sensiblen Tieren zeigt, dass nur ein echtes Ende aller Tierversuche die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Forschung ist.

An dieser Aussage stören mich einige Dinge, die ich in zwei Punkten zusammenfassen kann:

Tierversuche? Da könnte ja jeder kommen!

Punkt 1: Tierversuche sind echte Forschung. Kein Tierversuchsantrag wird von der zuständigen Kommission akzeptiert, wenn das geplante Projekt und die Notwendigkeit des Tierversuchs nicht detailliert ausgeführt sind. Dabei müssen auch A) die aktuelle wissenschaftliche Basis, B) der zu erwartende Erkenntnisgewinn und C) der geplante Weg von A nach B präsentiert werden.

Darüber hinaus impliziert diese Aussage, dass Tierversuche in allen Laboren grundsätzlich so ablaufen. Das ist allerdings falsch! In Deutschland dürfen laut Tierschutzgesetz und Tierschutz-Versuchstierverordnung nur jene Personen Tierversuche durchführen, die die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen können. Für diesen Nachweis nimmt man an einem mehrwöchigen, zertifizierten Kurs mit Abschlussprüfung teil (z.B. FELASA-akkreditierte Kurse). Dort lernt man auch, wie ein Tier möglichst ohne Leid betäubt und getötet wird, was ebenfalls gesetzlich verlangt wird.

Aber selbst dann wird man als unerfahrener Forscher nicht einfach auf Tiere losgelassen. In einem seriösen Labor wird einem Neuling ein erfahrener Betreuer zugewiesen, der in die Praxis einführt und die Durchführung zunächst beaufsichtigt. Das ist Standard in jedem Tierversuchslabor und jede andere Handlungsweise kann als fahrlässig bezeichnet werden.

Falls die Anschuldigungen stimmen, dann hat der Laborleiter oder der verantwortliche Betreuer also hochgradig fahrlässig, oder sogar beabsichtigt gesetzeswidrig gehandelt. So eine Vorgehensweise ist alles andere als Standard – was mich zum zweiten Punkt bringt.

Zu kurz geschlossen

Punkt 2: Die zitierte Aussage lässt sich folgendermaßen umformulieren: „Weil einer Mist gebaut hat, müssen alle dafür den Kopf hinhalten.“

Nur mal angenommen, am Max Planck gab es tatsächlich diese Arbeitsgruppe, in der Tierschutz mit Füßen getreten wird – ich wiederhole: das ist nicht bewiesen – warum sollten dann alle anderen Arbeitsgruppen, die nach den Regeln spielen, und denen das Tierwohl am Herzen liegt, dafür den Kopf hinhalten? Warum sollte jemand, der an der Uni Kiel mit Zebrafischen arbeitet, seine Arbeit einstellen wegen Experimenten, die am MPI Tübingen an Ratten durchgeführt wurden? Warum sollte auch nur ein MPI-Kollege, der auch mit Ratten arbeitet und ganz ähnliche Experimente durchführt, einer Schlamperei im Nachbarlabor zum Opfer fallen? Ist ein bisschen Differenzierung zu viel verlangt?

Kein seriöser Wissenschaftler würde irgendeine Form von Misshandlung eines Tieres gutheißen oder sogar verteidigen. Falls diese Missstände am MPI existieren, müssen die Verantwortlichen selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen werden. Das würde niemand bestreiten. Aber pauschal allen Wissenschaftlern in Tierversuchen moralisches Handeln oder gesetzeskonforme Laborpraxis abzusprechen ist unfair.

Ähnlich unlogisch wie die Aussage oben sind auch Aussagen wie:

  • „Alice schlägt ihren Hund. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Hundehaltung die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Haustierhaltung ist.“

oder vielleicht auch

  • „Bob fährt betrunken Auto und verursacht einen Unfall. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Autofahren die einzige Lösung gegen Menschenleid und für echte Fortbewegung ist.“

Es ist einfach eine Tatsache: Es wird immer Menschen geben, die sich (bewusst oder unbewusst) nicht an die Regeln halten, selbst wenn diese Gesetzeskraft haben. Vielleicht sollte man also eher Menschen verbieten?

Alice und Bob haben beide etwas grundlegend falsch gemacht, das sowieso schon gesetzlich verboten ist. Ähnlich liegt der Fall am MPI: Tiere ohne Betäubung zu operieren oder zu töten, ist gesetzlich verboten. Es müssen also keine neuen Gesetze her, schon gar nicht muss das System insgesamt auf den Prüfstand, sondern der Fall muss untersucht werden und die existierenden Gesetze werden dann je nach Ergebnis auf den Fall angewandt. Das ist ja eben auch die Grundlage für die Strafanzeige. Sollte es zur Einleitung eines gerichtlichen Verfahrens kommen, sollten Verantwortliche belangt und rechtskräftig verurteilt werden: Auch das wäre lediglich ein Hinweis darauf, dass das existierende System funktioniert, dass die Spreu vom Weizen getrennt und ungesetzliche Praxis aufgedeckt und geahndet wird.
Eine solche Forderung nach generellen Verboten aber ist mal wieder plakativ, populistisch und unangemessen.

Rückblickend sehe ich, dass dieser Text deutlich länger geworden ist als die ursprünglich zu widerlegende Aussage. Um genau zu sein hat er 1.011 Wörter, die ursprüngliche Aussage nur 31. Bardolinis Schätzung scheint also falsch zu sein. Es sind eher zwei Größenordnungen.

Würde Jane Goodall lügen?

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H ("H-ope"), den sie auch nach Tübingen mitbrachte Bild: Wikimedia Commons

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H (“H-ope”), den sie auch nach Tübingen mitbrachte
Bild: Wikimedia Commons

„Wow, Jane Goodall kommt nach Tübingen! Jane Goodall! Da muss ich hin!“ So oder so ähnlich werden die meisten der 700 Zuhörer reagiert haben, als sie das erste Mal die Ankündigung sahen. Am 7. Dezember sollte sie kommen, im größten Hörsaal sprechen, über sich und „Jane’s Journey“, über ihre Forschungen zum Verhalten von Schimpansen und darüber, wie sie sich von der Forscherin zur Aktivistin gewandelt hat. Wenn jemand wie sie kommt, dann ist das im wissenschaftlichen Bereich kaum noch zu toppen: Ob Stephen Hawking oder Richard Dawkins oder James Watson oder Noam Chomsky mehr Publikum gezogen hätten?

Wie diese Herren ist Jane Goodall eine lebende Legende, eine Ikone, ein Popstar. Sie hat nicht so sehr Anhänger, eher Fans. Jane, wie sie sich grundsätzlich anreden lässt, ist weit mehr als eine berühmte Wissenschaftlerin. Als Aktivistin kann man sich kaum jemanden vorstellen, der aktiver für seine Sache eintritt, trotz ihrer 82 Jahre. 300 Tage im Jahr reist sie herum, hält Vorträge wie den in Tübingen, sammelt Spenden, kämpft für ihre Anliegen: Menschen aufklären, Wildtiere schützen ­und – Tierversuche beenden. Dass Jane eine der bekanntesten Forscherpersönlichkeiten auf dem Planeten ist, macht sie gleichzeitig zu einer der sichtbarsten und erfolgreichsten Aktivistinnen.

Sie kann dabei mit einem Pfund wuchern, das weder Hawking noch Dawkins, weder Watson noch Chomsky in die Waagschale werfen können: Sie gilt als fundamental guter Mensch. Jane ist vielleicht nicht Mutter Theresa, aber auch nicht so furchtbar weit weg. Wo Hawking eigentlich nur Physik gut erklären kann, Dawkins aggressiv seinen Atheismus predigt, Chomsky sich mit Wohlbehagen im Nesselfeld politischer Äußerungen gewälzt und Watson gar mit rassismusverdächtigen Äußerungen seine Karriere beendet hat, ist Jane einfach nur die Frau, die Tiere liebt.

Und was für eine beeindruckende Frau. Gegen zwanzig nach acht steigt Jane in Hörsaal N6 auf der Tübinger Morgenstelle die Treppe hinab, unprätentiös in eine praktische Outdoorjacke gehüllt, die Hände etwas überfordert mit drei Plüschtieren, einer Mappe und haufenweise kleinformatigen Notizzetteln, die ihr als erstes herunterfallen. Zuneigungsvolles Lachen im Publikum bei dieser allzu menschlichen Schwäche, Jane muss selber lächeln.

Dann geht ihr Vortrag los, Jane spricht leise, in wohlgesetzten Worten (viele davon sagt sie sicher nicht zum ersten Mal), die persönlich, warm, inspiriert und inspirierend klingen. Sie spricht von ihrer Mutter, die „Jane’s Journey“ erst möglich gemacht hat, indem sie ihr stets den Rücken gestärkt und sich nicht einmal beschwert hat, als Jane eine Handvoll Würmer in ihrem Bett verstecken wollte. Sie erzählt von einflussreichen Büchern (wie „Tarzan bei den Affen“, der leider „die falsche Jane geheiratet hat“) und wichtigen Menschen in ihrem Leben (wie ihr Förderer Louis Leakey). Ihre Forschungen kommen zur Sprache, sie berichtet von dem unglaublichen Gefühl, als sie das erste Mal sah, dass die Schimpansen in Gombe Werkzeuge benutzen – wie einen Zweig, um Termiten aus dem Bau zu angeln – und diese sogar herstellen – indem sie den Zweig vorher entblättern.

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben Bild: Wikimedia Commons

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben
Bild: Wikimedia Commons

Spätestens da wurde Jane, so erzählt sie es heute, vollkommen klar, dass Affen so sind wie wir, dass Menschen nichts Besonderes auf diesem Planeten sind. Jane stellt die Gretchenfrage: „Wie können wir mit uns selbst leben, wenn wir anderen denkenden, fühlenden Wesen Schmerzen und Foltern zufügen?” („How can we live with ourselves if we’re inflicting pain and torture on these other thinking feeling beings?“). Gute Frage. Es gibt gute Antworten darauf, aber sie liegen nicht auf der Hand. Es lohnt sich, über diese Frage offen, emotional ehrlich, auf der Basis erwiesener Fakten und solider ethischer Debatte nachzudenken.

Aber dann wird es ein kleines bisschen hässlich.

Denn Jane führt keine solche Debatte, sie stellt die Frage nicht als Aufforderung zum Nachdenken. Für Jane ist die Frage rein rhetorisch. Sie stellt sie, um einen Punkt zu machen. Sie will nicht wissen, wie man mit sich selbst leben kann, wenn man Tierversuche macht. Sie wollte es schon in den Achtzigern nicht wissen, als sie erstmals das Gespräch mit Wissenschaftlern suchte, die für das US-amerikanische National Institute of Health (NIH) mit Schimpansen experimentierten.

Hat Jane sie gefragt, warum sie derartige Versuche durchführen, hat sie versucht zu verstehen, welche Hoffnungen und Erkenntnismöglichkeiten dahinterstecken? Möglicherweise, aber man hört nicht heraus, dass sie wirklich verstanden hätte, was Wissenschaftler antreibt, die Tierversuche durchführen.

Sie beklagt sich, von Tierversuchsgegnern angefeindet worden zu sein, weil sie mit „solchen Menschen“ überhaupt noch spreche. Sie beteuert, man müsse auf diese Menschen zugehen, nicht das Gespräch vermeiden. Aber die zutreffenden, teilweise vielleicht auch schmerzhaften Wahrheiten erkennt sie nicht an. Einer von diesen Wissenschaftlern, der sie durch die Tierhaltung führte, bot ihr an, eines der Jungtiere zu halten und zu streicheln. Jane lehnte damals ab und kann das Verhalten des Wissenschaftlers heute noch nicht nachvollziehen. Sie hält es für im höchsten Maße kognitiv dissonant, einerseits Tierversuche durchzuführen und andererseits Empathie zu empfinden mit dem Versuchsobjekt.

Warum fällt es Jane so schwer zu glauben, dass Wissenschaftler empathisch sein und trotzdem an Tieren forschen können? Menschen sind kompliziert und oft widersprüchlich. Jane war verheiratet und hat eine Tochter; die Absurdität menschlicher emotionaler Logiken dürfte ihr nach langem, erfülltem Leben ausreichend vertraut sein. Aber sie gesteht denen, die sie als ihre Gegner ausgemacht hat, keine Empathie für die Kreatur zu. „Sie konnten nicht zugeben, dass sie keine mitfühlenden, besorgten Menschen waren“, sagt sie über die Wissenschaftler des NIH, mit denen sie damals sprach („They could hardly admit that they weren’t caring, concerned human beings“). Dann stellt sie diejenigen, denen die Affen am Herzen liegen, der medizinisch forschenden Community diametral gegenüber. Schließt sich das denn aus?

Für Jane schon. Sie spricht über einen am Tiermodell forschenden Wissenschaftler nicht wie über einen Menschen, den man verstehen möchte. Stattdessen bedient sie beliebte, durchaus platte Denkmuster: „Der Mann in seinem weißen Kittel“ („the man in his white coat“), so ihre konsistente Bezeichnung für einen Forscher, der ihr die Tierhaltung an seinem Institut vorführte. Ein klischeehafter Stereotyp, der dicker kaum aufgetragen sein könnte – und der deutlich macht, wie Jane sich selbst sehen und darstellen will: Als eine, die zwar als Forscherin berühmt geworden ist, aber selbst nie Teil des „Systems“ war. Ein Kreis schließt sich zu dem, was sie eingangs erzählt hatte, als sie mit einer merkwürdigen Mischung aus Demut und Stolz darauf herumritt, wie wenig formale Bildung sie hatte, bevor sie mit einem Mal einen Doktortitel erwarb, und das auch noch an der renommierten Universität in Cambridge.

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft! Bild: Wikimedia Commons

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft!
Bild: Wikimedia Commons

Ist das jetzt so schlimm? Jane ist Aktivistin und von ihrer Sache überzeugt. Darf sie nicht dafür eintreten? Und darf sie ihre Gegner in der Tierversuchsdebatte nicht unverständlich und seltsam finden? Sicher darf sie. Aber während ich mir das noch sage – auf der Empore des Hörsaals nachdenklich die Stirn runzelnd, denn die Frau ist schon extrem charismatisch, man möchte ihr nicht einmal in Gedanken widersprechen! –, redet sie schon weiter.

Sie erzählt nun von der Entscheidung des derzeitigen Direktors des NIH, Francis Collins, die Versuche mit Schimpansen einzustellen. Dazu sei eine unabhängige Studie am NIH angestellt worden, die befunden hätte, dass „keines der Projekte. Kein einziges!“ dem Menschen nütze („None. Not one of them!“). In der Folge seien die Schimpansenversuche beendet worden.

Das stimmt so aber nicht. Die Frage, die das Institute of Medicine (IOM) in seinem Bericht von 2011 beantwortete, war nämlich nicht: „Welcher dieser Versuche ist für menschliche Gesundheit nützlich oder potenziell nützlich?“, wie Jane es sagt („Which of these experiments is beneficial to human health, or potentially beneficial?“). Sondern das IOM untersuchte, welche der Versuchsreihen unbedingt auf Schimpansen angewiesen war, anstatt ein anderes Modell zu wählen!

Was war also wirklich passiert: Das IOM hat das NIH an gute wissenschaftliche Praxis und das 3R-Prinzip erinnert, das NIH ist dem nachgekommen. Dass dabei politische und wissenschaftspraktische Erwägungen eine große Rolle gespielt haben dürften, wird aus der jüngsten Stellungnahme des NIH aus dem Jahr 2015, als es seine letzten Schimpansenprojekte abwickelte, ziemlich deutlich. Ebenfalls hier zu lesen: Das NIH bekennt sich zur Notwendigkeit von Affenversuchen in der biomedizinischen Forschung – nur eben nicht mit Schimpansen.

Dass Jane dem Ganzen einen anderen Spin gibt, ist verständlich, zumal sie ihre eigene Rolle als die Person, die Francis Collins erst die Idee eingab, entsprechend herausstreicht. Damit kann ich beinahe schon gut leben. Denn auch aus Sicht eines Befürworters von Tierversuchen finde ich natürlich: Gut so, ein Erfolg für die Forschung, wenn ein Tiermodell durch andere Modelle ersetzt werden kann!

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH
Bild: Wikimedia Commons

Aber dann kommt der Teil des Abends, der mir wirklich Bauchschmerzen macht:

„Wir haben heute das Problem, dass so viele Leute zu glauben gelernt haben, dass wir ohne Experimente an Tieren, besonders Primaten, niemals Heilmöglichkeiten für Alzheimer oder Parkinson finden. […] Und je mehr man liest, je mehr man herausfindet, desto klarer wird einem: Das stimmt nicht!”

(„We face today the problem that so many people have been taught to believe that without experiments on animals, particularly primates, then, we’ll never find cures for Alzheimer’s or Parkinson’s or any of these diseases which attack the human brain. […] And the more you read, the more you learn, the more you realise: it’s not true!”).

Habe ich das gerade richtig gehört? Jup, habe ich. Und es geht weiter:

„Es stimmt nicht, dass Primaten bei der Entwicklung eines Polio-Impfstoffes irgendeinen Nutzen hatten. Es stimmt nicht, dass sie für Alzheimer oder irgendetwas in der Art einen Nutzen hatten.“

(„It wasn’t true that primates were useful at all in developing a polio vaccine. It hasn’t been true that they were useful for Alzheimer’s or anything like that.“).

Und dann erzählt sie auch noch von einem Wissenschaftler, Rudolph Tanzi, der zur Bekämpfung von Alzheimer „das Äquivalent zum menschlichen Gehirn in einer Petrischale entwickelt hat” („He has developed the equivalent of the human brain in a petri dish“).

Fehlt nur noch das Gehirn! Bild: Wikimedia Commons

Gehirn zugeben, umrühren, fertig. Wissenschaft kann so einfach sein!
Bild: Wikimedia Commons

Na dann ist die Zukunft ja endlich da! Wo bleiben eigentlich meine fliegenden Autos, Raketenrucksäcke und meine Marsmission, verdammt nochmal? Aber Spaß beiseite. Solche Sätze offenbaren einen erstaunlichen Mangel an Faktenwissen. Mindestens. Kann es sein, dass Jane, Jane Goodall uns da gerade einen Bären aufbindet? Das Gehirn in der Petrischale mag man abtun, so stand das vermutlich auch in der Pressemitteilung, das kennt man ja.

Das mit dem Polio-Impfstoff dagegen fällt mir schwer zu schlucken (der Leser entschuldige das Wortspiel). Wurde nicht Jane Goodall von verschiedener Seite vorgeworfen, im Jahr 1966 ihre Schimpansenkolonie in Gombe per Schluckimpfung vor einer Polio-Epidemie bewahrt zu haben? Will sie nicht wahrhaben, dass für die Rettung ihrer Schimpansen andere Affen, Rhesusaffen nämlich, sterben mussten?

Das Poliomyelitis-Virus wurde von Jonas Salk in Affen in vivo kultiviert und isoliert. Die ersten Studien aus Salks Labor befassten sich mit den Eigenschaften des Virus, das in Affenhoden gezüchtet wurde (Younger et al. 1952, 3 Studien). Auch die ersten Tests auf Wirksamkeit des von ihm entwickelten, heute in den meisten Ländern gebräuchlichen Impfstoffs geschahen in Affen, bevor es 1953 zu Tests in menschlichen Probanden und 1954 schließlich zum berühmten „größten Gesundheitsexperiment in der Geschichte“ kam, einer mit zwei Millionen Teilnehmern durchgeführten klinischen Studie. Evtl. hat Jane Goodall zur Impfung ihrer Schimpansen ja den konkurrierenden, von Albert Sabin entwickelten Impfstoff verwendet, der damals schneller Verbreitung fand als der von Salk – aber auch Sabins Impfstoff basiert auf Forschungen in Affen.

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit
Bild: Wikimedia Commons

Man darf nicht vergessen, warum Salk und Sabin beide in so relativ kurzer Zeit ihre Impfungen entwickeln und dafür unproblematisch auf hunderte Versuchstiere und später Tausende von Versuchspersonen zurückgreifen konnten: Dass es damals so schnell ging, liegt an einer 1952 ausgebrochenen, verheerenden Polio-Epidemie in den USA, die 58.000 Menschen betraf. Im Jahr darauf waren es noch einmal 35.000. Das wurde auch in Zeiten, in denen jedes Jahr 20.000 Menschen an Polio erkrankten, als bedrohlich empfunden. Was also hätte eine auch nur kurze Verzögerung in der Entwicklung des Impfstoffes bedeutet? 20.000 Menschen, jedes Jahr, allein in den USA, durch eine Krankheit mit schwerer Behinderung oder gar dem Tod bedroht, die wir heute praktisch gar nicht mehr kennen! Kann man ein schlagenderes Beispiel für die Notwendigkeit von Tierversuchen in der biomedizinischen Forschung finden?

Ich behaupte: Jane Goodall weiß nicht, wovon sie spricht, wenn sie sagt, Poliomyelitis hätte man nicht durch Affenexperimente in den Griff bekommen. Will sie vielleicht nur andeuten, es hätten auch andere Wege zum Ziel führen können? Dass man auf die Affenexperimente hätte verzichten können? Möglich. Wäre es genauso schnell gegangen? Schwerlich. Hätte der Erfolg sich womöglich gar nicht eingestellt? Vielleicht.

Nicht nur die zur Poliomyelitis, auch Jane Goodalls andere oben genannte Aussagen finde ich hochproblematisch. Ich möchte aber nicht schließen, indem ich meine im Titel gestellte Frage einfach bejahe, Jane Goodall die Kompetenz oder gar die Glaubwürdigkeit abspreche und es dabei bewenden lasse. Denn sie erinnert uns daran, wie schwer es ist, eine Debatte, die über Jahrzehnte auf so vielen Ebenen, mit so vielen Akteuren so leidenschaftlich geführt wird wie die Tierversuchsdebatte, durch einen schieren Willensakt auf den Boden der Faktizität zurückzuführen.

Wir sind nicht alle Polio- (oder sonstige) Fachleute. Während des Vortrags habe ich auch nur gedacht „Kann doch gar nicht sein, die erzählt doch Unsinn!“ Ich war davon fest überzeugt, konnte und wollte nicht glauben, was Jane Goodall soeben gesagt hatte. Dem Großteil des Publikums ging es, vermute ich leider, genau anders herum: Es sah sich in seinem sicheren „Wissen“ bestätigt, dass Tierversuche keinen Nutzen hätten. Menschen werden gar zu leicht Opfer des berüchtigen „Bestätigungsfehlers“ (confirmation bias) – wir sehen gar zu gern überall Beweise für das, was wir glauben, und übersehen Hinweise auf das Gegenteil.

Recht hat er, der Albert. Wenn er es denn wirklich gesagt hat. Zweifel sind angebracht. Bild: Wikimedia Commons

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Albert.
EDIT: Wenn er es denn wirklich gesagt hat – Zweifel sind offenbar angebracht. Danke an Leser “Alex” für den Hinweis!
Bild: Wikimedia Commons

Ich habe mich, um diesen Text zu schreiben, hingesetzt und recherchiert, so gut mir das als Laien in NIH- und Polio-Fragen möglich war. Ich befürchte, dass das nur wenigen Mitgliedern des Publikums die Sache wert war. Aber ein beunruhigender Gedanke verfolgt mich: Ich gebe zu, ich war extrem erleichtert, dass meine Recherche zu bestätigen schien, was ich vorher zu wissen glaubte. Aber als wissenschaftlich gebildeter Mensch ist es genau dies, was mich vorsichtig macht: Habe ich tief genug gebohrt? Habe ich ausreichend recherchiert? Wo habe ich Abkürzungen genommen, weil ich es am Ende gar nicht so genau wissen wollte? Bin ich letzten Endes selbst ein Opfer des Bestätigungsfehlers geworden – just indem ich Jane Goodall als solches entlarven wollte?

Es geht, anders als mein Titel suggeriert, längst nicht mehr um die Frage, ob dieser oder jener, ob berühmt oder nicht, Wissenschaftler oder nicht, lügt, zu welchem Zweck auch immer. Sondern es geht darum, dass wir unsere Informationen prüfen. Dass wir nicht, nur weil wir eine Meinung haben, annehmen, auch Wissen zu haben, das diese Meinung stützt. Bleiben wir offen dafür, Unrecht zu haben. Stehen wir notfalls für unsere Fehler ein. Auch und gerade, während wir für unsere Sache einstehen.