Die Vegetarierlücke

57% der EU-Bürger sprechen sich gegen Tierversuche zu medizinischen Zwecken aus. Gleichzeitig sind aber weniger als 10% bereit, auf Fleisch zu verzichten. Wie passt das zusammen? Ein Erklärungsversuch.

Wurstbrot

Wurstbrot. Mehr wert als ein Menschenleben?

Bei der Frage, was wir Tieren zumuten dürfen, geht es zum größten Teil darum, wo welche Grenzen zu ziehen sind. Selbstverständlich ist es unmöglich, jede Beeinträchtigung von Tieren vollständig zu vermeiden. Mit jedem Waschen töten wir Milben auf unserer Haut, mit jedem Pflügen eines Feldes töten wir Würmer, Mäuse und andere Bewohner des Erdreiches. Wir stehen also unweigerlich vor der Frage, welches Tierleid noch vertretbar ist und welches nicht. Für die meisten von uns spielt eine große Rolle, um welche Tierart es sich handelt. Kaum einer ist emotional betroffen von den Fliegen, die bei der sommerlichen Autofahrt ihr Leben an der Windschutzscheibe beenden, aber niemand würde gerne einen Hund überfahren. Der Nutzen für den Menschen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die wenigsten würden zögern, einen Löwen zu erschießen, der einen Menschen anfällt. Aber den gleichen Löwen töten, nur um einen Bettvorleger aus ihm zu machen, würde wohl kaum jemand.

Da es sowohl bei der Unterscheidung zwischen Tierarten als auch beim Nutzen für den Menschen keine klaren und eindeutigen Grenzen gibt, kommen verschiedene Menschen naturgemäß zu verschiedenen Ergebnissen, wo diese am besten zu ziehen seien. Dementsprechend finden sich bei Diskussionen zum Thema alle möglichen Positionen, einschließlich der Extreme in beide Richtungen.

Erstaunlich oft kommen aber auch unmögliche Positionen heraus. Ich treffe häufig auf Menschen, die ein Freund einmal Wurstbrote nannte – weil sie sich gegen Tierversuche aussprechen, während sie in ein Wurstbrot beißen. Diese Leute wollen lieber heute als morgen verbieten, mit Hilfe von Mäusen Krankheiten wie ALS, Alzheimer oder Krebs zu erforschen. Forschung, die konkret zum Ziel hat, menschliches Leben zu retten. Gleichzeitig sind sie aber nicht bereit, auf ein saftiges Steak zu verzichten. Weil es nun mal besser schmeckt als Tofu-Schnitzel. Sie halten es für unerträglich grausam, mithilfe von Schafen Herz-Operationen zu entwickeln, die Kindern ein leidfreies Leben ermöglichen. Aber tragen echtes Rindsleder, weil es sich nun mal unvergleichlich geschmeidig anfühlt. Man sollte denken, diese völlig absurde Art der Priorisierung wären Einzelfälle, die einem höchstens in den Tiefen obskurer Internetforen begegnen. Aber weit gefehlt.

Eine Umfrage im Auftrag der EU-Kommission von 2006 ergab, dass 57% der EU-Bürger Tierversuche zum Zwecke der Medikamenten- und Therapieentwicklung für nicht akzeptabel halten. Wohlgemerkt, es wurde explizit nach medizinischer Forschung gefragt, nicht etwa nach dem Testen von Kosmetik oder Haushaltsprodukten. Gleichzeitig geben in anderen Umfragen weniger als 10% an, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren (2-9% in Deutschland, Übersicht auf Wikipedia). Etwa 50% unserer Bürger sind also Wurstbrote. Sie haben ein ethisches System, in dem die Befriedigung ihrer kulinarischen Gelüste de facto mehr wert ist als nicht nur ein, sondern viele Menschenleben. Wie um Himmels Willen kommt jemand zu einem solchen Wertesystem?

Einen wichtigen Hinweis liefert schon die Umfrage der EU-Kommission selbst: 85% der Teilnehmer gaben an, dass sie ihre Informationen zum Thema hauptsächlich von Tierschutzorganisationen erhalten. Einige dieser Organisationen versteigen sich bekanntermaßen zu der Behauptung, Tierversuche hätten noch nie zum medizinischen Fortschritt beigetragen und täten es auch heute nicht. Eine verwandte Behauptung ist, dass alle wichtigen Erkenntnisse aus Tierversuchen stattdessen auch mit tierfreien Alternativmethoden erlangt werden könnten. Wer diese Aussagen für bare Münze nimmt, der wertet natürlich ein Steak höher als einen medizinischen Tierversuch – weil der ja eben gar keinen Nutzen hat, nicht einmal einen kulinarischen.

Außerdem wird die Belastung der Versuchstiere von diesen Organisationen stark verzerrt dargestellt. Bilder werden mit falschen Informationen versehen, es werden Bilder von veralteten Versuchsmethoden oder aus anderen Ländern gezeigt, medizinische Ausnahmesituationen, wie eine schlecht verheilende Wunde, als Normalfall dargestellt und standardmäßige Maßnahmen Tierleid zu minimieren verschwiegen. Wenn ich von der irrigen Annahme ausgehe, dass eine Versuchsmaus unvorstellbar leidet, während das Schwein für mein Schnitzel kurz und schmerzlos getötet wird, berücksichtige ich das natürlich in meiner ethischen Bewertung.

Der dritte Grund ist ein all zu menschlicher. Die moralischen Standards werden höher, je weniger es mich selbst betrifft. Wer selbst keine schwere Krankheit in der Familie hat, schreibt schon mal in einem Leserbrief wir hätten bereits genug Medikamente und könnten daher langsam aufhören zu forschen. Die Einstellung zu Tierversuchen kann sich schlagartig ändern, wenn auf einmal das eigene Leben davon abhängt, wie Teva Harrison am eigenen Leib erfahren musste und mutig mit der Öffentlichkeit teilte. Wer Fleisch isst, weiß bei jeder Wurst, die er kauft, dass dafür Tiere sterben. Und er weiß ganz unmittelbar, auf was er verzichten müsste, wenn das nicht mehr so wäre. Tierversuche, wie Forschung im Allgemeinen, werden von Anderen gemacht, weit weg, scheinbar ohne mich direkt zu betreffen. Das ist natürlich eine Illusion. Nicht nur die schwer Kranken profitieren von Tierversuchen, sondern wir alle. Diejenigen von uns, die nicht in jungen Jahren an Kinderlähmung gestorben sind. Diejenigen, die nicht durch einen kleinen Kratzer den Arm verloren haben, oder gar das Leben, weil er sich entzündet hat.

Naturgemäß hat auch der psychologische Kontext der Fragestellung einen Einfluss. Geht es bei der Umfrage um Wissenschaft und Technologie, sprechen sich nur noch 37% der Befragten klar gegen Tierversuche aus und nur noch 18% wenn es konkret um Mäuse geht. Dennoch zeigen auch diese Zahlen eine „Vegetarierlücke“ von mindestens 8%.

Die Lehre, die daraus zu ziehen ist, liegt auf der Hand. Wir können niemandem vorwerfen, falschen Informationen auf den Leim zu gehen, wenn wir keine richtigen Informationen zur Verfügung stellen. Warum muss ich als Wissenschaftler für meine konkrete Frage auf einen Tierversuch zurückgreifen? Welche Tierversuche werden an meinem Institut gemacht und wie hoch ist die Belastung für die Versuchstiere? Bei einem medizinischen Fortschritt, z.B. einem neuen Medikament, wird in der Regel nur der letzte Schritt einer langen Forschungsreihe an die Presse kommuniziert – nämlich, wie es beim Patienten wirkt. Welche Rolle spielten Tierversuche auf dem Weg dahin? Es ist unsere Verpflichtung als Wissenschaftler, die Bevölkerung über diese Fragen aufzuklären. Bei jedem Kontakt mit der Presse und jedem privaten Gespräch über das Thema haben wir Gelegenheit dazu. Es kostet mich nur fünf Minuten, meinen Vorstand oder Dekan per Email aufzufordern, eine ausführliche Stellungnahme zu Tierversuchen deutlich sichtbar auf die Instituts-Homepage zu setzen. Am besten mit diesem Link zu vielen guten Beispielen. Und wenn mir das nicht reicht, engagiere ich mich bei Pro-Test Deutschland.