Nur eine objektive Debatte hilft Mensch und Tier

Maus auf Hand Gesicht im Hintergrund von UAR

© www.understandinganimalresearch.org.uk

Im April war der internationale Tag des Versuchtieres, ein Tag, der die ethische Debatte um Tierversuche wieder ein wenig mehr in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit rückt. Dazu wurde auf Zeit-Online ein interessanter Artikel verfasst, dem ich mich hier näher widmen möchte. In diesem Artikel wird versucht eine objektive Debatte zu fördern, ein Anliegen, das mir sehr am Herzen liegt. Ich bin der Meinung, dass diese wichtige Debatte verstärkt geführt werden muss. Doch nur, wenn sie objektiv geführt wird, können sowohl die Wissenschaft als auch die Tiere in der Forschung davon profitieren. Der Artikel beschreibt jedoch ein Bild von Tierversuchen in der Wissenschaft, welches sich fundamental von meinen Erfahrungen in der biomedizinischen Forschung unterscheidet. Auch sind in dem Artikel leider ein paar typische Missinterpretationen einiger Fakten zu finden. Da es sich teilweise um Mythen handelt, die sich hartnäckig in der Öffentlichkeit halten, gehen wir in unserem Faktencheck bereits auf einige Punkte ein (z.B. zu den Themen: „Aspirin“, „TGN1412“ und „Übertragbarkeit“). Hier möchte ich aber ausführlicher die angesprochenen Kritiken in einem größeren Kontext beschreiben.

Tierversuche und Medikamententests

Im Artikel wird berichtet, dass nur 5–8 % der Tierversuche auf den Menschen übertragbar wären, was ein großer Irrtum ist. Die Argumentation basiert auf einer Quelle, die die Erfolgsraten von klinischen Medikamententests betrachtet. Zunächst einmal machen Medikamententests nur einen Teil der Tierversuche aus, aber selbst die Aussage – nur 5–8 % der Tierversuche in Medikamententests sind übertragbar – ist nicht korrekt. Korrekt ist, dass nur 5–8 % der potenziellen Medikamente, welche in die klinischen Phasen kommen, auch wirklich auf den Markt gelangen. Die klinischen Tests, also die Versuche an menschlichen Probanden, sind in drei Phasen unterteilt: Test auf Giftigkeit (Phase 1), Wirkung (Phase 2) und Nebenwirkung (Phase 3). Auch korrekt ist, dass Medikamente ausführlich getestet werden müssen, bevor Sie zur Phase 1 zugelassen werden. Diese gesetzlich vorgeschriebenen Tests beinhalten Tierversuche und sind dazu da die Giftigkeit, soweit es möglich ist, auszuschließen. Nur so können wir eine möglichst hohe Sicherheit für die freiwilligen Probanden in der Phase 1 gewährleisten, die Menschen, die zum allerersten Mal das Medikament nehmen. Diese Tierversuche sind also nicht dafür da Wirkung oder Nebenwirkung zu testen. Präklinische Tests zur Wirksamkeit sind nicht eindeutig gesetzlich vorgeschrieben und hochgradig unterschiedlich, je nachdem welche Wirkungsweise gegen was für eine Krankheit vorliegt. Es werden hier nicht nur Tierversuche, sondern auch im hohen Maß z. B. Versuche an Zellkulturen oder Computersimulationen verwendet. Möchte man eine Aussage zur Übertragbarkeit treffen auf Basis von Erfolgen klinischer Studien, wäre höchstens ein Vergleich mit der Phase 1 angebracht. In dieser Phase liegt die Erfolgsquote bei 64,5 %. Auch diese Zahl beschreibt aber noch nicht ganz die Übertragbarkeitsrate von Giftigkeitstests bei Tierversuchen und bei Menschen. Es kann vorkommen, dass milde Effekte im Tier als vermutlich harmlos für den Menschen eingestuft werden, sich dann aber schon bei geringen Dosen im Menschen bemerkbar machen und zum Abbruch führen.  Eine Studie hat sich das genauer angesehen und ermittelte eine Rate von 71 %. Das ist die vermutlich genauste Zahl, die wir bei der Frage zur Übertragbarkeit von Tierversuchen anfügen können, zumindest bei Giftigkeitstests. Würden wir alternative Methoden verwenden, dann müssen diese Methoden genauso effektiv sein, ansonsten würden wir das Leben der Phase 1 Probanden ernsthaft gefährden.

Bemerkenswert ist aber, dass bei der großen Zahl an Phase-1-Studien so gut wie nie etwas schiefläuft. Im Artikel werden zwei Fälle genannt: TGN1412 im Jahr 2006 in England und die vor Kurzem erfolgte Bial-Studie in Frankreich. Bedenkt man, dass alleine in England 200 Phase-1-Studien pro Jahr laufen und hier gerade mal zwei Studien innerhalb von zehn Jahren in Europa aufgelistet werden, ist das eher ein Argument für, nicht gegen Tierversuche. Zudem gibt es Ermittlungen zur Bial-Studie, die auf schlampige Arbeit hinweisen. Möglicherweise hätten sauber durchgeführte Tierversuche, sowie aufmerksamere Behörden, das Problem bereits vorher entdeckt.

Weiterhin wird beschrieben, dass Medikamente wie Aspirin durch heutige Medikamententests durchfallen würden. Wie darf ich das in dem Kontext verstehen? Wie bereits erwähnt, werden Tierversuche zum Schutz der Probanden von Phase I Studien durchgeführt. Natürlich kann es dadurch passieren, dass wirksame Medikamente fälschlicherweise durch diese strengen Auflagen ausgesiebt werden. Aber weniger strenge Auflagen, oder sogar ein Verzicht auf diese Tierversuche, würde das Leben der Phase I Probanden ernsthaft gefährden. Nur weil es im Fall von Aspirin gut ging, rechtfertigt doch nicht fahrlässig das Leben von zukünftigen Probanden aufs Spiel zu setzen.

Wir von Pro-Test Deutschland begrüßen ausdrücklich den Fortschritt, den die Wissenschaft in den letzten Jahren bei alternativen Methoden, insbesondere in der Toxikologie, macht. Es ist richtig und wichtig, diese Entwicklungen weiter voranzutreiben. Der Artikel suggeriert, in der Toxikologie würden Tierversuche durchgeführt, für die es bereits Alternativen gibt. Tierversuche sind in Deutschland verboten, wenn es Alternativen gibt. Wie schon vorher erwähnt, ist es aber auch wichtig zu testen, ob diese Alternative so aussagekräftig wie Tierversuche sind. In Deutschland ist hierfür die „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ am BfR zuständig. So ein Prozess dauert seine Zeit. Außerdem kommt es leider häufig vor, dass die potenziellen Möglichkeiten von wissenschaftlichen Errungenschaften in den Medien hervorgehoben werden, ohne die Grenzen zu erklären. So kommt es immer wieder zu Missverständnissen was bei Alternativmethoden (oder allgemein in der Wissenschaft) möglich ist und was nicht. Pro-Test Deutschland setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft objektiv und Fakten-basiert kommuniziert wird, nicht nur bei Forschung zu alternativen Methoden, sondern auch bei Forschung mit Tierversuchen.

Schuld ist das System?

Weiterhin wird behauptet, dass Behörden kein Mitspracherecht bei der ethischen Entscheidung hätten, ob ein Tierversuch durchgeführt werden dürfte oder nicht. Es hört sich so an, als wäre das Genehmigungsverfahren eine Farce. Tatsächlich ist dieses Verfahren in Deutschland aber sehr genau und langwierig. René Tolba, Präsident der Gesellschaft für Versuchstierkunde, meinte sogar, dass Deutschland die EU-Vorgaben zu „120 Prozent“ umgesetzt habe. Die Behörden berufen Ethikkommissionen ein, die beratend wirken. Sind diese auch nicht bindend, so folgen die Behörden doch meistens deren Vorschlägen.

Guckt man sich dazu die Referenz im Artikel an, dann sieht man, dass die Argumentation auf dem Fall des Neurowissenschaftlers Andreas Kreiter basiert. Das Oberverwaltungsgericht in Bremen hatte ein Verbot seiner Forschung durch die zuständige Behörde nicht zugelassen. Bei dem umstrittenen Verbot ging es leider weniger um Ethik und das Wohlergehen der Tiere, sondern eher um Politik. Da Tierschützer für viel Aufsehen gesorgt hatten und in Bremen Wahlen anstanden, wollten auf einmal fast alle großen Parteien diese Versuche verbieten. Nach den Wahlen musste dann aber ein „ethischer“ Grund dafür her, schließlich waren diese Versuche jahrelang in Ordnung gewesen. So wurde das Gutachten eines Tierarztes eingefordert, der noch nie das Labor besucht hatte, aber das geschrieben hat, was die Politiker hören wollten. Der Tierarzt des Veterinäramtes, der regelmäßig unangekündigt die Versuche kontrolliert, hatte kein Mitspracherecht. Auch war weder die ausgezeichnete Beurteilung einer Wissenschaftlerkommission von Interesse, noch wurde der Tierschutzkommission Gehör geschenkt, die ebenfalls nichts auszusetzen hatte. Eine gute ausführliche Beschreibung gibt es hier. Meiner Ansicht nach ist es gut zu wissen, dass die Rechtssprechung Wissenschaftler vor politischer Willkür schützt.

Zusätzlich wird behauptet, dass Wissenschaftler auf Widerstand stoßen, wenn sie Verfahren ohne Tierversuche verwenden. Diese Meinung steht im krassen Gegensatz zu meinen Erfahrungen. Jeder Wissenschaftler, den ich kenne, würde seine Erkenntnisse lieber mit Methoden erhalten, die keine Tierversuche benötigen. Allerdings hat jede Methode in der biomedizinischen Forschung ihre Nachteile, egal ob mit oder ohne Tierversuch. Ein Gesamtverständnis von unserem Körper und von Krankheiten können wir nur durch ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Herangehensweisen erlangen. Teilweise funktioniert das mit und teilweise ohne Tierversuche. Dass aber diejenigen Methoden, die sich auf Tierversuche stützen, mehr Ansehen erlangen sollen, erschließt sich mir nicht. Eher ist es umgekehrt: Wenn Forscher es schaffen, Methoden, die vorher nur mit Tierversuchen möglich waren, auf Menschen anzuwenden, dann erhalten sie häufig sehr große Aufmerksamkeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft. Ein kürzliches Beispiel ist ein Bypass einer Querschnittslähmung mittels ins Gehirn implantierter Elektroden, eine direkte Folge aus Studien an Affen, die deutlich weniger Aufsehen erregt haben.

Trotz meiner ausschweifenden Kritik an dem Artikel bin ich froh, dass er auf Zeit-Online publiziert wurde. Diese Debatte sollte mehr Aufmerksamkeit durch die Medien erhalten. Ob und unter welchen Umständen mit Tieren experimentiert werden darf, ist eine wichtige wie auch schwierige ethische Frage und ich glaube fest daran, dass nur ein offener, informierter und objektiver Austausch zu sinnvollen Antworten führen kann. Nur, in dem wir möglichst viele Informationen mit einbeziehen können wir dieser Debatte gerecht werden.