Tagung zur Versuchstierkunde

Mitte September war die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für Versuchstierkunde (GV-Solas) und der Interessensgemeinschaft der Tierpflegerinnen (IGTP) in Köln. Drei Tage lang wurde unter anderem darüber diskutiert, wie man Versuchstiere optimal hält, wie man die Belastung einer gentechnisch veränderten Mauslinie einschätzt, oder wie man am besten über Tierversuche kommuniziert. Da waren wir von Pro-Test Deutschland natürlich nicht weit!

Tagungsort Köln (quelle: https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:11.08.2007._K%C3%B6ln_-_panoramio.jpg, Sandor Bordas)

Gleich vier Mitglieder waren vor Ort, um die neuesten Entwicklungen mitzubekommen. Unser Lars moderierte eine Session über Neuigkeiten bezüglich des 3R-Prinzips (replace, reduce, refine, also Tierversuche ersetzen, reduzieren, verbessern). Dort stellten Wissenschaftler z.B. Untersuchungen darüber vor, mit wieviel Einstreu im Käfig sich eine Maus am wohlsten fühlt, oder welches Spielzeug im Käfig am besten angenommen wird. Das sind Beispiele für das am wenigsten medienwirksame aber genauso wichtige R: refinement. Wir können nicht alle Tierversuche ersetzen. Dann müssen wir die, die übrig bleiben, so gestalten, dass sie so wenig Belastung für die Tiere wie möglich bedeuten. Wie in jedem Bereich der Wissenschaft gibt es auch hier ständig neue Ideen und Erkenntnisse, unter anderem darüber, wie Tiere am besten zu halten sind. In diesem Bereich immer auf dem neuesten Stand des Wissens zu sein, sollte Ziel jeder Versuchstierhaltung sein! Im Interesse der Tiere müssen neueste Erkenntnisse schnellst möglich in der Praxis ankommen, nicht erst wenn sie sich als offizielle Empfehlung niederschlagen.

Unser Flo hielt einen Vortrag in einer Session über Öffentlichkeitsarbeit. Der vollbesetzte Saal zeugte vom großen Interesse am Thema. Neben Pro-Test waren weitere hochkarätige Experten vor Ort: Kirk Leech von EARA, Stefan Treue von Tierversuche Verstehen (außerdem Direktor des deutschen Primatenzentrums), und Boris Jerchow, der von den Protesten gegen den Bau eines modernen Tierhauses am MDC Berlin und dem äußerst erfolgreichen Kommunikationskonzept berichtete, mit dem das Institut reagiert hatte.

Alle Vortragenden waren sich einig: Kommunikation über Tierversuche muss proaktiv erfolgen! Wenn die Institute erst dann über Tierversuche sprechen, wenn sie durch Angriffe oder Schlagzeilen dazu gezwungen werden, sind sie in der Defensive. Dann ist es zu spät, den Sinn und Nutzen der Tierversuche in Ruhe zu erklären. Stattdessen müssen die Institute von sich aus das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Umso erschreckender die Zahlen, die Kirk Leech präsentierte: Nur etwa 10% der deutschen Universitäten haben überhaupt ein Statement zu Tierversuchen auf ihrer Internetpräsenz!

Einigkeit herrschte auch darüber, dass die Verpflichtung, über Tierversuche aufzuklären, nicht einfach an eine große Vereinigung wie Tierversuche Verstehen abgeschoben werden könne. Die Unis und Institute müssten zusätzlich selbst über ihre eigenen Versuche berichten. Nur so könne eine Vielstimmigkeit entstehen, die den wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema deutlich mache. So sollten bei jeder wissenschaftlichen Erfolgsmeldung, die ein Institut an die Presse gebe, die Rolle von Tierversuchen für diesen Fortschritt erwähnt werden.
Ein weiteres Thema, das auch vom Publikum rege diskutiert wurde, wurde von Flo eingebracht: die Tierversuchskommunikation innerhalb der Institute. Die Menschen, die täglich mit Versuchstieren arbeiten, Wissenschaftler, Tierärzte, Tierpfleger, müssen in die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Einrichtungen eingebunden werden. Es wird schließlich über ihre Arbeit geredet, da sollten sie auch mindestens mal gefragt werden, wie sie die Kommunikation ihrer Pressestellen überhaupt finden. Es muss jedem Mitarbeiter möglich sein, eventuelle Probleme anzusprechen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Dazu braucht es klare interne Kommunikationsstrukturen. Einerseits hilft das, die Einhaltung der Regeln und Auflagen konsequent zu gewährleisten. Anderseits muss es aber auch für das Ansprechen ethischer Zweifel jenseits der verpflichtenden Auflagen einen Platz geben. Besonders Berufsanfänger dürften mit ihren Fragen nicht alleine gelassen werden, wie Wortbeiträge aus dem Publikum anmerkten.

Voraussetzung für die Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen seien Ehrlichkeit und Offenheit, argumentierte Stefan Treue. Man müsse z.B. bereit sein, Fehler einzugestehen, die in der Wissenschaft gemacht werden. Auch in der Diskussion mit Tierversuchsgegnern sollte man seine Offenheit gegenüber ihren Argumenten bewahren. Das entspricht den Erfahrungen, die wir bei Pro-Test gemacht haben. Obwohl uns in Diskussionen sehr viele Argumente begegnen, die einfach auf falschen Tatsachen beruhen, sind auch immer wieder gute und valide Punkte dabei, insbesondere zur ethischen Bewertung von Tierversuchen. Führt man eine Diskussion auf Augenhöhe, ist man nicht nur glaubwürdiger, sondern profitiert auch selbst viel mehr, indem man immer wieder neue Sichtweisen kennenlernt.

„Ich habe das Gefühl, wir verstecken uns – das darf nicht sein!“

Pro-Test Deutschland zu Gast an der Universität des Saarlandes


von Emma Pietsch

Pro-Test Deutschland e. V. will eine faire Diskussion zum Thema Tierversuche auf der Grundlage von verlässlichen Informationen über wissenschaftliche, ethische, rechtliche, soziale und psychologische Aspekte tierexperimenteller Forschung anregen. Für viele Menschen außerhalb der Wissenschaft ist es schwierig, an verlässliche Informationen zu gelangen. Wissenschaftler, die mit Tieren arbeiten, wissen mehr über das Thema und tragen daher die Verantwortung, ihr Wissen zu teilen und Rechenschaft abzulegen.

Als wir von der Tierschutzbeauftragten der Universität des Saarlandes, Dr. Monika Frings, eingeladen wurden, einen Vortrag über Pro-Test zu halten, entschieden wir uns für den Titel „Wir müssen reden – Tierversuche offen kommunizieren“.

Hat uns eingeladen: Dr. Monika Frings, Tierschutzbeauftragte der Universität des Saarlandes

Wir, das sind Julia und Emma aus der Heidelberger Pro-Test-Gruppe. Am 22. Juni 2017 standen wir dann in Homburg über 50 Mitarbeitern aus den Laboren und Tierställen gegenüber. Allein die ziemlich große Zahl von Anwesenden zeigte uns, dass das Thema der „richtigen“ und offenen Kommunikation viele Wissenschaftler beschäftigt, für die Tierversuche zum Laboralltag gehören. In der Debatte wurde dann auch immer wieder deutlich, dass viele einfach nicht wissen, ob und wie sie über ihre Experimente reden sollen. Generell war sich das Publikum einig, dass Tierversuche notwendig sind und nicht grundsätzlich abgelehnt werden können. Über die Art der Kommunikation und Transparenz von Tierversuchen wurde aber lebhaft diskutiert. Der Landesbeauftragte für Tierschutz des Saarlandes, Dr. Hans-Friedrich Willimzik, trug maßgeblich dazu bei.

War nur teilweise unserer Meinung: Dr. Hans-Friedrich Willimzik, Tierschutzbeauftragter des Saarlandes

Er betonte, es müsse klar gemacht werden, dass nur Versuche unterstützt werden, die „notwendig und sinnvoll“ sind. Eben darin liegt aber bereits ein erstes Problem: Über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines Versuchs entscheidet nicht der Wissenschaftler selbst. Und auch wir möchten uns gar nicht anmaßen, zu entscheiden, welche Versuche gemacht werden sollten und welche nicht. Das ist Aufgabe der Kommission, die nach der Antragstellung für ein Tierexperiment von der Genehmigungsbehörde eingesetzt wird.

Insgesamt schien es vielen Zuhörern eine Herzensangelegenheit zu sein, einmal offen zu erklären, worin sie die Schwierigkeiten sehen, Tierexperimente aufgeschlossener zu kommunizieren – im Privaten genauso wie im öffentlichen Raum. Die Debatte drehte sich daher auch immer wieder um die Möglichkeiten, wie ganz konkret an der Universität des Saarlandes die Kommunikation zum Thema Tierversuche verbessert werden könnte, und welche Schwierigkeiten oder Ängste damit verbunden sind. Große Institutionen wie Universitäten sehen sich mit anderen Problemen konfrontiert als ein gemeinnütziger Verein wie Pro-Test Deutschland. Viele Wissenschaftler und Universitätsmitarbeiter befürchten, dass durch offenere Kommunikation Tierversuchsgegner auf den Plan gerufen werden könnten, die den Laborbetrieb stören oder auf anderem Wege Schaden anrichten könnten. Auch aus dem Homburger Publikum bekamen wir diesen Einwand zu hören. Dennoch war sich das Publikum einig, dass insgesamt offener mit Tierversuchen umgegangen werden sollte, und dass die befürchtete Konfrontation mit Tierrechtsorganisationen und Tierversuchsgegnern dem Wunsch nach mehr Transparenz nicht im Weg stehen darf. Schon im eigenen Interesse: Wollen wir wirklich, dass die Öffentlichkeit Informationen nur von Tierversuchsgegnern beziehen kann?

Erschreckendes Ergebnis einer Umfrage unter EU-Bürgern, woher sie ihre Informationen zu Tierversuchen beziehen: Überallher, nur selten von den Forschern selbst!

Eine Wortmeldung lautete: „Ich habe das Gefühl, wir verstecken uns. Das darf nicht sein.“ Wir sehen das genauso. Die Auseinandersetzung mit Tierversuchsgegnern soll nicht gescheut, sondern als Dialog angeregt werden, bei dem beide Seiten zu Wort kommen und sachlich argumentieren können. Es ist begrüßenswert, wenn eine Gesellschaft über die Dinge spricht, die alle etwas angehen.

Wir haben uns sehr über die Einladung, die rege Debatte in Homburg und das positive Feedback zu unserer Arbeit gefreut und bedanken uns bei allen Zuhörern ganz herzlich. Wir selbst nehmen auch viele neue Denkanstöße und Anregungen mit und hoffen, dass der ein oder andere einen eigenen Weg findet, seine Experimente offener anzusprechen. Pro-Test bietet eine Plattform, auf der Wissenschaftler selbst zu Wort kommen können, und füllt mit seiner Arbeit eine Informationslücke, aber das ist nur einer der vielen Wege, um (endlich) offen zu reden.

Unis, seid wie Hohenheim!

Die Uni Hohenheim hat soeben eine Kommunikationsoffensive gestartet, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

Die Uni hat nicht nur eine tolle neue Kommunikationsstrategie, sondern auch ein tolles Schloss

Journalisten werden durch die Versuchstierhaltungen geführt (Bericht 1, Bericht 2). Ein neuer Bereich der Homepage informiert ausführlich über laufende Tierversuche – inklusive virtuellem Rundgang durch die Tierhaltungen. Die Uni nimmt aktiv den Dialog mit Tierschutzorganisationen auf. In den „Hohenheimer Leitlinien für Tierversuche“ verpflichtet sie sich darüber hinaus zu Dialogbereitschaft und Beantwortung aller Anfragen.

Dieser Vorstoß hat bei uns von Pro-Test Deutschland gehörigen Jubel ausgelöst. Und ein kleines bisschen Stolz. Was ihr nämlich nicht wisst: ganz unbeteiligt sind wir an dieser tollen Entwicklung nicht.

Im Februar letzten Jahres wurden wir von der Uni Hohenheim zu einem internen Workshop eingeladen. Es wurde besprochen, wie transparent die zukünftige Öffentlichkeitsarbeit der Uni mit dem Thema Tierversuche umgehen soll. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Aber wer weiß schon, wie die Öffentlichkeit wirklich darauf reagiert, wenn man ganz offen über seine eigenen Tierversuche spricht?

Wir. Offen über Tierversuche sprechen ist, was wir seit unserer Gründung 2015 tun. Mit unseren echten Namen. Mit unseren echten Gesichtern. Im Netz (Facebook, Twitter) genauso wie auf dem Marktplatz (hier, hier, hier) .

Deswegen ist unser Florian für uns nach Hohenheim gefahren und hat den Verantwortlichen dort berichtet, wie das so ist. Wie fühlt sich das an, Namen und Foto so zu veröffentlichen? Wie reagieren die Leute auf der Straße auf das Thema? Was für Feedback kriegen wir per Email? Wenn ihr uns schon eine Weile folgt, dann kennt ihr die Antworten. Es fühlt sich großartig an und das Feedback ist überwältigend. Auch mit entschiedenen Tierversuchsgegnern kann man vernünftig reden, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Und wir halten es für unsere Verpflichtung als Wissenschaftler, diesen Dialog mit der Gesellschaft, in  der wir leben,  offen zu führen.

Natürlich wissen wir nicht, wie sehr wir die Entscheidung zum neuen, offenen Konzept der Uni Hohenheim wirklich mit beeinflusst haben. Aber wir freuen uns irrsinnig, dass sie jetzt zu einer offenen Kommunikationsstrategie übergegangen sind, die ganz genau so ist, wie wir sie uns für alle deutschen Universitäten wünschen würden.

Wenn ihr wollt, dass wir auch an eurem Institut mit euch über unsere Vorstellungen von gelungener Tierversuchskomminikation sprechen, sagt einfach Bescheid. Wir kommen vorbei!

 

Wir unterstützen den March for Science

Heute ist der March for Science. Heute gehen an 500 Standorten weltweit zahllose Wissenschaftler auf die Straße. Warum tun die das? Einige von uns, die selbst dabei sein werden, geben ihre ganz persönlichen Antworten.

„Klar – wenn jahrhundertelang niemand Wissenschaft betrieben hätte, dann ginge es heute allen Menschen schlechter. Schön und gut. Aber heißt das denn, dass auch jede aktuelle Forschung sinnvoll ist?

Wissenschaft machen nur wenige. Stellvertretend für uns alle suchen, zweifeln und scheitern sie, und stoßen doch immer wieder auf kleine und große Erkenntnisse, die unser Leben verändern. Kann man ihnen diese Verantwortung wirklich anvertrauen? Was für Menschen sind das überhaupt? Was treibt sie an? Und welche Werte bestimmen ihr Handeln? Muss ich blind vertrauen, wenn ich nicht selbst „vom Fach“ bin?

Das sind verdammt gute Fragen, und sie alle verdienen eine ehrliche Antwort. Niemand kann dazu besser Rede und Antwort stehen als wir selbst: Forscher und Tierpfleger, Studierende und Professorinnen! Wir alle können selbstbewusst unser Gesicht zeigen, klar und deutlich Position beziehen – und gemeinsam für eine freie und ergebnisoffene Wissenschaft eintreten.“

–  Florian Dehmelt

„Menschliche Errungenschaften wie die Stromversorgung, barrierefreies Internet und eine gute Verkehrsinfrastruktur sind nicht selbstverständlich. Sie sind das Produkt von Neugier, Fragen und Mühen von Wissenschaftlern, die den Mut und die Möglichkeiten hatten, Neues auszuprobieren.

Dank des Internets ist es heute einfacher, Ideen auszutauschen: Aus aller Welt arbeiten Wissenschaftler gemeinsam an Lösungen von morgen, damit Bestehendes besser und Neues geschaffen wird – und unser Planet dabei für alle erhalten bleibt. Wissenschaftler müssen dabei neugierig sein dürfen. Auch unangenehme Fragen führen zu Erkenntnissen, die allen helfen, sei es in Ökologie, Medizin oder Politik. Deshalb darf die öffentliche Finanzierung transparenter Forschung nicht auf Grund von Interessen einzelner Personen und Lobbyisten eingeschränkt werden. Forschung und frühe Wissenschaftsbildung liegen in humaner Verantwortung und sollten damit weit über staatliche Interessen hinausgehen.

Konkret bedeutet das: faire Finanzierung, ehrlichen Datenaustausch und freies Reisen für Forscher aller Nationen. Um an diese Voraussetzung freier Wissenschaft zu erinnern, nehme ich am Science March teil.“

–  Marie Schmidt

„Am 22. April werde ich in Tübingen mit allen anderen auf die Straße gehen, die der Wissenschaft ihre Stimme leihen wollen.

Als ich vor knapp zwei Jahren mitgeholfen habe, Pro-Test Deutschland e.V. aufzubauen, war genau das unser Anliegen: Zuviele von uns hüllen sich in Schweigen, wir erklären uns nicht, wir erwarten gesellschaftliche Akzeptanz, Anerkennung und Ansehen, und vermitteln doch nur allzu selten, warum, zu welchem Ende und wie wir Wissenschaft betreiben. Sicher: Es ist nicht leicht, unter zivilgesellschaftlich scheinbar drängenderen Themen auch für die Anliegen der Wissenschaft ein offenes Ohr in der Öffentlichkeit zu finden. Aber das heißt noch lange nicht, dass man es nicht versuchen sollte.

Als Initiative, die für offene Kommunikation über Tierversuche in der Forschung eintritt, haben wir von Pro-Test Deutschland e.V. es gewissermaßen leichter als viele Kollegen, über unsere Wissenschaft zu sprechen. Immerhin gehen wir mit einem der heißen Eisen in der Debatte über Wissenschaft um, so dass unserem Thema zumindest Aufmerksamkeit gewiss ist. Dennoch scheint der öffentliche Diskurs in diesem Themenfeld weitgehend von faktenbefreiter Stimmungsmache und der Verhandelbarkeit aller Information beherrscht zu sein. Und auch in diesem Feld mangelt es der Wissenschaft an einer Stimme, die jene Dinge einfordert, die Grundlage eines jeden vernünftigen gesellschaftlichen Diskurses sein sollten. Für diese Dinge will ich – nicht nur am 22. April – einstehen:

Die Pflicht zur Redlichkeit. Die Kritik des eigenen Standpunktes. Das freie Offenlegen der Vorgehensweise. Das Beharren auf Nachweisen für Aussagen. Die ergebnisoffene, evidenzbasierte Suche nach dem, was wir mit gutem Grund für die Wahrheit halten können. Und die Freiheit, als Wissenschaftler auch in Zukunft ohne Angst vor Repressalien und in mündiger Eigenverantwortung unsere Fragen zu stellen – und die Antworten unseren Mitmenschen so mitzuteilen, wie sie wirklich sind.“

–  Paul Töbelmann

Und dann haben wir noch eine etwas ausführlichere Erklärung von Lars, der die Anliegen, die sich an den March for Science knüpfen, ein bisschen stärker auf unser Kernthema bezieht:

„Für eine faktenbasierte Diskussion über Tierversuche

Tierversuche in Forschung und Entwicklung stellen uns vor ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen Tod und Leid der Versuchstiere. Sollten wir sie nicht lieber verschonen? Auf der anderen Seite steht der Nutzen, den wir durch das erlangte Wissen haben. Wissen, das uns gegebenenfalls in der Zukunft ermöglicht, Patienten das Leben oder Tierarten vor dem Aussterben zu retten. Sollen wir die wirklich im Stich lassen? Wir müssen uns als Gesellschaft einigen. Welche Tierversuche sind gewollt, welche nicht? Diese Entscheidung ist alles andere als trivial. Wer sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass Versuch nicht gleich Versuch ist und Nutzen nicht gleich Nutzen. Die Methoden ändern sich ständig, damit auch die mögliche Belastung für die Tiere. Wir brauchen eine andauernde Debatte.

Was wir stattdessen haben, ist eine Farce. Organisierte Tierversuchsgegner haben sich aus der Diskussion um eine ethische Bewertung lange verabschiedet. Stattdessen fahren sie die gleiche Strategie, wie in den 50ern die Tabakindustrie, später die agendagetriebenen Klimaleugner oder Impfgegner. Sie leugnen die Fakten. Es gäbe gar kein Dilemma. Man könne jederzeit auf Tierversuche verzichten, ohne den geringsten Preis dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil, die Wissenschaft würde dadurch automatisch besser. Wie erklärt man dann, dass die Wissenschaftler geschlossen etwas anderes versichern? Na, ganz einfach, die lügen halt alle.
Einzelne Wissenschaftler diffamieren, Kompetenz absprechen, Interessenskonflikt unterstellen, das alles ist direkt aus dem Strategiekonzept anderer großer Wissenschaftsleugner übernommen.
In aufwändigen Kampagnen werden einzelne Wissenschaftler angegriffen. So der Bremer Professor Kreiter, der in kostspieligen, überregionalen Zeitungsanzeigen als “eiskalter Experimentator” bezeichnet wurde, der aus reinem Sadismus völlig nutzlose Forschung betreibe.

In den einschlägigen Flugblättern, Webseiten und Pressemitteilungen werden die Wörter “Wissenschaftler” oder “Forscher” stets in Anführungszeichen gesetzt. Den Wissenschaftlern wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Ihre Arbeit hätte nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert, wird gebetsmühlenartig wiederholt. Wenn man es nur oft genug sagt, muss es ja irgendwann wahr werden. Wirkliche Kompetenz hätte nur man selbst, die Tierrechtsorganisation. Medizingeschichte wird einfach umgeschrieben. Die Insulintherapie für Diabetiker? Völlig unabhängig von Forschung mit Hunden entwickelt worden! Der Nobelpreis im Jahre 1923 folglich zu Unrecht vergeben. Die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung von Parkinson? Völlig unabhängig von Forschung in Affen entwickelt! Dass Dr. Benabid, der Arzt, der damit erstmalig Patienten erfolgreich behandelte, sagt, dass seine Methode auf der Forschung eines Kollegen mit Affen aufbaut, kann dann ja nur daran liegen, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Oder lügt. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Wer “Tierversuche” googelt, findet solche Abhandlungen gleich unter den ersten Treffern.

Je radikaler die “alternative” Version der Wirklichkeit von der offiziellen abweicht, desto bereitwilliger scheint sie aufgenommen zu werden. Wie sehr das fruchtet, merke ich regelmäßig in Diskussionen. Kaum eine Kommentarspalte zum Thema, in der nicht mindestens einmal der Ausspruch zitiert wird: “es gibt nur zwei Gründe, Tierversuche zu befürworten, man weiß zu wenig darüber, oder man verdient daran” (Hartinger). Ein anderer Evergreen: “Wer nicht zögert, Tierversuche zu machen, wird auch nicht zögern, darüber zu lügen” (Shaw). Der schnelle Ausweg aus der kognitiven Dissonanz: Informationen, die nicht zu meiner Meinung passen, müssen unwahr sein. Die Wirklichkeit wird verbogen, bis kein Dilemma mehr existiert, bis es nur noch eindeutig richtig und eindeutig falsch gibt. Dass in dieser Version Heerscharen unabhängiger Forscher weltweit lügen müssten, während Tierrechtsorganisationen mit eindeutiger Interessenslage die einzigen wären, die die Faktenlage richtig erfassen und wissenschaftlich einordnen könnten, müsste eigentlich bei jedem für einen vollen Ausschlag des Bullshit-Detektors reichen. Tut es aber nicht.

Das mag daran liegen, dass die Texte der Tierrechtsorganisationen zum Teil sehr geschickt geschrieben sind. Durch die altbekannten Methoden des Cherrypicking, dem gezielten Auslassen eines ganzen Bergs an wichtigen Informationen, und der verzerrten Darstellung von Halbwahrheiten, lässt sich eine fundiert klingende Version der Wirklichkeit schreiben, die den Autoren wie durch Zufall genau in den Kram passt. Mit Quellenangaben und allem.

Aber wenn Tierversuche so nutzlos sind, warum werden sie dann durchgeführt? Na, aus Geldgier, natürlich! Es wird nach Herzenslust von einer “Tierversuchsindustrie” fabuliert, die so mächtig sei, dass sie die besseren tierfreien Alternativmethoden unterdrücke. Unabhängige Forscher könnten angeblich nur dicke Förderungen absahnen, wenn sie Tierversuche machten. Erfolgreiche Karrieren von Grundlagenforschern, die ausschließlich an Menschen, mit Computersimulationen, oder Hefezellen arbeiten, bringen die gefühlte Wahrheit dieser Vorstellung nicht ins wanken. Außerdem scheffele big Pharma Unsummen mit unnötigen Tierversuchen. Moment, Pharmaunternehmen verdienen dadurch, dass sie etwas machen, das viel Geld kostet, aber keinerlei Nutzen hat? Eine weitere Steilvorlage für jeden inneren Bullshit-Detektor. Aber die Kombination von big Pharma und Raffgier scheint heutzutage schon für Glaubwürdigkeit auszureichen, egal wie abenteuerlich die Anschuldigung.

Doch bei allen Parallelen zu anderen Fällen systematischer Faktenleugnung gibt es bei der Tierversuchsdiskussion einen wichtigen, großen Unterschied. Den eklatanten Mangel an Widerspruch. Bei den Themen Impfen oder Klimawandel gibt es klare, laute Stellungnahmen, von den größten internationalen und nationalen Wissenschaftsorganisationen bis zu den einzelnen Wissenschaftlern, die sich in Interviews, Blogs und Kommentarspalten um Richtigstellung bemühen. Wir sehen, dass das bei weitem nicht ausreicht – große Teile der Gesellschaft misstrauen der wissenschaftlichen Darstellung der Lage. Beim Thema Tierversuche haben wir aber nicht einmal das. Mit denen möchte niemand assoziiert werden. Kaum einer, der Tierversuche macht oder auf Daten daraus zurückgreift, erklärt sich der Öffentlichkeit. Ein Grund mag sein, dass es sich lediglich um eine Gruppe von Methoden handelt, Mittel zum Zweck. Bei Klima oder Medizin geht es um Ergebnisse, um Erkenntnisse, die in langer, mühsamer Arbeit der Natur abgerungen wurden. Wenn das jemand leugnet, etwa behauptet es gäbe kein HIV oder Masernviren, leugnet er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, den Kern dessen, wofür wir unser Leben lang arbeiten. Bei einer Tier-basierten Methode ist das anders. Gäbe es da eine tierfreie Alternative mit höherer Aussagekraft, würde sie im Handumdrehen Einzug in die Labore halten und den entsprechenden Tierversuch verdrängen, selbst wenn das nicht bereits gesetzlich so vorgeschrieben wäre. Wie schnell so etwas geht, kann man an den Beispielen der neuen Methoden Optogenetik oder CRISPR sehen, die in wenigen Jahren weltweit neuer Standard geworden sind. Wer will schon für Tierversuche einstehen, wenn es jedem recht wäre, wenn sie überflüssig würden? Der Knackpunkt ist, dass sie es eben noch nicht sind und auf absehbare Zeit nicht sein werden.

Ich möchte in aller Deutlichkeit klarmachen, was hier auf dem Spiel steht. Tierversuche sind essentiell für die biomedizinische Forschung. Auf sie verzichten, bevor wir sie gleichwertig ersetzen können, bedeutet, Erkenntnisse zu verzögern und damit all jene im Stich lassen, die von ihnen bis dahin profitiert hätten. Zum Beispiel Schwerkranke. Aber es geht um noch mehr. Die Angriffe auf Forschung mit Tieren sind zu einem beträchtlichen Teil Angriffe auf Grundlagenforschung im allgemeinen. Es wird polemisiert, Tiere müssten sterben, damit Forscher (selbstverständlich in Anführungszeichen) ihre Neugier befriedigen könnten. Einzelne Projekte aus der Grundlagenforschung werden willkürlich herausgepickt und als Beispiele eindeutig nutzloser Forschung beschimpft, als “Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Experimentatoren”. Einzelne Projekte, kleinste Puzzlestücke eines langen Erkenntnisprozesses, aus dem Zusammenhang reißen um eine offensichtliche Nutzlosigkeit unterstellen zu können, ist ein schmutziger Trick, ein cheap shot gegen die Wissenschaft, mit dem auch amerikanische rechtsaußen Politiker regelmäßig Forschungsförderung als Geldverschwendung darstellen.

Die Tierversuchsdiskussion, die wir heute haben, ist ein weitgehend unwidersprochener Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern, der Validität von Evidenz und das Konzept der Grundlagenforschung. Wir sehen in anderen Bereichen, wie schwierig es sein kann, Wissenschaft gegen solche Angriffe zu verteidigen. Eine Verteidigung ganz sein zu lassen und der Demontage einer der größten Errungenschaften unserer Zivilisation tatenlos zuzusehen ist Wahnsinn. Es ist unverantwortlich im höchsten Maße.

Seit kurzem gibt es die Initiative Tierversuche Verstehen, die mit der Legitimation aller großen deutschen Wissenschaftsverbände endlich versucht, dem etwas entgegen zu setzen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. In Zeiten der Google-Suche ist das nur ein einzelner Treffer, eine einzelne Stimme im Morast der Fehlinformationen. Der offizielle Rückhalt von Wissenschaftsvereinigungen fällt für den normalen Internetnutzer nicht ins Gewicht. Was wir brauchen, ist Vielstimmigkeit. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass jedes Institut, das mit Tieren forscht, eine Erklärung zu Tierversuchen gut sichtbar auf seiner Homepage platziert. Es muss der Normalfall sein, dass Journalisten eingeladen werden, die Versuchstierhaltung zu besichtigen. Wir müssen transparent mit der ethischen Abwägung umgehen, die wir vornehmen. Was genau muten wir welchen Tieren zu und welchen Grund haben wir, uns davon welchen Nutzen zu versprechen? Diese Abwägung nehmen wir im Auftrag der Öffentlichkeit vor. Es ist unsere Verpflichtung, der Öffentlichkeit diese Informationen zugänglich zu machen.

Aber auch das reicht nicht aus. Wir brauchen die Stimmen der einzelnen Wissenschaftler. Wir sind diejenigen, die Tierversuche verantworten. Wir sind Menschen mit individuellen Beweggründen, kein gesichtsloses Institut. Unsere Beweggründe, unsere Gesichter und unsere Stimmen braucht es in den Blogs, Kommentarspalten und Gesprächen.
Was wir dabei in jedem Beitrag beherzigen sollten, ist die klare Trennung von Meinungen und Fakten. Ein Wissenschaftler, der der Versuchung erliegt, seine Meinung als einzig mögliche Schlussfolgerung, als von den Fakten vorgegebene Konsequenz darzustellen, verfehlt seinen Auftrag. Das gilt im übrigen nicht nur für dieses Thema, sondern auch für alle anderen, bei denen Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen kann. “Wir brauchen Tierversuche” ist kein Fakt. “Wir brauchen Tierversuche, um bestimmte wissenschaftliche Fragen beantworten zu können” ist ein Fakt. “Die Beantwortung dieser Fragen ist so wichtig, dass Tierversuche dafür nicht nur gerechtfertigt, sondern ethisch geboten sind“ ist eine Meinung. Es ist meine Meinung.

Diskutieren wir über Tierversuche! Nicht nur beim Science March. Respektieren wir, dass Menschen völlig andere Meinungen zum Thema haben können! Aber nur wenn Meinungen auf Fakten basieren, können wir uns sinnvoll über sie austauschen.“

–  Lars Dittrich

Kurz-Schlüsse – Das MPI und die Ratten

“The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.”

Zu Deutsch etwa: “Die Energie, die man zur Widerlegung von Unsinn braucht, ist um eine Größenordnung größer als die Energie, die man braucht um ihn zu produzieren.“

Dieses Zitat ist bekannt als die “Bullshit-Asymmetrie“, stammt von Alberto Brandolini, einem italienischen Programmierer, und es scheint in einer Zeit, die geprägt ist von Schlagworten wie „postfaktisch“ oder “alternative Fakten” passender als je zuvor. Doch nicht nur auf Regierungsebene findet man Behauptungen und Schlussfolgerungen, die jeglicher Grundlage entbehren, denn auch in der Wissenschaft muss man sich inzwischen immer stärker damit auseinandersetzen.

Abb. 1: Wie man Bullshit loswird.

Ein Beispiel: Letzte Woche Montag hat eine bekannte radikale Tierrechtsorganisation im Netz ein Video über Missstände am Max Planck Institut Tübingen (MPI) veröffentlicht. In diesem Video berichtet eine anonyme Frau über ihre Erlebnisse als Praktikantin am MPI. Dort sei sie gezwungen worden, ohne qualifizierte Einweisung schwierige, nicht notwendige Experimente an Ratten durchzuführen, die womöglich nicht sachgemäß betäubt wurden.

So weit, so schlecht. Bisher gibt es keine handfesten Beweise, sondern eine Behauptung von einer anonymen Quelle, die von einer nicht-neutralen Organisation veröffentlicht worden ist. Eine Strafanzeige wurde gestellt, also muss der Fall untersucht werden. Das ist selbstverständlich richtig so, denn auch dem kleinsten Verdacht von Tiermisshandlung muss nachgegangen werden. Auch das MPI nimmt die Vorwürfe ernst und behält sich rechtliche Schritte gegen den Versuchsleiter vor.

Da die Berichterstattung in dieser Richtung in der Vergangenheit oft genug emotionalisierend und alles andere als objektiv gewesen ist, darf man dem Bericht auch zunächst einmal mit einer gesunden Portion Misstrauen gegenüberstehen. (Irreführende oder falsche Aussagen bzw. Manipulationsverdacht hat es z.B. im Fall der Rhesusaffen-Versuche am MPI Tübingen gegeben)

Wie auch immer, die Untersuchungen müssen abgewartet werden. Bis die Sache klar ist, kann jeder von uns nur mutmaßen. Darum geht es mir aber auch gar nicht. Denn besonders irritiert hat mich folgender Satz, der ganz am Schluss des Videos fällt:

Die nun bekannt gewordene Fahrlässigkeit und Skrupellosigkeit im Umgang mit diesen sensiblen Tieren zeigt, dass nur ein echtes Ende aller Tierversuche die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Forschung ist.

An dieser Aussage stören mich einige Dinge, die ich in zwei Punkten zusammenfassen kann:

Tierversuche? Da könnte ja jeder kommen!

Punkt 1: Tierversuche sind echte Forschung. Kein Tierversuchsantrag wird von der zuständigen Kommission akzeptiert, wenn das geplante Projekt und die Notwendigkeit des Tierversuchs nicht detailliert ausgeführt sind. Dabei müssen auch A) die aktuelle wissenschaftliche Basis, B) der zu erwartende Erkenntnisgewinn und C) der geplante Weg von A nach B präsentiert werden.

Darüber hinaus impliziert diese Aussage, dass Tierversuche in allen Laboren grundsätzlich so ablaufen. Das ist allerdings falsch! In Deutschland dürfen laut Tierschutzgesetz und Tierschutz-Versuchstierverordnung nur jene Personen Tierversuche durchführen, die die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen können. Für diesen Nachweis nimmt man an einem mehrwöchigen, zertifizierten Kurs mit Abschlussprüfung teil (z.B. FELASA-akkreditierte Kurse). Dort lernt man auch, wie ein Tier möglichst ohne Leid betäubt und getötet wird, was ebenfalls gesetzlich verlangt wird.

Aber selbst dann wird man als unerfahrener Forscher nicht einfach auf Tiere losgelassen. In einem seriösen Labor wird einem Neuling ein erfahrener Betreuer zugewiesen, der in die Praxis einführt und die Durchführung zunächst beaufsichtigt. Das ist Standard in jedem Tierversuchslabor und jede andere Handlungsweise kann als fahrlässig bezeichnet werden.

Falls die Anschuldigungen stimmen, dann hat der Laborleiter oder der verantwortliche Betreuer also hochgradig fahrlässig, oder sogar beabsichtigt gesetzeswidrig gehandelt. So eine Vorgehensweise ist alles andere als Standard – was mich zum zweiten Punkt bringt.

Zu kurz geschlossen

Punkt 2: Die zitierte Aussage lässt sich folgendermaßen umformulieren: „Weil einer Mist gebaut hat, müssen alle dafür den Kopf hinhalten.“

Nur mal angenommen, am Max Planck gab es tatsächlich diese Arbeitsgruppe, in der Tierschutz mit Füßen getreten wird – ich wiederhole: das ist nicht bewiesen – warum sollten dann alle anderen Arbeitsgruppen, die nach den Regeln spielen, und denen das Tierwohl am Herzen liegt, dafür den Kopf hinhalten? Warum sollte jemand, der an der Uni Kiel mit Zebrafischen arbeitet, seine Arbeit einstellen wegen Experimenten, die am MPI Tübingen an Ratten durchgeführt wurden? Warum sollte auch nur ein MPI-Kollege, der auch mit Ratten arbeitet und ganz ähnliche Experimente durchführt, einer Schlamperei im Nachbarlabor zum Opfer fallen? Ist ein bisschen Differenzierung zu viel verlangt?

Kein seriöser Wissenschaftler würde irgendeine Form von Misshandlung eines Tieres gutheißen oder sogar verteidigen. Falls diese Missstände am MPI existieren, müssen die Verantwortlichen selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen werden. Das würde niemand bestreiten. Aber pauschal allen Wissenschaftlern in Tierversuchen moralisches Handeln oder gesetzeskonforme Laborpraxis abzusprechen ist unfair.

Ähnlich unlogisch wie die Aussage oben sind auch Aussagen wie:

  • „Alice schlägt ihren Hund. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Hundehaltung die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Haustierhaltung ist.“

oder vielleicht auch

  • „Bob fährt betrunken Auto und verursacht einen Unfall. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Autofahren die einzige Lösung gegen Menschenleid und für echte Fortbewegung ist.“

Es ist einfach eine Tatsache: Es wird immer Menschen geben, die sich (bewusst oder unbewusst) nicht an die Regeln halten, selbst wenn diese Gesetzeskraft haben. Vielleicht sollte man also eher Menschen verbieten?

Alice und Bob haben beide etwas grundlegend falsch gemacht, das sowieso schon gesetzlich verboten ist. Ähnlich liegt der Fall am MPI: Tiere ohne Betäubung zu operieren oder zu töten, ist gesetzlich verboten. Es müssen also keine neuen Gesetze her, schon gar nicht muss das System insgesamt auf den Prüfstand, sondern der Fall muss untersucht werden und die existierenden Gesetze werden dann je nach Ergebnis auf den Fall angewandt. Das ist ja eben auch die Grundlage für die Strafanzeige. Sollte es zur Einleitung eines gerichtlichen Verfahrens kommen, sollten Verantwortliche belangt und rechtskräftig verurteilt werden: Auch das wäre lediglich ein Hinweis darauf, dass das existierende System funktioniert, dass die Spreu vom Weizen getrennt und ungesetzliche Praxis aufgedeckt und geahndet wird.
Eine solche Forderung nach generellen Verboten aber ist mal wieder plakativ, populistisch und unangemessen.

Rückblickend sehe ich, dass dieser Text deutlich länger geworden ist als die ursprünglich zu widerlegende Aussage. Um genau zu sein hat er 1.011 Wörter, die ursprüngliche Aussage nur 31. Bardolinis Schätzung scheint also falsch zu sein. Es sind eher zwei Größenordnungen.

Pro-Test veröffentlicht

Jeder Forscher weiß: Wer in der Wissenschaft ernst genommen werden will, muss veröffentlichen. Das dachte sich auch unser Mitglied Paul und hat einen differenzierten Kommentar beim Laborjournal eingereicht.

Er schreibt über wütende Kommentare auf Facebook, defensive Wissenschaftler und seine Lösung in der aktuell festgefahrenen Tierversuchsdebatte.

Paul musste dafür zwar keinen strengen, langwierigen Peer-Review-Prozess durchlaufen – seine Ansichten im Artikel teilen wir dennoch gern mit euch. Lest mal rein!

Kommentar zum Vortrag: „Sackgasse Tierversuch“

Im letzten Dezember war ich in Göttingen bei einem Vortrag von Ärzte gegen Tierversuche: „Sackgasse Tierversuch“, gehalten von Dr. med. Eva Katharina Kühner. Der Vortrag ist auch auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Organisation zu finden (link) und wurde in Göttingen nur sehr leicht verändert vorgetragen.

Im Großen und Ganzen fokussierte sich der Vortrag auf die Behauptungen: 1) Wissenschaftler in der biomedizinischen Forschung würden fast ausschließlich Tierversuche machen. 2) Tierversuche hätten so gut wie nichts zum medizinischen Fortschritt beigetragen, ja sie seien sogar hinderlich. 3) Es gebe gleichwertige Alternativen zu Tierversuche, wie z.B. In-Vitro-Methoden, Organ-on-a-chip oder Computersimulationen. Es sind dieselben Behauptungen, die auch an anderen Stellen im Internet von tierversuchskritischen Organisationen zu finden sind. Leider war der Vortrag auch hier oberflächlich und ging nicht auf die Hintergründe ein, um diese Behauptungen näher zu diskutieren oder zu validieren. Die Ethik zu Tierversuchen wurde fast gar nicht besprochen. Frau Dr. Kühner nannte diese zentrale Frage „bereits ausreichend diskutiert“. Die Behauptungen gegenüber der biomedizinischen Forschung sind nicht neu, und wir sind bereits ausführlich darauf eingegangen (FAQ, Faktencheck, Alternativen), daher werde ich es hier nicht wieder aufgreifen, sondern möchte von der Frage-Antwort-Runde nach dem Vortrag berichten.

Ein Vortrag für Leute, die kein Wissen über Tierversuche haben

Zunächst aber ein paar Worte zu Göttingen, denn der Ort, an dem dieser Vortrag gehalten wurde, hatte doch ziemlich großen Einfluss auf seine Rezeption: Göttingen ist mit ca 120.000 Einwohnern eine kleine Großstadt, die stark durch Wissenschaft dominiert ist. Ca. 20 % der Einwohner sind Studenten, eine große Universität, zwei Fachhochschulen, fünf Max-Planck-Institute, das Deutsche Primatenzentrum, sowie etliche weitere Forschungsinstitute sind hier ansässig. Nicht ohne Grund ist Göttingens Motto: „Die Stadt, die Wissen schafft“. Hält man also einen Vortrag zu Tierversuchen im Göttinger Universitätsklinikum, der zudem auf dem naturwissenschaftlichen Campus beworben wurde, dann kann man damit rechnen, dass etliche Wissenschaftler anwesend sein werden. Frau Dr. Kühner hatte damit offensichtlich nicht gerechnet. Erst in der Frage-Antwort-Runde wurde ihr klar, dass das Publikum hauptsächlich aus Wissenschaftlern bestand. Sie meinte daraufhin, sie sei gewohnt, vor Studenten zu reden, die kein Wissen über die Materie haben.

Deutliche Kritik aus dem Publikum

Nachdem der Vortrag also beendet war, gab es ein großes Interesse an der anschließenden Fragerunde. Im Publikum saßen Wissenschaftler mit jahrelanger Erfahrung in tierversuchsfreien Methoden, die Frau Dr. Kühner als vollständigen Ersatz zu Tierversuchen anpries. Sie wollten Details wissen, wie diese Methoden denn Tierversuche ersetzen könnten. Leider hatte Frau Dr. Kühner darauf keine Antworten. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Wissenschaftler nicht nur mit einer einzigen Methode arbeiten, sondern in der Regel eine Vielzahl an Methoden verwenden, um eine bestimmte Thematik zu bearbeiten. Jede wissenschaftliche Methode hat Vor- und Nachteile, kann aber nur ganz bestimmte Fragen beantworten. Diese von ihr und in einigen Medien angepriesenen „Ersatzmethoden“ sind häufig gar kein Ersatz für Tierversuche, sondern komplementär. Deshalb werden diese Methoden auch bereits verwendet, häufig sogar von denselben Wissenschaftlern, die auch Tierversuche machen. Frau Dr. Kühner schien das aber gar nicht zu wissen, ja sie wirkte sogar ein wenig überrascht, als ihr das jemand erklärte.

Neben den aufklärenden Fragen zu den Ersatzmethoden gab es viel Kritik am restlichen Inhalt des Vortrags. Zum Beispiel waren die Anwesenden ethisch nicht damit einverstanden, die Giftigkeit von Medikamenten an Menschen zu testen (Phase-1-Medikamentenstudie), ohne vorher so gut wie möglich die Giftigkeit bereits auszuschließen, d. h. im Tierversuch (wenn keine Alternativen mit gleicher Aussagekraft vorhanden sind).

Außerdem wurden etliche Sachlagen falsch dargestellt. Zum Beispiel behauptete Frau Dr. Kühner, dass nur 4 Millionen Euro in „tierversuchsfreie“ Forschung gelangten, gegenüber Milliarden in der biomedizinischen Forschung insgesamt. Ich bin mir nicht sicher woher die Zahl “4 Millionen” kommt, aber ich vermute, sie meinte damit den Etat des BMBF für die Erforschung weiterer Alternativmethoden. Sie vergisst dabei aber, a) dass auch Pharmaunternehmen eigene Gelder für Forschung an Alternativen aufbringen, b) dass ein Großteil der staatlichen Mittel für die biomedizinische Forschung nicht in Tierversuche investiert wird, c) dass noch weitere Fördermittel speziell für Alternativmethoden existieren, z.B. von den Ländern, der EU, oder Stiftungen, und d) dass es auch noch nicht-spezifische Fördermittel gibt, auf die sich jeder Wissenschaftler bewerben kann, auch für Alternativmethoden.

Enttäuschung bei den anwesenden Wissenschaftlern

Die Oberflächlichkeit und eher frei interpretierte Faktenlage ließ für die anwesenden Wissenschaftler nicht erkennen, dass hier eine objektive Debatte gewünscht ist. Mehr noch, da dieser Vortrag ja “den Wissenschaftlern” pauschal die Schuld an den angeblichen Missständen zuwies, war er nicht weniger als ein verbaler Schlag ins Gesicht. Man erkannte die Enttäuschung der Anwesenden. Mehrere betonten, dass sie sich auf diesen Vortrag gefreut hätten, um eine konstruktive Debatte zu führen. Einige hatten sicherlich gehofft, sogar ein paar Hilfestellungen für die eigene Arbeit mitzunehmen.

Wissenschaftler möchten genauso wenig Tierversuche machen wie jeder andere, aber sie möchten die daraus resultierenden Errungenschaften nicht dafür opfern. Dieses ethische Dilemma ist ein großes Problem und geht vielen Wissenschaftlern nahe. Etliche von ihnen, und dazu gehöre auch ich, verwenden daher einen Teil ihrer Zeit, um Methoden zu entwickeln, die Tierversuche teilweise ersetzen oder reduzieren oder das Leben der Tiere den Umständen entsprechend angenehmer macht. Wird man dann mit so einem Vortrag konfrontiert, dann ist das sehr traurig. Vermutlich kam deshalb auch der eindrücklichste Kommentar von dem Tierversuchsbeauftragten des Universitätsklinikums. Er erklärte, dass die Klinik ein eigenes Ethikkomitee habe, welches die Tierversuchsanträge prüfe, bevor sie überhaupt an die Behörden geschickt würden. Er hätte sich viel von diesem Abend erhofft und sei umso mehr enttäuscht, dass der Vortrag ein so unglaublich anderes Bild beschreibe, als die Realität, mit der er sich täglich konfrontiert sehe.

Wir benötigen eine sachliche Debatte

Frau Dr. Kühner sagte zum Abschluss, dass sie lediglich eine Außenstehende sei, die einen anderen Blickwinkel aufzeigen möchte. Sie gab also zu, keine Expertin in der Thematik zu sein. Das Gefährliche an dem Vortrag war allerdings, dass sie mit ganz anderen Worten gestartet war. Anfangs erklärte sie, dass sie sowohl Ärztin sei, als auch wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche. So suggeriert sie einen Expertenstatus und stellt ihre Glaubwürdigkeit sicher, zumindest gegenüber einem unbedarften Publikum. Daher ist es umso wichtiger, als Wissenschaftler so einer Veranstaltung beizuwohnen und eine sachliche Diskussion zu starten. Nur so kann man den anderen Zuhörern verdeutlichen, wie weit so ein Vortrag von der Realität entfernt ist.

Die positive Seite: Es war schön zu sehen, wie viele Wissenschaftler in Göttingen zu der Veranstaltung gekommen sind, um eine offene Debatte zu führen und um die Diskussion über Tierversuche sachlich zu gestalten.

 

„Wir sind aufgefordert, die Belastung so gut es geht zu minimieren, das ist unsere Verantwortung“

Treffen sich ein Facharzt für Orthopädie, eine Medizinstudentin, ein Student in Neurowissenschaften und der Direktor eines Neurowissenschaftlichen Instituts. Zwei von ihnen sind gegen Tierversuche, zwei dafür. Wer von ihnen wird wohl über ethisch-moralische Bedenken sprechen?

Bieber

Das Thema Tierversuche geht uns alle an. Finden auch diese Biber auf dem Einladungs-Flyer.

Es ist ein bizarres Bild, das sich vergangenen Donnerstag bei der studentischen Vollversammlung in Tübingen während der Podiumsdiskussion zum Thema Tierversuche ergab.
Erwartete man von Dr. med. Sebastian Korff, Vertreter von Ärzte gegen Tierversuche, dass er sich für Tierwohl und Tierrechte einsetze, wurde man schnell eines Besseren belehrt. Ihm ging es ausschließlich um den Nutzen für Menschen, den Tierversuche seiner Meinung nach nicht hätten, weshalb sie zu unterlassen seien. Konkrete Vorschläge zur Verringerung der Belastung von Tieren oder allgemeine ethische Bedenken blieben außen vor. Zwei Neurowissenschaftler, die Tierversuche unterstützen, mussten her, um den Umgang mit Tieren konkret anzusprechen. Der Student Julian, der selbst an Zebrafischen forscht, versuchte statt über fachliche Details, vielmehr über ethische Fragen mit den beiden Tierversuchsgegnern in der Runde zu sprechen – erfolglos. Prof. Andreas Nieder, Direktor der Neurobiologie in Tübingen, begrüßte Verbesserungen in der Tierhaltung und sagte auf Nachfrage des Moderators zur Ethik: „Wir sind aufgefordert, die Belastung so gut es geht zu minimieren, das ist unsere Verantwortung.“ (Nieder)
Für Dr. med. Korff hingegen schien die Frage nach der Ethik wenig relevant. „Klar will ich Impfstoffe, ich trage auch eine Lederjacke und ich bin auch kein Vegetarier.“ (Korff)

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Der Zuhörer konnte durchaus verwirrt aus dieser Diskussion herausgehen

Worum ging es in der Diskussion also stattdessen?

„Es gibt inzwischen sehr viele Mediziner und viele Wissenschaftler, die die Methode ‚Tierversuch‘ kritisch sehen“, sagte Medizinstudentin Julia. Ihre und Herrn Korffs Argumente: Ergebnisse aus Tierversuchen seien nicht auf den Menschen übertragbar. Deshalb scheiterten die meisten Medikamente, die in Tierversuchen Erfolge zeigten, in klinischen Studien. Und diejenigen Medikamente, die zugelassen würden, seien gefährlich, da Nebenwirkungen im Tier nicht richtig eingeschätzt werden könnten.

Abgesehen davon, dass diese Aussagen sämtlichen medizinischen Erfolg des letzten Jahrhunderts leugnen, sind sie fälschlich vereinfacht.
Herr Korff führte unter anderem das Beispiel von TGN1412 an, einem Wirkstoff, der zur Therapie von Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden könnte. 2006 wurde TGN1412 in einer klinischen Phase-1-Studie an gesunden Probanden getestet und brachte diese in Lebensgefahr. Obwohl der Wirkstoff in Tierversuchen und in der Zellkultur ungefährlich schien, hatte er äußerst starke Nebenwirkungen.
– Für Herrn Korff der Beweis, dass Tierversuche keine Patientensicherheit gewährleisten. Dabei unterschlägt er, dass Patientensicherheit überhaupt nicht mithilfe von Tierversuchen ermittelt wird. Sie wird in klinischen Studien ermittelt. In den seltenen Fällen, in denen das giftige Potential einer Substanz in Tierversuchen falsch eingeschätzt wird, gefährdet das die Teilnehmer dieser Studien, nicht die Patienten. So passiert bei TGN1412. Wenn ein Medikament auf den Markt kommt und stärkere Nebenwirkungen hat, als gedacht, dann liegt das daran, dass diese Nebenwirkungen in klinischen Studien mit Menschen nicht entdeckt wurden.
Tierversuche haben damit nichts zu tun.

Es war auch äußerst verwirrend aus dem Mund einer Medizinstudentin zu hören, dass Mediziner im Studium nichts aus Tierversuchen lernen würden. Natürlich zeigen Lehrbücher der Anatomie den menschlichen Körper, es wird über menschliche Nervenzellen gesprochen und über den menschlichen Stoffwechsel. Doch woher stammt ein Großteil dieses Wissens wenn nicht aus Tierversuchen? Es bedarf keiner medizinischen Kenntnisse, um zu erkennen, dass beispielsweise das Funktionsprinzip des Herzens weder in der Zellkultur, noch in menschlichen Leichen verstanden werden kann. Und wie würden ohne dieses Wissen heute Herzschrittmacher funktionieren?

Die Diskussion lief seitens der Tierversuchsgegner auf ein Anpreisen von Alternativmethoden hinaus. Jeder im Publikum könne sich ganz einfach auf „Youtube“ anschauen, wie der menschliche Körper auf einem Chip simuliert werden kann, so Korff. Ja, Alternativmethoden sind der Wunsch und das Ziel aller, auch und vor allem der Wissenschaftler. Ethisch schwierige, aufwendige und teure Tierversuche möchte niemand. Doch über allem steht der Erkenntnisgewinn. Wenn, und nur wenn, eine Frage nicht durch eine Alternativmethode beantwortet werden kann, müssen Tierversuche durchgeführt werden. Und so gut die Entwicklung von Alternativmethoden auch voranschreitet, so sehr ist sie in gewissen Bereichen doch noch immer limitiert. Das Beispiel des menschlichen Körpers auf einem Chip (human body on a chip) zeigt, das menschliche Organe zu komplex sind, um sie mit diesem Modell vollständig beschreiben zu können. Laut Experten sind die Chip-Modelle auf einige wenige Zelltypen limitiert, während menschliche Organe aus weit mehr Zellen bestehen, die alle unterschiedliche und wichtige Aufgaben erfüllen. Modelle wie der ‚Body on a chip‘, die Teilaspekte des menschlichen Körpers ignorieren, könnten zu falschen Schlussfolgerungen bezüglich Medikamentensicherheit führen. Ob Medikamente damit besser werden?

Was konnte das Publikum schlussendlich aus dieser Debatte lernen? Dass Herr Korff kein Vegetarier ist, der angehende Neurowissenschaftler Julian aber schon; dass ein Tierversuchsgegner Impfstoffe befürwortet, aber nicht deren Entwicklung; dass wir unzählige an Tieren getestete wirksame Medikamente auf dem Markt haben, obwohl Tierversuche doch gar nichts bringen?
Der Zuhörer konnte durchaus verwirrt aus dieser Diskussion herausgehen. Am besten daran war vermutlich, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Nun gibt es in Tübingen wieder ein paar mehr Studenten, die sich konkret mit dem Thema auseinandersetzen. Und je mehr das tun, desto besser können wir in Zukunft daran arbeiten, unserer gemeinsamen Verantwortung Tieren und Menschen gegenüber gerecht zu werden.

Würde Jane Goodall lügen?

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H ("H-ope"), den sie auch nach Tübingen mitbrachte Bild: Wikimedia Commons

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H („H-ope“), den sie auch nach Tübingen mitbrachte
Bild: Wikimedia Commons

„Wow, Jane Goodall kommt nach Tübingen! Jane Goodall! Da muss ich hin!“ So oder so ähnlich werden die meisten der 700 Zuhörer reagiert haben, als sie das erste Mal die Ankündigung sahen. Am 7. Dezember sollte sie kommen, im größten Hörsaal sprechen, über sich und „Jane’s Journey“, über ihre Forschungen zum Verhalten von Schimpansen und darüber, wie sie sich von der Forscherin zur Aktivistin gewandelt hat. Wenn jemand wie sie kommt, dann ist das im wissenschaftlichen Bereich kaum noch zu toppen: Ob Stephen Hawking oder Richard Dawkins oder James Watson oder Noam Chomsky mehr Publikum gezogen hätten?

Wie diese Herren ist Jane Goodall eine lebende Legende, eine Ikone, ein Popstar. Sie hat nicht so sehr Anhänger, eher Fans. Jane, wie sie sich grundsätzlich anreden lässt, ist weit mehr als eine berühmte Wissenschaftlerin. Als Aktivistin kann man sich kaum jemanden vorstellen, der aktiver für seine Sache eintritt, trotz ihrer 82 Jahre. 300 Tage im Jahr reist sie herum, hält Vorträge wie den in Tübingen, sammelt Spenden, kämpft für ihre Anliegen: Menschen aufklären, Wildtiere schützen ­und – Tierversuche beenden. Dass Jane eine der bekanntesten Forscherpersönlichkeiten auf dem Planeten ist, macht sie gleichzeitig zu einer der sichtbarsten und erfolgreichsten Aktivistinnen.

Sie kann dabei mit einem Pfund wuchern, das weder Hawking noch Dawkins, weder Watson noch Chomsky in die Waagschale werfen können: Sie gilt als fundamental guter Mensch. Jane ist vielleicht nicht Mutter Theresa, aber auch nicht so furchtbar weit weg. Wo Hawking eigentlich nur Physik gut erklären kann, Dawkins aggressiv seinen Atheismus predigt, Chomsky sich mit Wohlbehagen im Nesselfeld politischer Äußerungen gewälzt und Watson gar mit rassismusverdächtigen Äußerungen seine Karriere beendet hat, ist Jane einfach nur die Frau, die Tiere liebt.

Und was für eine beeindruckende Frau. Gegen zwanzig nach acht steigt Jane in Hörsaal N6 auf der Tübinger Morgenstelle die Treppe hinab, unprätentiös in eine praktische Outdoorjacke gehüllt, die Hände etwas überfordert mit drei Plüschtieren, einer Mappe und haufenweise kleinformatigen Notizzetteln, die ihr als erstes herunterfallen. Zuneigungsvolles Lachen im Publikum bei dieser allzu menschlichen Schwäche, Jane muss selber lächeln.

Dann geht ihr Vortrag los, Jane spricht leise, in wohlgesetzten Worten (viele davon sagt sie sicher nicht zum ersten Mal), die persönlich, warm, inspiriert und inspirierend klingen. Sie spricht von ihrer Mutter, die „Jane’s Journey“ erst möglich gemacht hat, indem sie ihr stets den Rücken gestärkt und sich nicht einmal beschwert hat, als Jane eine Handvoll Würmer in ihrem Bett verstecken wollte. Sie erzählt von einflussreichen Büchern (wie „Tarzan bei den Affen“, der leider „die falsche Jane geheiratet hat“) und wichtigen Menschen in ihrem Leben (wie ihr Förderer Louis Leakey). Ihre Forschungen kommen zur Sprache, sie berichtet von dem unglaublichen Gefühl, als sie das erste Mal sah, dass die Schimpansen in Gombe Werkzeuge benutzen – wie einen Zweig, um Termiten aus dem Bau zu angeln – und diese sogar herstellen – indem sie den Zweig vorher entblättern.

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben Bild: Wikimedia Commons

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben
Bild: Wikimedia Commons

Spätestens da wurde Jane, so erzählt sie es heute, vollkommen klar, dass Affen so sind wie wir, dass Menschen nichts Besonderes auf diesem Planeten sind. Jane stellt die Gretchenfrage: „Wie können wir mit uns selbst leben, wenn wir anderen denkenden, fühlenden Wesen Schmerzen und Foltern zufügen?” („How can we live with ourselves if we’re inflicting pain and torture on these other thinking feeling beings?“). Gute Frage. Es gibt gute Antworten darauf, aber sie liegen nicht auf der Hand. Es lohnt sich, über diese Frage offen, emotional ehrlich, auf der Basis erwiesener Fakten und solider ethischer Debatte nachzudenken.

Aber dann wird es ein kleines bisschen hässlich.

Denn Jane führt keine solche Debatte, sie stellt die Frage nicht als Aufforderung zum Nachdenken. Für Jane ist die Frage rein rhetorisch. Sie stellt sie, um einen Punkt zu machen. Sie will nicht wissen, wie man mit sich selbst leben kann, wenn man Tierversuche macht. Sie wollte es schon in den Achtzigern nicht wissen, als sie erstmals das Gespräch mit Wissenschaftlern suchte, die für das US-amerikanische National Institute of Health (NIH) mit Schimpansen experimentierten.

Hat Jane sie gefragt, warum sie derartige Versuche durchführen, hat sie versucht zu verstehen, welche Hoffnungen und Erkenntnismöglichkeiten dahinterstecken? Möglicherweise, aber man hört nicht heraus, dass sie wirklich verstanden hätte, was Wissenschaftler antreibt, die Tierversuche durchführen.

Sie beklagt sich, von Tierversuchsgegnern angefeindet worden zu sein, weil sie mit „solchen Menschen“ überhaupt noch spreche. Sie beteuert, man müsse auf diese Menschen zugehen, nicht das Gespräch vermeiden. Aber die zutreffenden, teilweise vielleicht auch schmerzhaften Wahrheiten erkennt sie nicht an. Einer von diesen Wissenschaftlern, der sie durch die Tierhaltung führte, bot ihr an, eines der Jungtiere zu halten und zu streicheln. Jane lehnte damals ab und kann das Verhalten des Wissenschaftlers heute noch nicht nachvollziehen. Sie hält es für im höchsten Maße kognitiv dissonant, einerseits Tierversuche durchzuführen und andererseits Empathie zu empfinden mit dem Versuchsobjekt.

Warum fällt es Jane so schwer zu glauben, dass Wissenschaftler empathisch sein und trotzdem an Tieren forschen können? Menschen sind kompliziert und oft widersprüchlich. Jane war verheiratet und hat eine Tochter; die Absurdität menschlicher emotionaler Logiken dürfte ihr nach langem, erfülltem Leben ausreichend vertraut sein. Aber sie gesteht denen, die sie als ihre Gegner ausgemacht hat, keine Empathie für die Kreatur zu. „Sie konnten nicht zugeben, dass sie keine mitfühlenden, besorgten Menschen waren“, sagt sie über die Wissenschaftler des NIH, mit denen sie damals sprach („They could hardly admit that they weren’t caring, concerned human beings“). Dann stellt sie diejenigen, denen die Affen am Herzen liegen, der medizinisch forschenden Community diametral gegenüber. Schließt sich das denn aus?

Für Jane schon. Sie spricht über einen am Tiermodell forschenden Wissenschaftler nicht wie über einen Menschen, den man verstehen möchte. Stattdessen bedient sie beliebte, durchaus platte Denkmuster: „Der Mann in seinem weißen Kittel“ („the man in his white coat“), so ihre konsistente Bezeichnung für einen Forscher, der ihr die Tierhaltung an seinem Institut vorführte. Ein klischeehafter Stereotyp, der dicker kaum aufgetragen sein könnte – und der deutlich macht, wie Jane sich selbst sehen und darstellen will: Als eine, die zwar als Forscherin berühmt geworden ist, aber selbst nie Teil des „Systems“ war. Ein Kreis schließt sich zu dem, was sie eingangs erzählt hatte, als sie mit einer merkwürdigen Mischung aus Demut und Stolz darauf herumritt, wie wenig formale Bildung sie hatte, bevor sie mit einem Mal einen Doktortitel erwarb, und das auch noch an der renommierten Universität in Cambridge.

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft! Bild: Wikimedia Commons

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft!
Bild: Wikimedia Commons

Ist das jetzt so schlimm? Jane ist Aktivistin und von ihrer Sache überzeugt. Darf sie nicht dafür eintreten? Und darf sie ihre Gegner in der Tierversuchsdebatte nicht unverständlich und seltsam finden? Sicher darf sie. Aber während ich mir das noch sage – auf der Empore des Hörsaals nachdenklich die Stirn runzelnd, denn die Frau ist schon extrem charismatisch, man möchte ihr nicht einmal in Gedanken widersprechen! –, redet sie schon weiter.

Sie erzählt nun von der Entscheidung des derzeitigen Direktors des NIH, Francis Collins, die Versuche mit Schimpansen einzustellen. Dazu sei eine unabhängige Studie am NIH angestellt worden, die befunden hätte, dass „keines der Projekte. Kein einziges!“ dem Menschen nütze („None. Not one of them!“). In der Folge seien die Schimpansenversuche beendet worden.

Das stimmt so aber nicht. Die Frage, die das Institute of Medicine (IOM) in seinem Bericht von 2011 beantwortete, war nämlich nicht: „Welcher dieser Versuche ist für menschliche Gesundheit nützlich oder potenziell nützlich?“, wie Jane es sagt („Which of these experiments is beneficial to human health, or potentially beneficial?“). Sondern das IOM untersuchte, welche der Versuchsreihen unbedingt auf Schimpansen angewiesen war, anstatt ein anderes Modell zu wählen!

Was war also wirklich passiert: Das IOM hat das NIH an gute wissenschaftliche Praxis und das 3R-Prinzip erinnert, das NIH ist dem nachgekommen. Dass dabei politische und wissenschaftspraktische Erwägungen eine große Rolle gespielt haben dürften, wird aus der jüngsten Stellungnahme des NIH aus dem Jahr 2015, als es seine letzten Schimpansenprojekte abwickelte, ziemlich deutlich. Ebenfalls hier zu lesen: Das NIH bekennt sich zur Notwendigkeit von Affenversuchen in der biomedizinischen Forschung – nur eben nicht mit Schimpansen.

Dass Jane dem Ganzen einen anderen Spin gibt, ist verständlich, zumal sie ihre eigene Rolle als die Person, die Francis Collins erst die Idee eingab, entsprechend herausstreicht. Damit kann ich beinahe schon gut leben. Denn auch aus Sicht eines Befürworters von Tierversuchen finde ich natürlich: Gut so, ein Erfolg für die Forschung, wenn ein Tiermodell durch andere Modelle ersetzt werden kann!

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH
Bild: Wikimedia Commons

Aber dann kommt der Teil des Abends, der mir wirklich Bauchschmerzen macht:

„Wir haben heute das Problem, dass so viele Leute zu glauben gelernt haben, dass wir ohne Experimente an Tieren, besonders Primaten, niemals Heilmöglichkeiten für Alzheimer oder Parkinson finden. […] Und je mehr man liest, je mehr man herausfindet, desto klarer wird einem: Das stimmt nicht!”

(„We face today the problem that so many people have been taught to believe that without experiments on animals, particularly primates, then, we’ll never find cures for Alzheimer’s or Parkinson’s or any of these diseases which attack the human brain. […] And the more you read, the more you learn, the more you realise: it’s not true!”).

Habe ich das gerade richtig gehört? Jup, habe ich. Und es geht weiter:

„Es stimmt nicht, dass Primaten bei der Entwicklung eines Polio-Impfstoffes irgendeinen Nutzen hatten. Es stimmt nicht, dass sie für Alzheimer oder irgendetwas in der Art einen Nutzen hatten.“

(„It wasn’t true that primates were useful at all in developing a polio vaccine. It hasn’t been true that they were useful for Alzheimer’s or anything like that.“).

Und dann erzählt sie auch noch von einem Wissenschaftler, Rudolph Tanzi, der zur Bekämpfung von Alzheimer „das Äquivalent zum menschlichen Gehirn in einer Petrischale entwickelt hat” („He has developed the equivalent of the human brain in a petri dish“).

Fehlt nur noch das Gehirn! Bild: Wikimedia Commons

Gehirn zugeben, umrühren, fertig. Wissenschaft kann so einfach sein!
Bild: Wikimedia Commons

Na dann ist die Zukunft ja endlich da! Wo bleiben eigentlich meine fliegenden Autos, Raketenrucksäcke und meine Marsmission, verdammt nochmal? Aber Spaß beiseite. Solche Sätze offenbaren einen erstaunlichen Mangel an Faktenwissen. Mindestens. Kann es sein, dass Jane, Jane Goodall uns da gerade einen Bären aufbindet? Das Gehirn in der Petrischale mag man abtun, so stand das vermutlich auch in der Pressemitteilung, das kennt man ja.

Das mit dem Polio-Impfstoff dagegen fällt mir schwer zu schlucken (der Leser entschuldige das Wortspiel). Wurde nicht Jane Goodall von verschiedener Seite vorgeworfen, im Jahr 1966 ihre Schimpansenkolonie in Gombe per Schluckimpfung vor einer Polio-Epidemie bewahrt zu haben? Will sie nicht wahrhaben, dass für die Rettung ihrer Schimpansen andere Affen, Rhesusaffen nämlich, sterben mussten?

Das Poliomyelitis-Virus wurde von Jonas Salk in Affen in vivo kultiviert und isoliert. Die ersten Studien aus Salks Labor befassten sich mit den Eigenschaften des Virus, das in Affenhoden gezüchtet wurde (Younger et al. 1952, 3 Studien). Auch die ersten Tests auf Wirksamkeit des von ihm entwickelten, heute in den meisten Ländern gebräuchlichen Impfstoffs geschahen in Affen, bevor es 1953 zu Tests in menschlichen Probanden und 1954 schließlich zum berühmten „größten Gesundheitsexperiment in der Geschichte“ kam, einer mit zwei Millionen Teilnehmern durchgeführten klinischen Studie. Evtl. hat Jane Goodall zur Impfung ihrer Schimpansen ja den konkurrierenden, von Albert Sabin entwickelten Impfstoff verwendet, der damals schneller Verbreitung fand als der von Salk – aber auch Sabins Impfstoff basiert auf Forschungen in Affen.

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit
Bild: Wikimedia Commons

Man darf nicht vergessen, warum Salk und Sabin beide in so relativ kurzer Zeit ihre Impfungen entwickeln und dafür unproblematisch auf hunderte Versuchstiere und später Tausende von Versuchspersonen zurückgreifen konnten: Dass es damals so schnell ging, liegt an einer 1952 ausgebrochenen, verheerenden Polio-Epidemie in den USA, die 58.000 Menschen betraf. Im Jahr darauf waren es noch einmal 35.000. Das wurde auch in Zeiten, in denen jedes Jahr 20.000 Menschen an Polio erkrankten, als bedrohlich empfunden. Was also hätte eine auch nur kurze Verzögerung in der Entwicklung des Impfstoffes bedeutet? 20.000 Menschen, jedes Jahr, allein in den USA, durch eine Krankheit mit schwerer Behinderung oder gar dem Tod bedroht, die wir heute praktisch gar nicht mehr kennen! Kann man ein schlagenderes Beispiel für die Notwendigkeit von Tierversuchen in der biomedizinischen Forschung finden?

Ich behaupte: Jane Goodall weiß nicht, wovon sie spricht, wenn sie sagt, Poliomyelitis hätte man nicht durch Affenexperimente in den Griff bekommen. Will sie vielleicht nur andeuten, es hätten auch andere Wege zum Ziel führen können? Dass man auf die Affenexperimente hätte verzichten können? Möglich. Wäre es genauso schnell gegangen? Schwerlich. Hätte der Erfolg sich womöglich gar nicht eingestellt? Vielleicht.

Nicht nur die zur Poliomyelitis, auch Jane Goodalls andere oben genannte Aussagen finde ich hochproblematisch. Ich möchte aber nicht schließen, indem ich meine im Titel gestellte Frage einfach bejahe, Jane Goodall die Kompetenz oder gar die Glaubwürdigkeit abspreche und es dabei bewenden lasse. Denn sie erinnert uns daran, wie schwer es ist, eine Debatte, die über Jahrzehnte auf so vielen Ebenen, mit so vielen Akteuren so leidenschaftlich geführt wird wie die Tierversuchsdebatte, durch einen schieren Willensakt auf den Boden der Faktizität zurückzuführen.

Wir sind nicht alle Polio- (oder sonstige) Fachleute. Während des Vortrags habe ich auch nur gedacht „Kann doch gar nicht sein, die erzählt doch Unsinn!“ Ich war davon fest überzeugt, konnte und wollte nicht glauben, was Jane Goodall soeben gesagt hatte. Dem Großteil des Publikums ging es, vermute ich leider, genau anders herum: Es sah sich in seinem sicheren „Wissen“ bestätigt, dass Tierversuche keinen Nutzen hätten. Menschen werden gar zu leicht Opfer des berüchtigen „Bestätigungsfehlers“ (confirmation bias) – wir sehen gar zu gern überall Beweise für das, was wir glauben, und übersehen Hinweise auf das Gegenteil.

Recht hat er, der Albert. Wenn er es denn wirklich gesagt hat. Zweifel sind angebracht. Bild: Wikimedia Commons

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Albert.
EDIT: Wenn er es denn wirklich gesagt hat – Zweifel sind offenbar angebracht. Danke an Leser „Alex“ für den Hinweis!
Bild: Wikimedia Commons

Ich habe mich, um diesen Text zu schreiben, hingesetzt und recherchiert, so gut mir das als Laien in NIH- und Polio-Fragen möglich war. Ich befürchte, dass das nur wenigen Mitgliedern des Publikums die Sache wert war. Aber ein beunruhigender Gedanke verfolgt mich: Ich gebe zu, ich war extrem erleichtert, dass meine Recherche zu bestätigen schien, was ich vorher zu wissen glaubte. Aber als wissenschaftlich gebildeter Mensch ist es genau dies, was mich vorsichtig macht: Habe ich tief genug gebohrt? Habe ich ausreichend recherchiert? Wo habe ich Abkürzungen genommen, weil ich es am Ende gar nicht so genau wissen wollte? Bin ich letzten Endes selbst ein Opfer des Bestätigungsfehlers geworden – just indem ich Jane Goodall als solches entlarven wollte?

Es geht, anders als mein Titel suggeriert, längst nicht mehr um die Frage, ob dieser oder jener, ob berühmt oder nicht, Wissenschaftler oder nicht, lügt, zu welchem Zweck auch immer. Sondern es geht darum, dass wir unsere Informationen prüfen. Dass wir nicht, nur weil wir eine Meinung haben, annehmen, auch Wissen zu haben, das diese Meinung stützt. Bleiben wir offen dafür, Unrecht zu haben. Stehen wir notfalls für unsere Fehler ein. Auch und gerade, während wir für unsere Sache einstehen.

Stell Dir vor, es ist Tierversuchsdebatte, und keiner regt sich auf!

Pro-Test Deutschland e.V. wurde mit dem Ziel gegründet, Fakten über Tierversuche bereitzustellen. Die gemeinnützige Organisation liefert Fakten, die auf Korrektheit, Verlässlichkeit und Genauigkeit geprüft sind. Pro-Test Deutschland möchte damit eine öffentliche Plattform schaffen, um eine Diskussion über Tierversuche zu ermöglichen.

Pro-Test Deutschland vertritt die Meinung, dass Tiere in der angewandten und in der Grundlagenforschung nach wie vor nötig sind. Daher ist es ein wichtiges Anliegen dieses Vereins, ein Forum für die öffentliche Diskussion zu bieten. Es ist entscheidend, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft offen darüber diskutieren können, wie die Forschung in Einklang mit ethischen und wissenschaftlichen Standards durchgeführt werden kann. Um diesen Gedanken umzusetzen, haben wir eine öffentliche Diskussion über Tierversuche arrangiert, die am 7. November 2016 in Tübingen stattfand.

Drei Experten mit unterschiedlichen Hintergründen und damit Perspektiven wurden eingeladen, um bei der Veranstaltung zu diskutieren. Die Runde setzte sich zusammen aus Dr. med. vet. Barbara Grune aus der Abteilung für Experimentelle Toxikologie und der „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ (ZEBET) vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin; Dr. Gardar Arnason vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen; und Dr. Lars Dittrich, Neurowissenschaftler und Stellvertreter für Pro-Test Deutschlands Ableger in Bonn.

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Paul Töbelmann stellt die Podiumsdiskussion vor (von links: Töbelmann, Arnason, Grune und Dittrich).

Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Universität Tübingen organisiert und fand am Weltethos-Institut statt. Dr. Christoph Gohl vom Weltethos-Institut unterstützte die Veranstaltung durch Moderation der Kernsegmente der Diskussion und indem er zwischen den Zuhörern und der Expertengruppe vermittelte. „Die öffentliche Diskussion über Tierversuche ist sehr polarisiert, sensationssüchtig und oft voller Fehlinformationen. Veranstaltungen wie diese hier sind äußerst wichtig um die Diskussion mit Informationen zu versorgen und den Vertretern beider Seiten die Chance zu geben, sich gegenseitig zuzuhören,“ kommentierte Dr. Arnason.

In der einstündigen Diskussion brachte jeder der Experten Ansichten aus seinem Kompetenzfeld ein. Dr. Dittrich sprach über seine Erfahrungen aus der Arbeit mit Mäusen als Modell für die Schlafforschung. Dr. Grune betonte die Notwendigkeit, mehr Anstrengungen in die Entwicklung von Alternativmethoden zu investieren, und Dr. Arnason klärte über die ethischen und moralischen Grundlagen der Nutzung von Tiermodellen auf. In dieser informativen Diskussion formulierten alle Teilnehmer ihren Standpunkt, inwieweit Tierversuche die Entwicklung von Alternativmethoden bisher vorangebracht haben und wie diese gleichzeitig die Grundlage liefern, die Biologie der Modellorganismen besser zu verstehen und die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen.

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Moderator Christopher Gohl führende Diskussionen der Panelmitglieder (von links: Gohl, Arnason, Grune und Dittrich).

Nach der Expertendiskussion wurde die allgemeine Diskussion mit Fragen aus dem Publikum eröffnet. Die ungefähr 70 Teilnehmer im Publikum verbrachten eine gute halbe Stunde damit, ihre Fragen zu stellen und erhielten sachliche Antworten von den Experten. Dr. Dittrich sagte: „Die Beiträge und Fragen aus dem Publikum haben wirklich deutlich gemacht, wie hoch der Bedarf an solchen Informationen ist. Warum können wir Tierversuche nicht durch gespendete Körper Verstorbener ersetzen? Wenn wir sagen, dass Versuche wenn möglich mit einfacheren Tieren durchgeführt werden sollten, was ist dann die Grundlage für eine Unterscheidung zwischen einfacheren und komplexeren Tieren? Die Leute waren ernsthaft interessiert. Es gab viele exzellente Fragen, und wir haben sie offen und zivilisiert diskutiert. Das war einfach großartig!“

„Ich glaube, die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Ich habe einiges über Tierversuche und die Probleme bei der Entwicklung von Alternativmethoden gelernt. Nach der Veranstaltung konnte ich außerdem mit einer Gruppe von Studenten über Tierrechte sprechen und über die ethischen Grundlagen in Fällen, in denen Tiere für unsere Zwecke benutzt werden,“ sagte Dr. Arnason nach der Diskussion.

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Ein Publikum von fast siebzig Menschen hört die Podiumsdiskussion.

„Die Gefahr wächst, dass Menschen sich in Gruppen isolieren, in denen nur die eigenen Ansichtsweisen vertreten werden. Die Algorithmen von Social Media-Plattformen bringen Resonanzkörper hervor, in denen Benutzer nur selten Informationen ausgesetzt sind, die der eigenen Meinung widersprechen. Deshalb brauchen wir Möglichkeiten, um gemeinsam über die ethischen Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Tierversuche zu diskutieren, und zwar respektvoll und aufgeschlossen für Fakten und Argumenten, die unsere eigenen Überzeugungen in Frage stellen,“ sagte Arnason. Zusammenfassend zeigte die Debatte dieses Abends, dass die Expertenmeinungen stellenweise übereinstimmten und selbst ein solch kontroverses Thema wie Tierversuche durchaus in einem öffentlichen Setting diskutiert werden kann. Allgemeinen Konsens gab es in zwei wichtigen Punkten: Zum Einen is es schwierig, dem Ende der Tierversuche einen Zeitrahmen aufzudrücken. Zum Anderen sind Erkenntnisse aus Tierversuchenn nötig, um Fortschritte in der Grundlagenforschung und deren Anwendung zu machen.