Was hindert uns daran, öffentlich mehr über Tierversuche zu sprechen? – Ein Kommentar

Vor anderthab Wochen fand die jährliche GV-SOLAS-Tagung statt und wir waren dabei – virtuell natürlich. Im Rahmen der Session „Public Relations“ hielt ich, Emma, einen Vortrag unter dem Titel „Einsame Kämpfer? – Wie wir in den sozialen Medien über Tierversuche sprechen“. Meine Kernbotschaft(-en) zu den Debatten in Facebook-Kommentarspalten: Ruhig bleiben. Faktenwissen aufbauen und Fehlinformationen richtigstellen. Dem Gegenüber zuhören und die Argumente ernst nehmen. Vertrauen und Nähe schaffen. Eine Diskussion auf Augenhöhe führen. Denn eines ist für mich klar: Wir müssen (mehr) reden!

Das Feedback zu diesem (vorab aufgezeichneten) Vortrag war überwältigend. Vielen Dank für die vielen lobenden und ermutigenden Worte und für die Ehrlichkeit, mit der mir von persönlichen Erfahrungen und Ängsten berichtet wurde.

An den Vortrag schloss sich eine lebendige Diskussion zwischen den anderen Vortragenden der Session – Ana Barros (EARA), Julia Peusquens (UK Aachen), Fabienne Ferrara (ConScienceTrain) sowie Max Rieckmann (Pro-Test) und Roman Stilling (Tierversuche verstehen) – und den über 100 TeilnehmerInnen der Session an. Die Diskussion drehte sich u.a. um die folgenden Fragen:

Wie gehe ich mit persönlichen Angriffen um? Wie kann ich mich davor schützen?
Die Frage treibt wohl nicht nur den Einzelnen um, sondern auch die Institute und Unis. Groß ist die Sorge vor Diffamierung und einem „Shitstorm“. Die Diskussionen in den FB-Kommentarspalten haben den Vorteil, dass man sich mit der Antwort etwas Zeit lassen kann – zum Überlegen und Durchatmen. Denn oft wird man dort sehr persönlich angegriffen. Mir hilft da nur: Einatmen, ausatmen, eine Antwort tippen, diese Antwort noch vor dem Abschicken wieder löschen, einen Tee/Kaffee trinken und eine gemäßigtere, sachlichere Antwort geben. Außerdem hilft es, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie es m.E. zu solchen Beleidigungen und so viel Hass kommen kann: durch das falsche Bild, das viele wohl vom „Tierversuchsforscher“ haben. Diesem Forscher im weißen Kittel ein Gesicht geben und ihn damit nahbar machen – auch das ist ein Anliegen von Pro-Test. Das bedeutet keineswegs, dass man Tierversuche auf Gedeih und Verderb verteidigen muss. Zur Nahbarkeit kann es auch gehören, von eigenen Zweifeln zu berichten, wenn es um die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen geht. Auch damit macht man sich angreifbar, aber eben auch menschlich. Und gerade Menschlichkeit wird dem „Tierversuchsforscher“ ja nur allzu leicht abgesprochen. Worin sich die DiskussionsteilnehmerInnen einig waren: Schweigen ist keine Option. Nicht in den sozialen Medien und auch sonst nicht. Schweigen vermittelt den Eindruck, dass heimlich Verbotenes vor sich geht und Fehlinformationen und Vorwürfe bleiben unwidersprochen. Das wollen wir nicht akzeptieren.
Dennoch scheuen sich viele in Tierversuchen Arbeitende in den öffentlichen Raum zu treten. Die Verunsicherung und Angst vor Diffamierung überwiegen leider noch zu häufig. Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen und zeigen, dass bei proaktiver Kommunikation vor dem Krisenfall fast immer ein respektvoller Umgang gewahrt wurde.

Wessen Aufgabe ist es, über Tierversuche zu sprechen?
„Unabhängig von den Instituten sollten wir alle das Thema Tierversuche auch als Teil unserer persönlichen Verantwortung begreifen. Jeder von uns kann die Diskussion privat und beruflich anregen und damit für eine differenziertere öffentliche Wahrnehmung sorgen“, schrieb eine Diskussionsteilnehmerin. Das stimmt in meinen Augen. Es ist aber nicht nur Aufgabe des Einzelnen im Sinne einer grass-root-Initiative, sondern auch Aufgabe der Institute, Unis und Forschungseinrichtungen, die Tierversuche durchführen, denn sie stehen am schnellsten im öffentlichen Fokus. Deshalb müssen Institutionen einerseits von emanzipierten Wissenschaftlern aufgefordert werden, Kommunikationsstrategien zu entwerfen und Leitfäden vorzuleben. Umgekehrt müssen Wissenschaftler von den Institutionen unterstützt werden, indem Fortbildungen insbesondere im Bereich (Medien-)Kommunikation und psychologische Beratung angeboten werden. Besonders hervorzuheben sind hier auch die VersuchstierpflegerInnen, deren Arbeit unerlässlich für den Wissenschaftsbetrieb ist und die in den Stakeholderkreis aufgenommen werden müssen.

Welche Tools brauchen wir, um den Einzelnen zu mehr Kommunikation über Tierversuche zu ermutigen? Wie können Anreize geschaffen werden?
Fabienne Ferrara sprach überzeugt davon, dass wir ein Belohnungssystem brauchen, und erntete dafür Zustimmung. Aktuell gibt es wenig Anreize für diejenigen, die Tierversuche durchführen, sich auch dazu zu äußern. Es ist bisher eine Aufgabe, der man sich in der Freizeit widmen müsste – wie wir hier bei Pro-Test Deutschland. Arbeitszeit dafür zu nutzen oder es sogar als Aufgabe im Rahmen der Arbeit zu betrachten scheint bisher eine Ausnahme zu sein. Wir wünschen uns dort einen Wandel hin zu einer neuen Definition des Arbeitsgebiets eines/r Wissenschaftler/in, zu dessen Aufgaben eben auch die Wissenschaftskommunikation gehört.

In welcher Position kommuniziere ich? An wen kann ich mich wenden?
Durch den Arbeitgeber zu mehr Transparenz bei Tierversuchen ermutigt – das ist absolut wünschenswert. Aber als wer kommuniziere ich dann? Vor diesem Problem stehe auch ich immer wieder: Ich versuche in jeder Diskussion klar zu machen, als wer ich gerade spreche. Ich als Biologin. Ich als Pro-Testlerin. Ich als Privatperson. Ich als Angestellte eines Forschungsinstituts. Wenn ich im Namen des Forschungsinstituts spreche, stellt sich die Frage: Was darf ich überhaupt sagen? Um Sicherheit für den Einzelnen zu schaffen, wünschen wir uns klare Richtlinien und Statements durch die Forschungsinstitute, Unis etc. Daran kann man sich als Einzelner dann „festhalten“.
MitarbeiterInnen, die kommunizieren wollen, scheint es darüber hinaus an (Informationen über die) Anlaufstellen an den Instituten zu mangeln, an die man sich bei Problemen mit der Kommunikation von Tierversuchen wenden kann.

Was hindert die Universitäten, den schon seit Jahren identifizierten Missstand der fehlenden Kommunikation des Einsatzes von Versuchstieren in der Forschung zu beheben?
Zum einen mag das die Angst vor Protesten und Angriffen sein. Roman Stilling gab hierbei aber zu bedenken, dass mehr Transparenz bei Tierversuchen tatsächlich nicht ursächlich mit Anfeindungen in Verbindung steht. Zum anderen sind insbesondere an Universitäten die Finanz- und Personalressourcen begrenzt. Ein Diskussionsteilnehmer warf ein: „In einer Einrichtung, die bisher nicht über TV gesprochen hat, nun Kommunikationsstrategien zu etablieren, erfordert viele Kapazitäten. Das kann man nicht „nebenbei“ machen und ich kann mir vorstellen, dass es in vielen Einrichtungen u.a. auch daran scheitert.“ Darüber hinaus erscheint es schwierig, dass große Institute und Universitäten mit EINER Stimme sprechen, gerade bei so einem schwierigen Thema wie Tierversuche. Ein Statement, dass Tierversuche durchgeführt werden und man sich dabei zur Einhaltung der 3R und Transparenz verpflichtet, kann aber wohl jede Organisation verfassen – und sollte es auch.

Wurde in der Corona-Krise die Chance verpasst, Tierversuche in der Forschung präsenter zu machen? Wie können wir die Sichtbarkeit von Tierversuchen in der Öffentlichkeit erhöhen?
„Ich denke, eine große Chance wurde im März und April versäumt. Nie zuvor, war die Medienpräsenz der Wissenschaft so hoch und auch das Vertrauen in die Wissenschaftler. Die meisten der Medienwirksam aufgetretenen Wissenschaftler arbeiten auch mit Versuchstieren. Es hätte meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit gegeben, auf die Unerlässlichkeit von Tierversuchen bei diesen Interviews und Diskussionsrunden auch für die COVID Forschung hinzuweisen. Ich habe das leider nicht wahrgenommen“, schrieb einer der Diskussionsteilnehmer und sprach damit wohl vielen aus der Seele. Was können wir daraus lernen? Wir brauchen mehr und breitere Wissenschaftskommunikation. Viele Laien sind interessiert an wissenschaftlichen Themen. Doch für sie muss das „Fachchinesisch“, wie es eine Teilnehmerin nannte, in verständliche Sprache übersetzt werden. Das Problem ist nicht nur, dass Primärliteratur inhaltlich für den Laien kaum zu verstehen ist, sondern auch, dass die Wissenschaftssprache zumeist Englisch ist und viele Publikationen hinter Paywalls der Fachzeitschriften versteckt bleiben. Daher braucht es die WissenschaftlerInnen, die von ihrer Forschung berichten – und dabei Tierversuche nicht verschweigen. Ebenso forderte eine Teilnehmerin, dass mehr über sogenannte Negativ- oder Null-Ergebnisse gesprochen werden müsse. Auch sie gehören zum Forschungsalltag und sind ein wichtiger Bestandteil des Erkenntnisgewinns. Daher sollten auch sie kommuniziert werden. Gerade in Krisen und bei Skandalen gerät man schnell in die Lage, sich für Tierversuche rechtfertigen zu müssen. Wer schon früh offen kommuniziert, hat dagegen die Chance, die Debatte um Tierversuche zu lenken. Es gibt verschiedenste Wege das zu tun: die klassischen Medien, die sozialen Netzwerke, populärwissenschaftliche Veranstaltungen, die Einbindung von Patientenkreisen als Multiplikatoren der eigenen Information. Eine gepflegte Institutswebseite, deren Wichtigkeit Julia Peusquens betonte: „Gerade um die Informationen vor einer eintretenden Krise sachlich zu geben ist eine gute Webseite sinnvoll und bietet eine sichere Grundlage auch für Mitarbeiter bei Nachfragen zu Tierversuchen an der jeweligen Universität.“ Viel diskutiert wurden auch Aktionen wie ein Tag der offenen Tür an Universitäten und Tierhäusern oder die Integration des Themas Tierversuche in den Schullehrplan. Insbesondere beim Thema Schule, aber auch allgemein für die Debatte um Tierversuche, war es mir aber wichtig zu betonen: Ich will niemanden davon überzeugen, dass Tierversuche gut sind, aber ich halte einige für notwendig und ethisch vertretbar. Über diese kann und möchte ich reden. Es ist okay, Tierversuche abzulehnen, wenn man diese Entscheidung auf der Grundlage von Fakten und sorgfältiger ethischer Abwägung trifft. Was nicht sein darf: Keine Meinung zu diesem schwierigen, aber wichtigen Thema zu haben, weil es an Information oder Konfrontation fehlt. Daher werde ich auch weiter über Tierversuche sprechen.

Vielen Dank noch einmal an alle Beteiligten für die rege Diskussion!

Was hindert uns daran, öffentlich mehr über Tierversuche zu sprechen? – Ein Kommentar

Vor anderthab Wochen fand die jährliche GV-SOLAS-Tagung statt und wir waren dabei – virtuell natürlich. Im Rahmen der Session „Public Relations“ hielt ich, Emma, einen Vortrag unter dem Titel „Einsame Kämpfer? – Wie wir in den sozialen Medien über Tierversuche sprechen“. Meine Kernbotschaft(-en) zu den Debatten in Facebook-Kommentarspalten: Ruhig bleiben. Faktenwissen aufbauen und Fehlinformationen richtigstellen. Dem Gegenüber zuhören und die Argumente ernst nehmen. Vertrauen und Nähe schaffen. Eine Diskussion auf Augenhöhe führen. Denn eines ist für mich klar: Wir müssen (mehr) reden!

Das Feedback zu diesem (vorab aufgezeichneten) Vortrag war überwältigend. Vielen Dank für die vielen lobenden und ermutigenden Worte und für die Ehrlichkeit, mit der mir von persönlichen Erfahrungen und Ängsten berichtet wurde.

An den Vortrag schloss sich eine lebendige Diskussion zwischen den anderen Vortragenden der Session – Ana Barros (EARA), Julia Peusquens (UK Aachen), Fabienne Ferrara (ConScienceTrain) sowie Max Rieckmann (Pro-Test) und Roman Stilling (Tierversuche verstehen) – und den über 100 TeilnehmerInnen der Session an. Die Diskussion drehte sich u.a. um die folgenden Fragen:

Wie gehe ich mit persönlichen Angriffen um? Wie kann ich mich davor schützen?
Die Frage treibt wohl nicht nur den Einzelnen um, sondern auch die Institute und Unis. Groß ist die Sorge vor Diffamierung und einem „Shitstorm“. Die Diskussionen in den FB-Kommentarspalten haben den Vorteil, dass man sich mit der Antwort etwas Zeit lassen kann – zum Überlegen und Durchatmen. Denn oft wird man dort sehr persönlich angegriffen. Mir hilft da nur: Einatmen, ausatmen, eine Antwort tippen, diese Antwort noch vor dem Abschicken wieder löschen, einen Tee/Kaffee trinken und eine gemäßigtere, sachlichere Antwort geben. Außerdem hilft es, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie es m.E. zu solchen Beleidigungen und so viel Hass kommen kann: durch das falsche Bild, das viele wohl vom „Tierversuchsforscher“ haben. Diesem Forscher im weißen Kittel ein Gesicht geben und ihn damit nahbar machen – auch das ist ein Anliegen von Pro-Test. Das bedeutet keineswegs, dass man Tierversuche auf Gedeih und Verderb verteidigen muss. Zur Nahbarkeit kann es auch gehören, von eigenen Zweifeln zu berichten, wenn es um die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen geht. Auch damit macht man sich angreifbar, aber eben auch menschlich. Und gerade Menschlichkeit wird dem „Tierversuchsforscher“ ja nur allzu leicht abgesprochen. Worin sich die DiskussionsteilnehmerInnen einig waren: Schweigen ist keine Option. Nicht in den sozialen Medien und auch sonst nicht. Schweigen vermittelt den Eindruck, dass heimlich Verbotenes vor sich geht und Fehlinformationen und Vorwürfe bleiben unwidersprochen. Das wollen wir nicht akzeptieren.
Dennoch scheuen sich viele in Tierversuchen Arbeitende in den öffentlichen Raum zu treten. Die Verunsicherung und Angst vor Diffamierung überwiegen leider noch zu häufig. Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen und zeigen, dass bei proaktiver Kommunikation vor dem Krisenfall fast immer ein respektvoller Umgang gewahrt wurde.

Wessen Aufgabe ist es, über Tierversuche zu sprechen?
„Unabhängig von den Instituten sollten wir alle das Thema Tierversuche auch als Teil unserer persönlichen Verantwortung begreifen. Jeder von uns kann die Diskussion privat und beruflich anregen und damit für eine differenziertere öffentliche Wahrnehmung sorgen“, schrieb eine Diskussionsteilnehmerin. Das stimmt in meinen Augen. Es ist aber nicht nur Aufgabe des Einzelnen im Sinne einer grass-root-Initiative, sondern auch Aufgabe der Institute, Unis und Forschungseinrichtungen, die Tierversuche durchführen, denn sie stehen am schnellsten im öffentlichen Fokus. Deshalb müssen Institutionen einerseits von emanzipierten Wissenschaftlern aufgefordert werden, Kommunikationsstrategien zu entwerfen und Leitfäden vorzuleben. Umgekehrt müssen Wissenschaftler von den Institutionen unterstützt werden, indem Fortbildungen insbesondere im Bereich (Medien-)Kommunikation und psychologische Beratung angeboten werden. Besonders hervorzuheben sind hier auch die VersuchstierpflegerInnen, deren Arbeit unerlässlich für den Wissenschaftsbetrieb ist und die in den Stakeholderkreis aufgenommen werden müssen.

Welche Tools brauchen wir, um den Einzelnen zu mehr Kommunikation über Tierversuche zu ermutigen? Wie können Anreize geschaffen werden?
Fabienne Ferrara sprach überzeugt davon, dass wir ein Belohnungssystem brauchen, und erntete dafür Zustimmung. Aktuell gibt es wenig Anreize für diejenigen, die Tierversuche durchführen, sich auch dazu zu äußern. Es ist bisher eine Aufgabe, der man sich in der Freizeit widmen müsste – wie wir hier bei Pro-Test Deutschland. Arbeitszeit dafür zu nutzen oder es sogar als Aufgabe im Rahmen der Arbeit zu betrachten scheint bisher eine Ausnahme zu sein. Wir wünschen uns dort einen Wandel hin zu einer neuen Definition des Arbeitsgebiets eines/r Wissenschaftler/in, zu dessen Aufgaben eben auch die Wissenschaftskommunikation gehört.

In welcher Position kommuniziere ich? An wen kann ich mich wenden?
Durch den Arbeitgeber zu mehr Transparenz bei Tierversuchen ermutigt – das ist absolut wünschenswert. Aber als wer kommuniziere ich dann? Vor diesem Problem stehe auch ich immer wieder: Ich versuche in jeder Diskussion klar zu machen, als wer ich gerade spreche. Ich als Biologin. Ich als Pro-Testlerin. Ich als Privatperson. Ich als Angestellte eines Forschungsinstituts. Wenn ich im Namen des Forschungsinstituts spreche, stellt sich die Frage: Was darf ich überhaupt sagen? Um Sicherheit für den Einzelnen zu schaffen, wünschen wir uns klare Richtlinien und Statements durch die Forschungsinstitute, Unis etc. Daran kann man sich als Einzelner dann „festhalten“.
MitarbeiterInnen, die kommunizieren wollen, scheint es darüber hinaus an (Informationen über die) Anlaufstellen an den Instituten zu mangeln, an die man sich bei Problemen mit der Kommunikation von Tierversuchen wenden kann.

Was hindert die Universitäten, den schon seit Jahren identifizierten Missstand der fehlenden Kommunikation des Einsatzes von Versuchstieren in der Forschung zu beheben?
Zum einen mag das die Angst vor Protesten und Angriffen sein. Roman Stilling gab hierbei aber zu bedenken, dass mehr Transparenz bei Tierversuchen tatsächlich nicht ursächlich mit Anfeindungen in Verbindung steht. Zum anderen sind insbesondere an Universitäten die Finanz- und Personalressourcen begrenzt. Ein Diskussionsteilnehmer warf ein: „In einer Einrichtung, die bisher nicht über TV gesprochen hat, nun Kommunikationsstrategien zu etablieren, erfordert viele Kapazitäten. Das kann man nicht „nebenbei“ machen und ich kann mir vorstellen, dass es in vielen Einrichtungen u.a. auch daran scheitert.“ Darüber hinaus erscheint es schwierig, dass große Institute und Universitäten mit EINER Stimme sprechen, gerade bei so einem schwierigen Thema wie Tierversuche. Ein Statement, dass Tierversuche durchgeführt werden und man sich dabei zur Einhaltung der 3R und Transparenz verpflichtet, kann aber wohl jede Organisation verfassen – und sollte es auch.

Wurde in der Corona-Krise die Chance verpasst, Tierversuche in der Forschung präsenter zu machen? Wie können wir die Sichtbarkeit von Tierversuchen in der Öffentlichkeit erhöhen?
„Ich denke, eine große Chance wurde im März und April versäumt. Nie zuvor, war die Medienpräsenz der Wissenschaft so hoch und auch das Vertrauen in die Wissenschaftler. Die meisten der Medienwirksam aufgetretenen Wissenschaftler arbeiten auch mit Versuchstieren. Es hätte meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit gegeben, auf die Unerlässlichkeit von Tierversuchen bei diesen Interviews und Diskussionsrunden auch für die COVID Forschung hinzuweisen. Ich habe das leider nicht wahrgenommen“, schrieb einer der Diskussionsteilnehmer und sprach damit wohl vielen aus der Seele. Was können wir daraus lernen? Wir brauchen mehr und breitere Wissenschaftskommunikation. Viele Laien sind interessiert an wissenschaftlichen Themen. Doch für sie muss das „Fachchinesisch“, wie es eine Teilnehmerin nannte, in verständliche Sprache übersetzt werden. Das Problem ist nicht nur, dass Primärliteratur inhaltlich für den Laien kaum zu verstehen ist, sondern auch, dass die Wissenschaftssprache zumeist Englisch ist und viele Publikationen hinter Paywalls der Fachzeitschriften versteckt bleiben. Daher braucht es die WissenschaftlerInnen, die von ihrer Forschung berichten – und dabei Tierversuche nicht verschweigen. Ebenso forderte eine Teilnehmerin, dass mehr über sogenannte Negativ- oder Null-Ergebnisse gesprochen werden müsse. Auch sie gehören zum Forschungsalltag und sind ein wichtiger Bestandteil des Erkenntnisgewinns. Daher sollten auch sie kommuniziert werden. Gerade in Krisen und bei Skandalen gerät man schnell in die Lage, sich für Tierversuche rechtfertigen zu müssen. Wer schon früh offen kommuniziert, hat dagegen die Chance, die Debatte um Tierversuche zu lenken. Es gibt verschiedenste Wege das zu tun: die klassischen Medien, die sozialen Netzwerke, populärwissenschaftliche Veranstaltungen, die Einbindung von Patientenkreisen als Multiplikatoren der eigenen Information. Eine gepflegte Institutswebseite, deren Wichtigkeit Julia Peusquens betonte: „Gerade um die Informationen vor einer eintretenden Krise sachlich zu geben ist eine gute Webseite sinnvoll und bietet eine sichere Grundlage auch für Mitarbeiter bei Nachfragen zu Tierversuchen an der jeweligen Universität.“ Viel diskutiert wurden auch Aktionen wie ein Tag der offenen Tür an Universitäten und Tierhäusern oder die Integration des Themas Tierversuche in den Schullehrplan. Insbesondere beim Thema Schule, aber auch allgemein für die Debatte um Tierversuche, war es mir aber wichtig zu betonen: Ich will niemanden davon überzeugen, dass Tierversuche gut sind, aber ich halte einige für notwendig und ethisch vertretbar. Über diese kann und möchte ich reden. Es ist okay, Tierversuche abzulehnen, wenn man diese Entscheidung auf der Grundlage von Fakten und sorgfältiger ethischer Abwägung trifft. Was nicht sein darf: Keine Meinung zu diesem schwierigen, aber wichtigen Thema zu haben, weil es an Information oder Konfrontation fehlt. Daher werde ich auch weiter über Tierversuche sprechen.

Vielen Dank noch einmal an alle Beteiligten für die rege Diskussion!

Was hindert uns daran, öffentlich mehr über Tierversuche zu sprechen? – Ein Kommentar

Vor anderthab Wochen fand die jährliche GV-SOLAS-Tagung statt und wir waren dabei – virtuell natürlich. Im Rahmen der Session „Public Relations“ hielt ich, Emma, einen Vortrag unter dem Titel „Einsame Kämpfer? – Wie wir in den sozialen Medien über Tierversuche sprechen“. Meine Kernbotschaft(-en) zu den Debatten in Facebook-Kommentarspalten: Ruhig bleiben. Faktenwissen aufbauen und Fehlinformationen richtigstellen. Dem Gegenüber zuhören und die Argumente ernst nehmen. Vertrauen und Nähe schaffen. Eine Diskussion auf Augenhöhe führen. Denn eines ist für mich klar: Wir müssen (mehr) reden!

Das Feedback zu diesem (vorab aufgezeichneten) Vortrag war überwältigend. Vielen Dank für die vielen lobenden und ermutigenden Worte und für die Ehrlichkeit, mit der mir von persönlichen Erfahrungen und Ängsten berichtet wurde.

An den Vortrag schloss sich eine lebendige Diskussion zwischen den anderen Vortragenden der Session – Ana Barros (EARA), Julia Peusquens (UK Aachen), Fabienne Ferrara (ConScienceTrain) sowie Max Rieckmann (Pro-Test) und Roman Stilling (Tierversuche verstehen) – und den über 100 TeilnehmerInnen der Session an. Die Diskussion drehte sich u.a. um die folgenden Fragen:

Wie gehe ich mit persönlichen Angriffen um? Wie kann ich mich davor schützen?
Die Frage treibt wohl nicht nur den Einzelnen um, sondern auch die Institute und Unis. Groß ist die Sorge vor Diffamierung und einem „Shitstorm“. Die Diskussionen in den FB-Kommentarspalten haben den Vorteil, dass man sich mit der Antwort etwas Zeit lassen kann – zum Überlegen und Durchatmen. Denn oft wird man dort sehr persönlich angegriffen. Mir hilft da nur: Einatmen, ausatmen, eine Antwort tippen, diese Antwort noch vor dem Abschicken wieder löschen, einen Tee/Kaffee trinken und eine gemäßigtere, sachlichere Antwort geben. Außerdem hilft es, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie es m.E. zu solchen Beleidigungen und so viel Hass kommen kann: durch das falsche Bild, das viele wohl vom „Tierversuchsforscher“ haben. Diesem Forscher im weißen Kittel ein Gesicht geben und ihn damit nahbar machen – auch das ist ein Anliegen von Pro-Test. Das bedeutet keineswegs, dass man Tierversuche auf Gedeih und Verderb verteidigen muss. Zur Nahbarkeit kann es auch gehören, von eigenen Zweifeln zu berichten, wenn es um die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen geht. Auch damit macht man sich angreifbar, aber eben auch menschlich. Und gerade Menschlichkeit wird dem „Tierversuchsforscher“ ja nur allzu leicht abgesprochen. Worin sich die DiskussionsteilnehmerInnen einig waren: Schweigen ist keine Option. Nicht in den sozialen Medien und auch sonst nicht. Schweigen vermittelt den Eindruck, dass heimlich Verbotenes vor sich geht und Fehlinformationen und Vorwürfe bleiben unwidersprochen. Das wollen wir nicht akzeptieren.
Dennoch scheuen sich viele in Tierversuchen Arbeitende in den öffentlichen Raum zu treten. Die Verunsicherung und Angst vor Diffamierung überwiegen leider noch zu häufig. Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen und zeigen, dass bei proaktiver Kommunikation vor dem Krisenfall fast immer ein respektvoller Umgang gewahrt wurde.

Wessen Aufgabe ist es, über Tierversuche zu sprechen?
„Unabhängig von den Instituten sollten wir alle das Thema Tierversuche auch als Teil unserer persönlichen Verantwortung begreifen. Jeder von uns kann die Diskussion privat und beruflich anregen und damit für eine differenziertere öffentliche Wahrnehmung sorgen“, schrieb eine Diskussionsteilnehmerin. Das stimmt in meinen Augen. Es ist aber nicht nur Aufgabe des Einzelnen im Sinne einer grass-root-Initiative, sondern auch Aufgabe der Institute, Unis und Forschungseinrichtungen, die Tierversuche durchführen, denn sie stehen am schnellsten im öffentlichen Fokus. Deshalb müssen Institutionen einerseits von emanzipierten Wissenschaftlern aufgefordert werden, Kommunikationsstrategien zu entwerfen und Leitfäden vorzuleben. Umgekehrt müssen Wissenschaftler von den Institutionen unterstützt werden, indem Fortbildungen insbesondere im Bereich (Medien-)Kommunikation und psychologische Beratung angeboten werden. Besonders hervorzuheben sind hier auch die VersuchstierpflegerInnen, deren Arbeit unerlässlich für den Wissenschaftsbetrieb ist und die in den Stakeholderkreis aufgenommen werden müssen.

Welche Tools brauchen wir, um den Einzelnen zu mehr Kommunikation über Tierversuche zu ermutigen? Wie können Anreize geschaffen werden?
Fabienne Ferrara sprach überzeugt davon, dass wir ein Belohnungssystem brauchen, und erntete dafür Zustimmung. Aktuell gibt es wenig Anreize für diejenigen, die Tierversuche durchführen, sich auch dazu zu äußern. Es ist bisher eine Aufgabe, der man sich in der Freizeit widmen müsste – wie wir hier bei Pro-Test Deutschland. Arbeitszeit dafür zu nutzen oder es sogar als Aufgabe im Rahmen der Arbeit zu betrachten scheint bisher eine Ausnahme zu sein. Wir wünschen uns dort einen Wandel hin zu einer neuen Definition des Arbeitsgebiets eines/r Wissenschaftler/in, zu dessen Aufgaben eben auch die Wissenschaftskommunikation gehört.

In welcher Position kommuniziere ich? An wen kann ich mich wenden?
Durch den Arbeitgeber zu mehr Transparenz bei Tierversuchen ermutigt – das ist absolut wünschenswert. Aber als wer kommuniziere ich dann? Vor diesem Problem stehe auch ich immer wieder: Ich versuche in jeder Diskussion klar zu machen, als wer ich gerade spreche. Ich als Biologin. Ich als Pro-Testlerin. Ich als Privatperson. Ich als Angestellte eines Forschungsinstituts. Wenn ich im Namen des Forschungsinstituts spreche, stellt sich die Frage: Was darf ich überhaupt sagen? Um Sicherheit für den Einzelnen zu schaffen, wünschen wir uns klare Richtlinien und Statements durch die Forschungsinstitute, Unis etc. Daran kann man sich als Einzelner dann „festhalten“.
MitarbeiterInnen, die kommunizieren wollen, scheint es darüber hinaus an (Informationen über die) Anlaufstellen an den Instituten zu mangeln, an die man sich bei Problemen mit der Kommunikation von Tierversuchen wenden kann.

Was hindert die Universitäten, den schon seit Jahren identifizierten Missstand der fehlenden Kommunikation des Einsatzes von Versuchstieren in der Forschung zu beheben?
Zum einen mag das die Angst vor Protesten und Angriffen sein. Roman Stilling gab hierbei aber zu bedenken, dass mehr Transparenz bei Tierversuchen tatsächlich nicht ursächlich mit Anfeindungen in Verbindung steht. Zum anderen sind insbesondere an Universitäten die Finanz- und Personalressourcen begrenzt. Ein Diskussionsteilnehmer warf ein: „In einer Einrichtung, die bisher nicht über TV gesprochen hat, nun Kommunikationsstrategien zu etablieren, erfordert viele Kapazitäten. Das kann man nicht „nebenbei“ machen und ich kann mir vorstellen, dass es in vielen Einrichtungen u.a. auch daran scheitert.“ Darüber hinaus erscheint es schwierig, dass große Institute und Universitäten mit EINER Stimme sprechen, gerade bei so einem schwierigen Thema wie Tierversuche. Ein Statement, dass Tierversuche durchgeführt werden und man sich dabei zur Einhaltung der 3R und Transparenz verpflichtet, kann aber wohl jede Organisation verfassen – und sollte es auch.

Wurde in der Corona-Krise die Chance verpasst, Tierversuche in der Forschung präsenter zu machen? Wie können wir die Sichtbarkeit von Tierversuchen in der Öffentlichkeit erhöhen?
„Ich denke, eine große Chance wurde im März und April versäumt. Nie zuvor, war die Medienpräsenz der Wissenschaft so hoch und auch das Vertrauen in die Wissenschaftler. Die meisten der Medienwirksam aufgetretenen Wissenschaftler arbeiten auch mit Versuchstieren. Es hätte meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit gegeben, auf die Unerlässlichkeit von Tierversuchen bei diesen Interviews und Diskussionsrunden auch für die COVID Forschung hinzuweisen. Ich habe das leider nicht wahrgenommen“, schrieb einer der Diskussionsteilnehmer und sprach damit wohl vielen aus der Seele. Was können wir daraus lernen? Wir brauchen mehr und breitere Wissenschaftskommunikation. Viele Laien sind interessiert an wissenschaftlichen Themen. Doch für sie muss das „Fachchinesisch“, wie es eine Teilnehmerin nannte, in verständliche Sprache übersetzt werden. Das Problem ist nicht nur, dass Primärliteratur inhaltlich für den Laien kaum zu verstehen ist, sondern auch, dass die Wissenschaftssprache zumeist Englisch ist und viele Publikationen hinter Paywalls der Fachzeitschriften versteckt bleiben. Daher braucht es die WissenschaftlerInnen, die von ihrer Forschung berichten – und dabei Tierversuche nicht verschweigen. Ebenso forderte eine Teilnehmerin, dass mehr über sogenannte Negativ- oder Null-Ergebnisse gesprochen werden müsse. Auch sie gehören zum Forschungsalltag und sind ein wichtiger Bestandteil des Erkenntnisgewinns. Daher sollten auch sie kommuniziert werden. Gerade in Krisen und bei Skandalen gerät man schnell in die Lage, sich für Tierversuche rechtfertigen zu müssen. Wer schon früh offen kommuniziert, hat dagegen die Chance, die Debatte um Tierversuche zu lenken. Es gibt verschiedenste Wege das zu tun: die klassischen Medien, die sozialen Netzwerke, populärwissenschaftliche Veranstaltungen, die Einbindung von Patientenkreisen als Multiplikatoren der eigenen Information. Eine gepflegte Institutswebseite, deren Wichtigkeit Julia Peusquens betonte: „Gerade um die Informationen vor einer eintretenden Krise sachlich zu geben ist eine gute Webseite sinnvoll und bietet eine sichere Grundlage auch für Mitarbeiter bei Nachfragen zu Tierversuchen an der jeweligen Universität.“ Viel diskutiert wurden auch Aktionen wie ein Tag der offenen Tür an Universitäten und Tierhäusern oder die Integration des Themas Tierversuche in den Schullehrplan. Insbesondere beim Thema Schule, aber auch allgemein für die Debatte um Tierversuche, war es mir aber wichtig zu betonen: Ich will niemanden davon überzeugen, dass Tierversuche gut sind, aber ich halte einige für notwendig und ethisch vertretbar. Über diese kann und möchte ich reden. Es ist okay, Tierversuche abzulehnen, wenn man diese Entscheidung auf der Grundlage von Fakten und sorgfältiger ethischer Abwägung trifft. Was nicht sein darf: Keine Meinung zu diesem schwierigen, aber wichtigen Thema zu haben, weil es an Information oder Konfrontation fehlt. Daher werde ich auch weiter über Tierversuche sprechen.

Vielen Dank noch einmal an alle Beteiligten für die rege Diskussion!

Tierversuche ja – aber nicht so. Der Skandal um LPT.

Seit Tagen kursieren furchtbare Bilder aus einem Tierversuchslabor in der Nähe von Hamburg, in dem Toxizitätstests durchgeführt werden. Nach Informationen des „Spiegel“ hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ermittelt wegen Tierquälerei. Die Bilder sind schwer zu ertragen – auch für diejenigen von uns, die schon selbst Tierversuche durchgeführt haben. Das ist der Moment, in dem der Name unseres Vereins in die Irre führen kann. Pro-Test. Daher hier zur Klarstellung und in aller Deutlichkeit:

Wir Pro-Testler (TierpflegerInnen, ForscherInnen, TierärztInnen) sind gegen jede Form der Tierquälerei, einschließlich jeglicher Vernachlässigung! Schlechte oder grausame Tierhaltungen und Tierversuche darf es nicht geben. Wir sind der Überzeugung, dass es echte, wichtige, ethisch vertretbare Tierversuche gibt, und nur diese unterstützen wir! Aber die sollten niemals so aussehen, wie in dem Video, und wir haben dergleichen auch noch nie selbst gesehen. Wir sind zutiefst betroffen und hoffen auf eine lückenlose Aufklärung und eine gründliche juristische Aufarbeitung, denn unabhängig davon, ob aus Absicht oder Fahrlässigkeit: das Wohlergehen der Tiere muss Priorität haben.

Was hier im Einzelfall und im Konkreten passiert ist, das wissen wir nicht. Wir müssen die juristischen Untersuchungen abwarten. Falls hier etwas schiefgegangen ist, muss das nicht nur aufgearbeitet werden, sondern auch dafür gesorgt werden, dass es sich nicht wiederholt.

Doch das Video polarisiert. Tierversuche sind ein kontroverses Thema – und wir möchten mit unserer Vereinsarbeit zu einer fairen Debatte beitragen. Ein Post auf unserer Facebook-Seite zum LPT-Skandal erreichte innerhalb von einem halben Tag nicht nur über 4000 Personen, sondern verzeichnete die für unsere Verhältnisse schier unfassbare Zahl von über 300 Kommentaren. Darunter waren viele Kommentare von Tierversuchsgegnern. Dem möchten wir uns stellen. Ich gebe zu: Es war ein seltsames Gefühl, die erste Antwort von meinem privaten Account zu posten. Ich mache mich angreifbar. Allein hätte ich mich das wohl nicht getraut, aber ich weiß, dass ich Kollegen im Rücken habe. Und Schweigen ist keine Option – erst recht nicht auf unserer eigenen Facebook-Seite. Wie bleibt man cool, wenn man als brutal, grausam und sadistisch beschimpft wird? Wie bringt man seine Argumente für so ein komplexes Thema wie Tierversuche in der Kommentarspalte unter? Nicht einfach.

Schritt 1: Die Gegenargumente ernst nehmen. Ich bin Biologin. Tierversuche waren schon im Studium Thema. Aber der Großteil der Bevölkerung kommt damit kaum in Berührung. Die Bilder, die man beim Googlen findet, sind oft grausam. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass man dem Ganzen erst einmal ablehnend gegenübersteht. Aber es gibt auch gute Argumente für Tierversuche. Davon bin ich überzeugt. Und darum nehme ich mir auch die Zeit und lasse mich auf eine Diskussion ein. Es ist wichtig, dass wir uns zu Wort melden. Wir sprechen nicht nur die Leute an, die sich direkt an uns wenden, uns zum Teil sogar beschimpfen. Wir wenden uns auch an alle, die einfach nur mitlesen und zuhören, die sich informieren wollen, die offene Ohren für das Thema Tierversuche haben. Und wenn sie doch fragen: Wir antworten. Wir sind Pro-Test. Wir sagen: Es gibt Tierversuche, die sinnvoll und wertvoll sind. Diese befürworten wir. Schlechte und grausame Tierversuche lehnen wir ab.

Schritt 2: Klarmachen, wer wir eigentlich sind. Pro-Test ist keine „Lobbygruppe“ – wir sind ein gemeinnütziger Verein, wir finanzieren uns aus privaten Spenden und wir setzen uns ehrenamtlich für bessere, d.h. sachliche, faktenbasierte Kommunikation und fairen Dialog zu diesem unglaublich schwierigen und komplexen Thema ein. Das macht uns unabhängig. Niemand gibt uns vor, was wir zu sagen haben. Genauso gibt Pro-Test seinen Mitgliedern nicht vor, was sie zu sagen haben. Was uns eint, sind der Wille zu besseren Diskussionen und dass wir das Thema eben nicht so schwarz/weiß sehen, wie viele andere, sondern glauben, dass es wichtige Tierversuche gibt. Ich sage immer: Nichtkommunikation ist immer schlechte Kommunikation. Das ist es genau, was mich an vielen öffentlichen wie privaten Einrichtungen, in denen Tierversuche stattfinden, stört: Es gibt keine Information über das, was dort passiert, obwohl die Versuche dort legal sind und viele ForscherInnen und TierpflegerInnen ihre Arbeit gewissenhaft erledigen. Warum viele nicht gern darüber reden, sieht man in unserer Facebook-Kommentarspalte sehr gut. Doch etwas ändert sich: hier und da verpflichtet sich doch ein Institut zu mehr Transparenz und das finde ich wunderbar. Trotzdem werde ich nicht müde, weiter dafür zu werben. Denn nur mit offener Kommunikation haben wir die Möglichkeit einer Diskussion auf Augenhöhe und nur dann können wir auf Verständnis und Akzeptanz hoffen.

Schritt 3: Die Beleidigungen ausblenden. Leichter gesagt als getan. Aber ich glaube, es ist wichtig, respektvoll im Umgang miteinander zu bleiben. Manchmal hilft es mir, mir klarzumachen, dass die Bilder in den Köpfen der meisten Menschen aus blutverschmierten Haustieren (Kaninchen, Hunde, Katzen) bestehen. Dass das längst nicht für alle Tierversuche gilt, dass es Tierversuche gibt, die ohne Schmerzen für das Tier ablaufen, dass Maßnahmen zum Wohl der Tiere getroffen werden (müssen) – das ist vielen einfach nicht klar. Erklärungen sind notwendig.

Schritt 4: Schreiben. Infos raussuchen, nachfragen, Hilfe holen. Und dann schreiben. So wie ich diesen Text hier. Und jetzt du.

Parteienprogramme im Pro-Test-Check

Am 26. Mai 2019 ist Europawahl. Nun ist auch der Wahl-O-Mat wieder online (https://www.wahl-o-mat.de/europawahl2019/). Besonders interessant für uns: These 21.

„In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein.“

Grund genug, die Parteienprogramme diesbezüglich etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Hier stellen wir euch die Standpunkte der großen Parteien sowie der kleineren Parteien, die sich den Tierschutz zum zentralen Thema gemacht haben, etwas genauer vor. Auf unserer Facebookseite findet ihr unseren Pro-Test-Check unter den Hashtags #protestcheck #europawahl2019.

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Die SPD

 

Unter dem Motto „Kommt zusammen und macht Europa stark!“ zieht die SPD in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://www.spd.de/europa-ist-die-a…/…/unser-europaprogramm/

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die SPD folgendermaßen Stellung:

„Wir wollen, dass Tierversuche weiter reduziert werden. Das gilt auch für den medizinischen Bereich, aber vor allem für die Erprobung für Kosmetika und anderer nichtmedizinscher Produkte.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm der SPD findet sich kein Hinweis auf einen Standpunkt zu Tierversuchen – nicht einmal die medizinische Forschung wird konkret erwähnt. (Dafür bekommen Klima- und Umweltschutz mit Punkt VII einen eigenen Abschnitt. Das sind schließlich auch sehr wichtige Themen.)

Im Pro-Test-Check ruft der Standpunkt der SPD doch leichtes Stirnrunzeln hervor. Das Ziel, die Zahl der Tierversuche zu senken, ist nobel und wird auch bei uns unterstützt. Insbesondere, wenn dabei die Qualität der Tierversuche steigt (mehr Aussagekraft bzw. Ergebnisse bei weniger Tieren). Dennoch bleibt die Aussage sehr vage. Der nachfolgende Satz „auch [im] medizinischen Bereich“ impliziert, dass Tierversuche auch im nicht-medizinischen Bereich reduziert werden sollen. Worum genau es sich dabei handelt, bleibt unklar. Sollte das auf die Grundlagenforschung zielen, möchten wir hierbei unter anderem auf unsere Webseite verweisen, auf der wir eine Lanze für die Grundlagenforschung brechen: http://www.pro-test-deutschland.de/the…/grundlagenforschung/. Was uns ProTestlerInnen allerdings noch mehr verwundert, ist der Hinweis auf die Tests von Kosmetika an Tieren: Seit 2013 ist europaweit der Verkauf von Kosmetikprodukten, die an Tieren getestet wurden, verboten, auch, wenn diese Tests im Ausland durchgeführt wurden (Verordnung (EG) Nr. 1223/2009, Artikel 18, deutsches Tierschutzgesetz, §7a, Abs. 4). Die Tests selbst sind natürlich ebenfalls verboten. Um welche anderen nicht-medizinischen Produkte es sich handeln könnte, die im Tierversuch getestet werden, bleibt unklar.

Fazit: Die Stellungnahme der SPD zu Tierversuchen bleibt schwammig und wirft in unseren Augen mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

 

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Die CDU/CSU

 

Unter dem Motto „Unser Europa macht stark. Für Sicherheit, Frieden und Wohlstand“ zieht die CDU in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://www.cdu.de/europaprogramm

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die CDU/CSU folgendermaßen Stellung:

„Tierversuche sind leider noch immer unverzichtbar, um schwere Krankheiten zu erforschen und sichere neue Arzneimittel zu entwickeln. Klar ist aber auch: Tierversuche müssen auf das absolut notwendige Maß begrenzt werden und so schonend wie möglich ausgeführt werden. Wir haben im Koalitionsvertrag in Deutschland durchgesetzt, dass weiter intensiv an Ersatzmethoden geforscht wird. Dafür treten wir auch in der EU ein.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm der CDU heißt es weiter: „Wir sagen den großen Volkskrankheiten den Kampf an. Krebs und Alzheimer sollen bald der Vergangenheit angehören. Das können wir schaffen, indem wir unsere Kräfte in Europa bündeln. Mit einem Masterplan werden wir die Forschungsgelder zielgerichtet einsetzen sowie medizinische Forschung und Big Data zusammenbringen.“ Krebs und Alzheimer gehören sicherlich zu den schweren Krankheiten, von denen in der CDU/CSU-Stellungnahme oben die Rede ist. Warum die Erforschung dieser Krankheiten so schwierig ist und wie Tierversuche dabei helfen können, erklären wir u.a. in unserem Faktencheck: http://www.pro-test-deutschland.de/faktencheck/.

Im Pro-Test-Check ruft der Standpunkt der CDU/CSU Zustimmung hervor: Wir freuen uns, dass die Partei(en) die Unverzichtbarkeit von Tierversuchen deutlich an den Anfang ihres Statements setzen – sowohl für die Forschung als auch für die Patientensicherheit. Die Begrenzung aller Versuche auf das absolut notwendige Mindestmaß sowie eine möglichst geringe Belastung der Versuchstiere entsprechen dem auch von uns voll unterstützten 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine). Sehr schön erklärt ist das 3R-Prinzip hier: https://www.tierversuche-verstehen.de/das3rprinzip/. Ebenso halten auch wir von Pro-Test die Erforschung von Ersatzmethoden für extrem wichtig und freuen uns, dass sie im obigen Statement der CDU/CSU so zentral verankert sind.

 

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Die Grünen

 

Unter dem Motto „Europas Versprechen erneuern“ ziehen die Grünen in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://cms.gruene.de/…/docume…/2019_Europawahl-Programm.pdf

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ beziehen die Grünen folgendermaßen Stellung:

„Wir wollen Tierversuche endlich konsequent reduzieren und schnellstmöglich überflüssig machen. Die Erkenntnisse aus Tierversuchen sind nur bedingt auf den Menschen übertragbar. Wir wollen, dass die Tierversuchsrichtlinie überarbeitet wird und Alternativen zügig voranbringen. Heute gibt es noch Bereiche der Medizin, wo Tierversuche notwendig sind. Hier brauchen wir eine Ausstiegsstrategie. Auch an Hochschulen wollen wir tierversuchsfreie Verfahren stärken, das Wissen in die Lehre überführen und Studierenden die Möglichkeit geben, ohne Tierversuche durch das Studium zu kommen.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm heißt es weiter: „Tierschutz darf nicht an nationalen Grenzen enden. […] Das Verbot von Tierversuchen in der Kosmetik muss konsequent umgesetzt und auf weitere Produkte und andere Bereiche, wie zum Beispiel die Chemikalienprüfung, ausgeweitet werden. Zusätzlich benötigen wir eine verbindliche Ausstiegsstrategie aus den Tierversuchen sowie eine verstärkte Förderung für die Erforschung von Alternativen. Bestehende Alternativen sind anzuwenden.“

Der Pro-Test-Check fällt hier etwas länger aus, da die Grünen deutlicher Stellung zu Tierversuchen nehmen. Im ersten Satz des Wahl-O-Mat-Statements wird das zentrale Bestreben zur Reduktion und schließlich Abschaffung von Tierversuchen genannt. Lediglich das Wort „endlich“ fällt negativ auf – es impliziert, bisher hätte es keinen echten Versuch gegeben, obwohl die (deutschen!) Tierversuchsanträge durchaus immer komplexer wurden/werden, um die Notwendigkeit der Experimente festzustellen sowie deren Qualität zu gewährleisten. Richtig ist, dass Erkenntnisse aus Tierversuchen nur bedingt auf den Menschen übertragbar sind. Trotzdem halten wir von Pro-Test sie prinzipiell für nützlich, denn die Medizingeschichte zeigt, dass die Forschung an Tieren durchaus relevant für den Menschen sein kann. Etwas ausgiebiger beschäftigt sich damit unser Faktencheck:
http://www.pro-test-deutschland.de/faktencheck/#unterschiede.

Erfreulicherweise betonen die Grünen aber auch, dass es notwendige Tierversuche gibt – und fordern direkt im Anschluss eine Ausstiegsstrategie. Wie genau diese Strategie aussehen soll, bleibt unklar. Wir von Pro-Test schließen uns „Tierversuche verstehen“ an, die auf ihrer Webseite ganz klar sagen: „In absehbarer Zeit [wird man] auf Untersuchungen am lebenden Tier nicht völlig verzichten können.“ (https://www.tierversuche-verstehen.de/alternativmethoden/). Eine Reduktion und Verbesserung der notwendigen Tierversuche bleibt jedoch erstrebenswert. Alternativmethoden können hier ganz entscheidend zum Fortschritt beitragen. Verschiedene Methoden beleuchten wir auch auf unserer Webseite: http://www.pro-test-deutschland.de/…/alternativen-zu-tierv…/.

Im Wahlprogramm der Grünen stört uns zudem die Formulierung „Bestehende Methoden sind anzuwenden“. Wiederum scheint hier impliziert zu werden, dass die gängige Praxis eine andere wäre. Für die Tierversuche, die heute in Deutschland durchgeführt werden, gibt es keine tierfreien Alternativen. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass auf tierfreie Alternativen zurückgegriffen werden muss, wann immer das möglich ist (Tierschutzgesetz §7a (2) 2). Die Gesetzgebung in anderen EU-Staaten kann jedoch weniger stringent sein. Eine konsequente europaweite Durchsetzung ist daher durchaus wünschenswert. Deshalb unterstützen wir auch die Aussage, dass Tierschutz nicht an nationalen Grenzen enden darf (oder soll).

Fazit: Wenig überraschend bezieht das Bündnis 90/Die Grünen klar und sehr ausführlich Stellung zum Thema Tierschutz. Dass Tierversuche darin ein zentrales Thema sind und konkret angesprochen werden, ist erfreulich. Wir unterstützen die Aussagen der Grünen zur Notwendigkeit von Tierversuchen und zur Wichtigkeit der Erforschung von Alternativmethoden. Unklar bleibt allerdings, wie eine Ausstiegsstrategie aussehen soll und wie realistisch eine Umsetzung dergleichen ist. In naher Zukunft halten wir von Pro-Test den vollständigen Verzicht auf Tierversuche für nicht umsetzbar ohne den biomedizinischen Fortschritt einzuschränken und Menschenleben zu gefährden.

Wie könnte in euren Augen eine Ausstiegsstrategie aussehen?

 

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Die FDP

 

Unter dem Motto „Europas Chancen nutzen“ zieht die FDP in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://www.fdp.de/programm/europas-chancen-nutzen

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die FDP folgendermaßen Stellung:

„Wir Freie Demokraten haben das Ziel, durch medizinischen und technologischen Fortschritt Tierversuche obsolet zu machen. Wir wollen Methoden, die Tierversuche verlässlich und gleichwertig ersetzen. Ein grundsätzliches Verbot von Tierversuchen lehnen wir ab, da insbesondere bei der Erforschung von Therapiemöglichkeiten für schwerste Erkrankungen Tierversuche oftmals unerlässlich sind.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm ist nur allgemein von Tierschutz die Rede: „Wir Freie Demokraten stehen für ein Europa des Tierschutzes. Die Verantwortung für eine möglichst leidensfreie Tierhaltung endet nicht an den Grenzen der Mitgliedstaaten.“

Somit unterstützt auch die FDP europaweite Standards. Darüber hinaus lehnt die FDP ein grundsätzliches Verbot von Tierversuchen ab. Auch wir von Pro-Test glauben, dass es gute Gründe gibt, Tierversuche durchzuführen. Schwerste Erkrankungen sind oft ein akzeptierter Grund, wir möchten aber betonen, dass Tierversuche auch in der Grundlagenforschung eine wichtige Rolle spielen. Oft ist das für Außenstehende nicht so leicht nachzuvollziehen. Wer könnte den Sinn solcher Versuche wohl am besten erklären? Wir von Pro-Test dachten: Na der, der sie macht. So konnten wir im vergangenen Jahr Prof. Lewin vom Max-Delbrück-Centrum Berlin für ein Interview gewinnen, in dem er mit uns über seine Arbeit mit Nacktmullen sprach: http://www.pro-test-deutschland.de/whatsyourresearch/. Obwohl Tierversuche (noch?) unverzichtbar sind, unterstützen wir von Pro-Test die Entwicklung von Alternativmethoden aus vollstem Herzen und sind gespannt auf all das, was uns in diesem Bereich noch erwartet.

Fazit: Die FDP gesteht ein, dass es Tierversuche gibt, die unerlässlich sind. Dennoch haben sie es sich zum Ziel gesetzt, sie in der Zukunft obsolet zu machen – jedoch durch medizinischen und technologischen Fortschritt, nicht durch ein generelles Verbot.

 

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Die LINKE

 

Unter dem Motto „Für ein solidarisches Europa der Millionen, gegen eine Europäische Union der Millionäre“ zieht die LINKE in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://www.die-linke.de/europawahl/wahlprogramm/

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die Linke folgendermaßen Stellung:

„DIE LINKE will ein grundsätzliches Verbot von Tierversuchen. Auch in der medizinischen Forschung müssen Tierversuche viel stärker eingeschränkt werden. Stattdessen müssen Alternativen erforscht und gefördert werden – das ist auch in der medizinischen Forschung zunehmend möglich.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm ist der Wortlaut im Abschnitt „Wirksamer Tierschutz“ sehr ähnlich. Damit fordert die LINKE als erste der hier vorgestellten Parteien ein generelles Verbot von Tierversuchen. Diese Forderung wird oft von Individuen oder Tierrechtsorganisationen gestellt. Dass sie aber auch im Wahlprogramm einer der größeren deutschen Parteien verankert ist, mag den ein oder anderen doch überraschen.

Im März machte die Schweizer Volksinitiative „Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt“ mit ihrer Forderung des Verbots aller Tier- und Menschenversuche Schlagzeilen. Dazu schrieb unsere ProTestlerIn Emma einen Kommentar, der noch in unserem Blog zu finden ist (veröffentlicht wurde er von Renée – nicht wundern): http://www.pro-test-deutschland.de/ein-kommentar-zur-absch…/.

Auch auf der Webseite von „Tierversuche verstehen“ finden sich zu dem Thema allerhand Kommentare und Artikel, u.a. auch dieses Video einer „Leibniz debattiert“-Debatte zur Frage „Sind Tierversuche für die Forschung notwendig?“ (von Dezember 2016): https://www.tierversuche-verstehen.de/leibniz-debattiert-f…/.

Wir von Pro-Test sagen klar: Forschung braucht Tierversuche – daher lehnen wir ein generelles Verbot von Tierversuchen ab. Dennoch unterstützen wir die Erforschung von Alternativen und verfolgen Fortschritte in diesem Bereich mit Spannung.

 

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Die AfD

 

Unter dem Motto „Wir sind die Alternative für ein Europa der Freiheit“ zieht die AfD in den Wahlkampf zur Europawahl 2019. Ihr Europaprogramm findet ihr hier: https://www.afd.de/europawahlprogramm/

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die AfD folgendermaßen Stellung:

„Die AfD setzt sich für eine konsequente Umsetzung der Tierschutzgesetze ein. Tiere sind Mitgeschöpfe und keine Sachgegenstände. Ausnahmen für grausame oder unnötige Tierversuche darf es auch nicht in der Wissenschaft geben. Als fühlende Wesen haben Tiere ein Recht auf eine artgerechte Haltung im privaten wie im kommerziellen Bereich.“

Im oben verlinkten Wahlprogramm kommen Tierversuche nicht zur Sprache. Interessanterweise klingen sie aber in einem ganz anderen Kontext unter Punkt 12.5 an: „Kinder sind keine Versuchskaninchen – weder analog noch digital!“ In diesem Absatz stellt sich die AfD gegen eine Digitalisierung des Schulunterrichts aufgrund möglicher – aber noch nicht erforschter – „negativer Folgen für das Kindeswohl“. Das Wort „Versuchskaninchen“ ist hier also eindeutig negativ belegt.

Obwohl die AfD nicht explizit ein generelles Verbot von Tierversuchen fordert, so legt sie es mit ihrer Ablehnung „grausamer oder unnötiger Tierversuche“ in der Wissenschaft doch nahe. Wir von Pro-Test sagen: Unverhältnismäßig belastende oder nicht „sinnvolle“ Tierversuche sind verboten. Sie bleiben es auch. Nur für ausreichend begründete Tierversuche, die zudem ausgiebig ethisch abgewogen wurden, werden Genehmigungen erteilt, die quasi als „Ausnahmen“ vom Tierschutzgesetz gesehen werden können. Über die rechtlichen Grundlagen von Tierversuchen in Deutschland und Europa informiert „Tierversuche verstehen“ hier: https://www.tierversuche-verstehen.de/recht/.

Die AfD erwähnt explizit, dass Tiere „fühlende Wesen“ sind. Damit wirft sie auch die Frage nach Tierwohl bzw. Tierleid bei Tierversuchen auf. Eine sehr zentrale Frage, die immer wieder gestellt und diskutiert werden sollte – und die sich daher auch in unserer FAQ-Section auf der Pro-Test-Website widerfindet: http://www.pro-test-deutschland.de/faq/#leiden.

 

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Die Parteien, die sich insbesondere dem Tierschutz verschrieben haben

 

Von welchen dieser Parteien habt ihr schon einmal gehört?

Die Tierschutzpartei.
Die ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei).
Tierschutz hier.
Die Tierschutzallianz.
Menschliche Welt.
ÖkoLinX.
Partei für die Tiere.

Liest man die Statements dieser Parteien zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“, ähneln sie sich sehr: Es wird die vollständige Abschaffung aller Tierversuche gefordert. Als Gründe werden die fehlende Übertragbarkeit, die ethische Verwerflichkeit und das Vorhandensein von Ersatzmethoden genannt. Insbesondere die Erforschung von Alternativverfahren soll massiv vorangetrieben werden. Die Parteien „Tierschutz hier“ und „ÖkoLinX“ stellen darüber hinaus klar, dass sie Versuche am Menschen ablehnen.

Über die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen sowie Alternativmethoden haben wir von Pro-Test hier auf dieser Facebook-Seite schon mehrfach gesprochen – und wir bemühen uns, euch weiterhin über die wichtigsten Entwicklungen in diesem Bereich auf dem Laufenden zu halten. Doch die Frage nach der ethischen Rechtfertigung bleibt. Und auch wir stellen uns diese Frage immer wieder. Das ist gut so.

Zu dem Thema der ethischen Rechtfertigung möchten wir euch einen Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung ans Herz legen, auf den der Wahl-O-Mat bei der Tierversuchs-These verlinkt: „Können medizinische Affenversuche ethisch gerechtfertigt werden?“ Zu finden hier: https://www.bpb.de/…/koennen-medizinische-affenversuche-eth…

Ein schwieriges Thema. Aber die Komplexität des Themas sollte uns nicht von einer Diskussion abschrecken. Getreu dem Pro-Test-Motto: Lasst uns reden!

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Die Partei für Gesundheitsforschung

 

Den Abschluss bildet die kleine „Partei für Gesundheitsforschung“, eine Ein-Themen-Partei. Ihr Europawahlprogramm ist hier zu finden: https://parteifuergesundheitsforschung.de/wahlprogramm-der-…

Zur Wahl-O-Mat-These 21 „In der medizinischen Forschung sollen Tierversuche weiterhin erlaubt sein“ bezieht die Partei für Gesundheitsforschung folgendermaßen Stellung:

„In Deutschland gibt es bereits sehr strenge Regelungen diesbezüglich. Wir würden derzeit nichts an den Gesetzen ändern. Warum? Momentan sind Tierversuche in der schulmedizinischen Forschung leider noch notwendig. Auch gilt bereits das 3-R-Prinzip (Ziel: Tierversuche vollständig vermeiden, Zahl der Tiere und ihr Leiden in Versuchen auf das unerlässliche Maß beschränken). Bspw. kann man Tierversuche durch neue Technologien wie 3D-Zellkulturen, Organ-on-a-chip und Computersimulationen immer weiter ersetzen.“

Im Wahlprogramm heißt es: „Die Partei für Gesundheitsforschung setzt sich für die schnellere Entwicklung wirksamer Medizin gegen Alterskrankheiten ein. Dazu sollen 30 Mrd. Euro des EU-Haushalts pro Jahr zusätzlich zu dem 9. Forschungsrahmenprogramm “Horizon Europe” in die Forschung für wirksame Medizin gegen Alterskrankheiten investiert werden. Die Partei für Gesundheitsforschung befasst sich nur mit diesem einen Thema und überlässt andere politische Themen den anderen Parteien. Unser Ziel ist es, die Bedeutung der Gesundheitsforschung in Gesellschaft und Politik zu stärken.“

Als Alterskrankheiten hat die Partei u.a. Krebs, Alzheimer, Schlaganfall und Parkinson im Blick. Zur Erforschung dieser schweren Erkrankungen sind (und bleiben) Tierversuche unerlässlich – und das macht die Partei ganz deutlich. Wir von Pro-Test sind ebenfalls der Ansicht, dass Tierversuche bei der Erforschung diverser Krankheiten, aber auch physiologischer Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Wir dürfen jedoch nie aufhören, die ethische Rechtfertigung für Tierversuche zu hinterfragen und Tierversuche immer wieder ethisch abzuwägen. Viele Beispiele für den Nutzen von Tierversuchen haben wir in unserem Faktencheck zusammengestellt: http://www.pro-test-deutschland.de/faktencheck/. Falls irgendwelche Fragen offen bleiben: Schreibt uns. Denn wir wollen reden. Dafür sind wir da.

Gibt es eine Partei, die ihr in unserer kleinen Serie noch vermisst?

 

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Pro-Test möchte hier ausdrücklich keine Wahlempfehlung abgeben. Wir beschäftigen uns ganz bewusst nur mit den Standpunkten zum Thema Tierversuche. Nur zu einer Sache möchten wir aufrufen: Geht wählen!

Ein Kommentar zur Abschaffung aller Tierversuche

Die Schweizer Volksinitiative „Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt“ hat eine wichtige rechtliche Hürde genommen: Mit der Unterschrift von 122,333 Stimmberechtigten war die Initiative erfolgreich und wird Mitte März in einer öffentlichen Aktion in Bern eingereicht. Die Verantwortlichen wollen dann eine große „Aufklärungskampagne“ starten, um Bürger vom Verbot aller Tier- und Menschenversuche zu überzeugen.

Als ich zum ersten Mal von der Kampagne hörte, konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. Jetzt bin ich schockiert. Dass eine solche Initiative erfolgreich ist, zeigt, dass das Thema Tierversuche viel zu wenig öffentlich diskutiert wurde. Das vielfach vebreitete Schweigen der Wissenschaftler führt nicht zur Akzeptanz von Tierversuchen – im Gegenteil. Die Bevölkerung – oder zumindest ein Teil derselben – scheint sich uninformiert zu fühlen. Es gibt viel zu oft nur eine Stimme, die laut zu vernehmen ist. Das ist die der Tierversuchsgegner. Seien es aufwändige Werbekampagnen, Auftritte in den sozialen Medien inklusive ausgiebiger Kommentarkriege, Demonstrationen oder die Bereitstellung von scheinbar sachlichem Informationsmaterial – die Lobby ist groß. Verlässliche, ausgewogene Informationen zu dem Thema zu finden ist schwer. Pro-Test Deutschland e.V. versucht, dort anzusetzen und einen Beitrag zu leisten. Bisher haben wir viel positive Resonanz für unsere Arbeit erhalten. Fehlt eine solche Gegenstimme, eine Stimme der Wissenschaft, steht den Tierversuchsgegner nichts im Wege. Ich möchte ihnen nicht vorwerfen, dass sie uninformiert seien oder keine Argumente hätten. Es gibt gute Argumente gegen Tierversuche – und es gibt schlechte. Ebenso gibt es gute Argumente für Tierversuche und dagegen. Daher ist eine öffentliche Debatte zu dem Thema ja so wichtig. Vielleicht kann allein das Einreichen der Initiative einen Dialog in der Schweiz, aber auch weiter in Deutschland, anregen, denn ein Verbot ausnahmslos aller Tierversuche (und darüber hinaus sogar Menschenversuche) hätte dramatische Folgen.

Eine komplette Abschaffung von Tierversuchen ist leider nicht ohne Beeinträchtigung eines Großteils der biomedizinischen Forschung möglich. Computer-Simulationen, Mikro-Dosierungen, bildgebende Verfahren und In-Vitro-Tests werden oft als Alternativen zu Tierversuchen genannt und müssen (!) immer eingesetzt werden, wo es möglich ist. Doch das geht nicht immer und es ist unwahrscheinlich, dass diese Alternativmethoden jemals Tierversuche (in ausreichendem Maße) ersetzen können – sie sind jedoch eine ganz wichtige und vor allem immer besser werdende Ergänzung und helfen dabei, die Zahl der Tierversuche zu senken. Dennoch sind sie in ihren Möglichkeiten und ihrer Aussagekraft limitiert. Der Grund hierfür ist, dass jede wissenschaftliche Methode nur bestimmte Fragen beantworten kann. Alternativen zu Tierversuchen sind keine Ersatzverfahren, denn ermöglicht die Methode eine Antwort auf eine Frage ohne den Einsatz eines Versuchstiers, dann darf der Tierversuch nicht gemacht werden. Wo der Tierversuch zur Beantwortung der Frage unabdingbar ist, dort kommen die Alternativen ins Spiel: als Ergänzung. Es ist wichtig, sich diese Unterscheidung immer wieder bewusst zu machen. Versuche an Zellkulturen, Computer-Modelle und bildgebende Verfahren sind großartige Methoden, die ganz bestimmte Fragen beantworten können. Aber ihre Limitierung besteht unter anderem darin, dass sie oft entweder auf Informationen aus Tierversuchen beruhen oder einer Validierung durch Tierversuche bedürfen. Zum Beispiel können Computer-Simulationen nur erstellt werden, wenn man bereits Informationen hat, die man in das Modell einspeisen kann. Darüber hinaus kann man Vieles simulieren, muss aber oft dann im lebenden Organismus untersuchen, ob es sich in der Realität auch wirklich so verhält, denn das Modell ist nur so gut, wie die Informationen, die wir einspeisen. In-Vitro-Experimente, die an Molekülen (wie Proteinen oder DNA) oder auch an Zellkulturen durchgeführt werden, sind sehr gut geeignet um herauszufinden, was in einer einzelnen Zelle vor sich geht. Sie sind allerdings nicht immer sinnvoll um herauszufinden, wie verschiedene Gewebe oder Organe in einem ganzen Körper arbeiten. Auf absehbare Zeit sind wir auf Untersuchungen an lebenden Tieren angewiesen, um wichtige wissenschaftliche Fragen zu beantworten und Krankheiten effektiv bekämpfen zu können. In unserer Rubrik „Themen > Alternativen“ haben wir die verschiedenen Methoden noch einmal ausführlicher beschrieben.

Was mich aber eben noch mehr erschreckt als die Forderung nach der Abschaffung aller Tierversuche (die bekommen wir von Gegner nur allzu oft zu hören), ist die Forderung nach der Abschaffung aller Menschenversuche sowie nach dem Verbot des Imports an Menschen und Tieren getesteter Produkte in die Schweiz. Da muss ich ganz klar sagen: Das kann nicht funktionieren. Das ist der Tod jeder biomedizinischen wie klinischen Forschung – und wird viele Patienten das Leben kosten, denn das würde auch den Import von diversen Medikamenten betreffen. Man mag von Grundlagenforschung halten, was man möchte (Sie ist wichtig!), aber zumindest das Testen von neuen Medikamenten an freiwilligen Probanden ist unabdingbar, bevor eine Substanz auf den Markt kommen kann. In meinen Augen ist es nicht vertretbar, einem Patienten eine ungetestete Substanz zu verabreichen, deren Unbedenklichkeit und Wirksamkeit nicht vorher beschrieben wurden. Damit werden Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Ich kann daher nur hoffen, dass die Initiative nicht erfolgreich sein wird, aber doch ein Gutes hat: eine längst überfällige Debatte über Tierversuche weiter anregen. Getreu dem Pro-Test-Motto: Wir müssen reden!

Neue Serie #whatsYourResearch

Für Außenstehende ist manchmal schwierig nachzuvollziehen, warum bestimmte Forschungsprojekte gemacht werden. Ohne ausreichenden Kontext versteht man oft nicht einmal, was überhaupt die Frage ist. Ganz zu schweigen davon, warum wir uns für die Antwort interessieren sollten. Deswegen wollen wir in unserer neuen Serie genau das erklären. Und wer könnte das besser als derjenige, der die Forschung macht? Unter #whatsYourResearch erklären Wissenschaftler ihre Projekte.

Laboratory Science—biomedical, by Bill Dickinson, CC BY-NC-ND 2.0

Den Anfang macht Prof. Gary Lewin fom MDC Berlin. Wir haben erfahren, dass seit ein paar Tagen eine PR-Kampagne gegen Gary Lewin läuft, bei der er persönlich angegriffen wird. Unter anderem wird unterstellt, seine Experimente seien „unsinnig“ und „absurd“. Für uns der perfekte Zeitpunkt, mehr zum Hintergrund seiner Forschung zu erfahren.  Letztes Jahr veröffentlichte seine Gruppe eine aufsehenerregende Studie, die fand, dass Nacktmulle bis zu 18 Minuten ganz ohne Sauerstoff auskommen können. Wie machen die das? Und warum ist die biomedizinische Forschungswelt so aus dem Häuschen über dieses Ergebnis? Lest selbst!

Alternative Fakten

Der Begriff „Alternative Fakten“ ist von der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres zum Unwort 2017 gekürt worden. Er sei der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“.

Die echte Wahrheit oder die alternative? (Pixabay, CC0)

Die Entscheidung der Jury zeugt von einer wachsenden Besorgnis über eine Entwicklung, die immer weitere Bereiche des öffentlichen Lebens einzuschließen scheint. Eine Falschbehauptung wird auch dann noch als Argument gelten gelassen, wenn sie eindeutig als unwahr entlarvt wurde. Dazu bedarf es heute keines raffinierten Täuschungsmanövers, keines bestochenen Beamten, keiner gefälschten Studie. Es wird einfach aus der Luft gegriffen und behauptet. Und dann auf der Behauptung beharrt, egal wie vollständig sie schon widerlegt wurde. „Du magst deine Wahrheit haben, ich glaube aber lieber an meine.“

Es ist die gleiche Sorge, die Anfang 2017 weltweit Unterstützer des wissenschaftlichen Denkens zum Science March auf die Straßen getrieben hat. Ein Event, das sich Anfang 2018 wiederholen wird. Denn unsere Besorgnis wird nicht kleiner.

Wir stehen als Gesellschaft immer wieder vor wichtigen Entscheidungen. Wie sollen wir mit dem Klimawandel umgehen? Unter welchen Umständen sollen Abtreibungen möglich sein? Wo sollen die Grenzen der pränatalen Diagnostik liegen? Wie sieht ethisch vertretbare Tiernutzung aus? Es handelt sich immer um Abwägungen. Wenn nicht, wären diese Entscheidungen nicht schwierig. Wenn zwei wichtige Güter im Konflikt stehen, müssen wir uns einigen, welches Gut das wichtigere ist. Nüchterne Fakten liefern uns hier keine Antwort. Aber sie sind die zwingende Grundlage. Wer die Faktenlage nicht kennt, argumentiert schnell am Thema vorbei. Deswegen sabotieren „alternative Fakten“ jeden demokratischen Entscheidungsprozess. Eine freie Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Wahrheit für jeden zugänglich ist. „Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit“, wie die Washington Post es formuliert.

Nehmen wir die Frage, ob Impfungen gegen bestimmte Krankheiten verpflichtend sein sollten, statt nur offiziell empfohlen. Neben pragmatischen Argumenten steht hier im Kern die freie Entscheidung über den eigenen Körper gegen den optimalen Schutz der Bevölkerung. Eine Abwägung, über die es viele gute Argumente auszutauschen gibt. Aber diese Argumente gelten nur in der wirklichen Wirklichkeit, der mit den echten Fakten. Heutzutage werden lautstark die Risiken jeder Impfung um mehrere Größenordnungen übertrieben, gar neue erfunden, die Wirksamkeit heruntergespielt, teilweise völlig geleugnet. An den Haaren herbeigezogene Behauptungen, mehrfach widerlegt. Trotzdem überzeugen sie Menschen. Wer das schluckt, steht natürlich vor einer völlig anderen Abwägung, die mit der echten gar nichts mehr zu tun hat. „Soll es eine verpflichtende Behandlung geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit krank macht aber dabei kaum einen Nutzen hat?“ – natürlich nicht! Aber das ist halt auch überhaupt nicht die Frage, vor der wir stehen.

Nehmen wir die Frage, ob wir invasive Grundlagenforschung mit Tieren machen sollten. Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, Lebewesen kein Leid zuzufügen. Auf der anderen das Wissen, dass jeder technische und medizinische Fortschritt immer auf Grundlagenwissen beruht. Je mehr Grundlagenwissen, desto größere Fortschritte sind möglich. Auch hier gibt es viele gute Argumente auf beiden Seiten. Und auch hier gibt es Gruppen, die lautstark eine alternative Wirklichkeit erzeugen, in der plötzlich ganz andere Sachen gegeneinander abgewogen werden. „Sollen Wissenschaftler völlig nutzlose Experimente an Tieren ausführen, nur um ihre Neugier zu stillen?“ – natürlich nicht! Aber lass uns da nicht weiter drüber reden, sondern uns der echten Frage zuwenden. Die in der echten Wirklichkeit. Mit den echten Fakten.

Das Thema Tierversuche ist stärker in die Welt der alternativen Wahrheiten abgedriftet, als ich das von irgendeinem anderen Thema erlebe, das mit Misstrauen in die Wissenschaft zusammenhängt. Klar, Klimawandel wird gerade heraus geleugnet, die Wirksamkeit von Impfungen ebenso. Aber dem gegenüber stehen große Aufklärungsbemühungen. Wenn man sich als Unbeteiligter eine Meinung bilden will, stellt man schnell fest, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt, der den abstrusen Behauptungen widerspricht. Offizielle Stellen sowie viele einzelne Wissenschaftler verteidigen die Fakten.

Beim Thema Tierversuche werden „alternative Fakten“ weitgehend unwidersprochen im Raum stehen gelassen. Wir haben eine lange Kultur des Kopf in den Sand Steckens. Institute sprechen nicht gerne über Tierversuche, einzelne Wissenschaftler ebenso wenig. Das liegt meines Ermessens zum großen Teil daran, dass niemand wirklich für Tierversuche ist. Allen Beteiligten wäre es lieber, wenn wir sie nicht brauchten. Unser eigentliches Ziel ist es, die Welt besser zu verstehen. Wir wissen, dass darin der Schlüssel für neue Errungenschaften wie medizinische Behandlungen liegt. Davon sind wir begeistert und erzählen gerne darüber. Tierversuche sind ein Mittel zum Zweck. Wir wägen ab und kommen zum Schluss, dass es moralischer ist, einen bestimmten Tierversuch durchzuführen, als ihn nicht durchzuführen. Für etwas, das man selbst am liebsten unnötig machen würde, hält aber niemand gerne sein Kinn hin. Und so ist der Konsens, den es zum Nutzen von Tierversuchen unter Wissenschaftlern und Ärzten genauso gibt wie zu den anderen genannten Themen, für Außenstehende kaum sichtbar.

Wie Ihr wisst, ist das bei Pro-Test anders. Wir sprechen offen über Tierversuche. Wir stecken nicht den Kopf in den Sand, sondern zeigen unsere Namen und Gesichter. Wir finden, dass Wissenschaft offen und transparent sein muss. Wir finden, dass wir von uns aus auf die Öffentlichkeit zugehen sollten und nicht nur auf Anfragen oder Anschuldigungen reagieren.

Ins gleiche Horn stößt der Siggener Kreis. Das ist eine kleine aber einflussreiche Gruppe von Wissenschaftskommunikatoren aus dem Journalismus, den Hochschulen, usw. Auch sie äußern sich besorgt über die Zurückweisung wissenschaftlicher Evidenz in Teilen der Bevölkerung und den Einzug „alternativer Fakten“ in die Debatten. In den gerade veröffentlichten Siggener Impulsen 2017 fordern sie: „Wir brauchen Widerstandskräfte gegen falsche Aussagen“. Konkret bedeute das: Sich um Aufklärung bemühen, nicht nur auf Falschaussagen reagieren. Für transparente und integre Wissenschaft sorgen. Den Menschen nicht nur Infos vor den Latz knallen, sondern Möglichkeiten schaffen, sich selbst zu informieren. Alle wesentlichen Schritte des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses sichtbar machen, inklusive Fehler und Leerlauf. Denn: „Misstrauen entsteht nicht zuletzt dadurch, dass Entscheidungen scheinbar hinter verschlossenen Türen getroffen werden“. Der Siggener Kreis fordert, dass „Orte und Strukturen für den Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Wissenschaft“ geschaffen werden sollten.

Einer dieser Strukturen ist Pro-Test Deutschland e.V. Wann immer ihr Fragen oder Gesprächsbedarf zum Thema Tierversuche habt, könnt Ihr bei uns mit Wissenschaftlern, Tierpflegern, Studenten und anderen Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb sprechen. Das gilt für interessierte Außenstehende genauso wie für Menschen, die selbst mit Tierversuchen zu tun haben. Schreibt uns eine Email, diskutiert mit uns auf Facebook oder Twitter. Wir kommen auch zu Euch in die Schule oder zu einem Diskussionsabend. Denn freie Meinungsbildung braucht zuerst die Fakten.

Ersties sind die Besten!

Pro-Test Deutschland als Button

Zum Beginn des Wintersemesters waren wir von  Pro-Test auf der Ersties-Einführung der Uni Tübingen. Die meisten von uns sind jetzt noch nicht so ewig aus dem Studium, viele studieren selbst noch. Ich schon lange nicht mehr, OK, aber ich bin ja auch der Uropa bei Pro-Test mit meinen 40 Jahren. Naja, jedenfalls liegt es nahe, dass die studierende Bevölkerung für uns eine wichtige Zielgruppe ist. Deswegen war ich richtig happy, als die Uni Tübingen uns eingeladen hat, im Rahmen ihrer Erstie-Einführung am 19. Oktober 2017 einen Infostand zu machen.

Die offizielle Erstie-Einführung mit Ansprache des Rektors usw. ist eine erwartungsgemäß erhebend-dröge Angelegenheit. Aber im Anschluss gibt’s im Hörsaalzentrum immer einen Haufen Stände, die über alle möglichen Aktivitäten und Hochschulgruppen informieren, und das ist immer ein Klasseabend. Da merkt man zum ersten Mal, was an der Uni so läuft, als Erstie weiß man ja Vieles einfach noch nicht. Von Studentenwerk und Fachschaften über Hochschulsport und Studi-Radio bis hin zu den politischen Hochschulgruppen ist alles dabei. Wer’s zu Studienbeginn wissen will, kann so gleich schonmal rausfinden, ob hier Kanupolo angeboten wird oder es eine Ortsgruppe der Internationalen Anarchistischen Volksfront gibt. “Dies Universitatis” muss sowas an der Hochschule dann natürlich heißen, ist doch toll, wenn man mit seinem großen Latinum auch mal was anfangen kann…

Zu unserem Stand sind wir auf einem etwas krummen Umweg gekommen: Die Tübinger Tierschützer haben uns dazu verholfen! Der lokale Verein “Act for Animals” hatte die Universitätsleitung nämlich gebeten, teilnehmen und einen Stand organisieren zu dürfen. Die Tierschützer bekamen die Erlaubnis zu einem Stand. Nun wollte man aber seitens der Uni gern auch noch eine andere Stimme zum Thema Tierversuche einladen, und da erinnerte man sich an diesen Verein, der in Tübingen ja auch aktiv ist und was zum Thema zu sagen hat. Eine nette Einladung später waren wir Pro-Testler mit von der Partie. Danke, Act for Animals! Und Danke für die ausgewogene Lösung und Offenheit für das heiße Eisen, Uni Tübingen!

Zum 19. Oktober haben wir dann unsere schicken T-Shirts angezogen, die wir zum Science March dieses Frühjahr gedruckt hatten. Soviel Auslauf haben die bisher nämlich noch nicht bekommen.

Offizielles Pro-Test Deutschland T-Shirt

Unsere T-Shirts: Blau ist das neue Schwarz!

Wir haben tonnenweise Flyer und Laminate mitgenommen, dazu ein paar (vegane) Kekse – irgendjemand hat uns den Tipp gegeben, dass Futteralien bei den Ersties gut ankommen. Dann habe ich noch eine allgemeine “Worum geht’s bei Pro-Test Deutschland”-Präsentation zusammengeklickt, die den ganzen Abend auf einem Laptop-Bildschirm in Dauerschleife lief. Die hat, glaube ich, den ganzen Abend über genau gar keine Person angeschaut. Naja, war auch mehr als eyecatcher gedacht.

Und dann standen wir da, Marie, Pooja, Artur und ich, und warteten auf Kundschaft. Es war ganz schön was los, und wie es der Zufall (oder die Universitätsleitung?) wollte, befand sich unser Stand direkt neben dem Haupteingang des Hörsaalzentrums. Also, so 30 Zentimeter von der Tür entfernt. Wie großartig das ist, wenn man zufällig eine metrische Tonne kleiner blau-weißer Flyer dabei hat, ist uns nach ein paar Minuten klar geworden: Ausnahmslos jede*r Vorbeikommende bekam erstmal so ein Ding in die Hand gedrückt. Besonders Artur hat so eine charmant-aggressive Art, Flyer zu verteilen, dass man sich schon aktiv in Sicherheit bringen muss, um mit leeren Händen davonzukommen. Irgendwie schafft er es dabei sogar, dass die Leute ihm nicht böse sind!

Und die Flyer haben die Leute nicht nur behalten, sondern auch gelesen. Und dann sind sie zu uns zurückgekommen, haben Fragen gestellt, waren nett, haben sich bedankt… Im Laufe des Abends wurde mir allmählich klar: Ersties sind die Besten!

Marie ins Gespräch vertieft

Marie verteilt Flyer, Paul macht Fotos. Mit seiner Handykamera. Die wirklich Mist ist. Nicht zuhause nachmachen!

Ich kannte bis jetzt natürlich nur das Publikum auf der Straße. Da wird man so an jeden zehnten Passanten mal einen Flyer los. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund scheinen auf der anderen Straßenseite immer wesentlich mehr Leute unterwegs zu sein als auf der eigenen. Wenn man nach ein paar Stunden seinen Posten verlässt, sieht man in jedem Mülleimer, an dem man vorbeikommt, einen Haufen Flyer liegen. Manche liegen auch auf dem Boden herum. Um ins Gespräch zu kommen, muss man die Leute ansprechen und ein paar Schritte mitgehen, und viele wollen einfach nicht. Was natürlich aber sowas von OK ist! Man mag nicht unbedingt von Fremden angesprochen werden oder alles lesen, was man in einem unbedachten Impuls erst einmal angenommen hat, und vor allem hat man vielleicht gerade was anderes zu tun als anzuhalten und sich ausgerechnet über Tierversuche zu unterhalten.

"Wir müssen reden" – Unser Flyer ist ein guter Konversationsstarter

Was Leute sagen, die einen Blick auf unseren Flyer geworfen haben: „Ach ja? Worüber denn?“ ––– Was wir denken, wenn Leute das sagen: „Strike! Die Dinger funktionieren!“

Hier aber war das vollkommen anders. Ersties sind vor allem eines: ungeheuer neugierig. Ich hatte ja die Befürchtung, dass viele nur kommen, um an jedem Stand ein paar Goodies abzustauben. Aber das war absolut nicht der Fall. Die allermeisten waren richtig guter Laune und begierig darauf zu entdecken, was an der Uni und in ihrem Umfeld so läuft. Viele kamen direkt an den Stand und stellten die Frage des Abends: “Und was macht Ihr so?” Und schon war man im Gespräch.

Pooja erklärt, wer wir sind und was wir machen

„Und was macht ihr so?“ – Pooja erklärt’s Dir!

Die häufigste Reaktion auf unsere Selbstbezichtigungen war dann: “Wow, das ist ja cool, find ich total gut!” Nicht unbedingt, weil wir Tierversuche in der biomedizinischen Forschung unterstützen – obwohl einige auch das schonmal erfrischend und wichtig fanden. Sondern vor allem, weil wir rausgehen und das heiße Eisen anpacken. Weil wir uns hinstellen und etwas offen ansprechen, das offenbar von den meisten als Thema zum Weggucken und Wegducken empfunden wird.

Wenn man frisch an die Uni kommt, dann ist genau diese Haltung das, wonach man sucht und was man erwartet: Hier wird den Dingen auf den Grund gegangen, hier wird offen die Faktenlage und dann das Pro und Contra diskutiert, hier darf man sich trefflich streiten, ohne dass es in Hass und Beschimpfungen und unsachlichen Mist ausartet. Erwartungshaltung, nicht Realität, schon klar. Aber das ist ja immerhin das Ideal, nachdem das Leben und Lernen an der Universität strebt, nicht wahr?

Und, ja, vielleicht auch das ein bisschen: Wenn man frisch an die Uni kommt, erwartet man, dass da genug vergeistigte Spinner unterwegs sind, dass man selbst für ziemlich seltsame Ansichten und Interessen jemanden findet, der sich vehement dafür einsetzt. Kanupolo, die anarchistische Internationale, und – Tierversuche.

Zumindest fasst das ganz gut die Erwartungshaltung zusammen, mit der ich selbst vor einem halben Leben an die Uni gegangen bin. Auch wenn ich damals mit 19 das nicht so hätte aussprechen können. Damals wie heute ist es das, was ich am Universitätsleben und am akademischen Dasein überhaupt so großartig finde: Auf ein “lass uns drüber diskutieren” folgt nicht ein “du kannst mich mal!”, sondern ein “dann lass mal hören!”

Die Ersties verkörpern diese Erwartung, dieses Ideal vielleicht mehr als jede andere Gruppe an der Universität. Und genau deshalb sind Ersties einfach die Besten!

Tagung zur Versuchstierkunde

Mitte September war die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für Versuchstierkunde (GV-Solas) und der Interessensgemeinschaft der Tierpflegerinnen (IGTP) in Köln. Drei Tage lang wurde unter anderem darüber diskutiert, wie man Versuchstiere optimal hält, wie man die Belastung einer gentechnisch veränderten Mauslinie einschätzt, oder wie man am besten über Tierversuche kommuniziert. Da waren wir von Pro-Test Deutschland natürlich nicht weit!

Tagungsort Köln (quelle: https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:11.08.2007._K%C3%B6ln_-_panoramio.jpg, Sandor Bordas)

Gleich vier Mitglieder waren vor Ort, um die neuesten Entwicklungen mitzubekommen. Unser Lars moderierte eine Session über Neuigkeiten bezüglich des 3R-Prinzips (replace, reduce, refine, also Tierversuche ersetzen, reduzieren, verbessern). Dort stellten Wissenschaftler z.B. Untersuchungen darüber vor, mit wieviel Einstreu im Käfig sich eine Maus am wohlsten fühlt, oder welches Spielzeug im Käfig am besten angenommen wird. Das sind Beispiele für das am wenigsten medienwirksame aber genauso wichtige R: refinement. Wir können nicht alle Tierversuche ersetzen. Dann müssen wir die, die übrig bleiben, so gestalten, dass sie so wenig Belastung für die Tiere wie möglich bedeuten. Wie in jedem Bereich der Wissenschaft gibt es auch hier ständig neue Ideen und Erkenntnisse, unter anderem darüber, wie Tiere am besten zu halten sind. In diesem Bereich immer auf dem neuesten Stand des Wissens zu sein, sollte Ziel jeder Versuchstierhaltung sein! Im Interesse der Tiere müssen neueste Erkenntnisse schnellst möglich in der Praxis ankommen, nicht erst wenn sie sich als offizielle Empfehlung niederschlagen.

Unser Flo hielt einen Vortrag in einer Session über Öffentlichkeitsarbeit. Der vollbesetzte Saal zeugte vom großen Interesse am Thema. Neben Pro-Test waren weitere hochkarätige Experten vor Ort: Kirk Leech von EARA, Stefan Treue von Tierversuche Verstehen (außerdem Direktor des deutschen Primatenzentrums), und Boris Jerchow, der von den Protesten gegen den Bau eines modernen Tierhauses am MDC Berlin und dem äußerst erfolgreichen Kommunikationskonzept berichtete, mit dem das Institut reagiert hatte.

Alle Vortragenden waren sich einig: Kommunikation über Tierversuche muss proaktiv erfolgen! Wenn die Institute erst dann über Tierversuche sprechen, wenn sie durch Angriffe oder Schlagzeilen dazu gezwungen werden, sind sie in der Defensive. Dann ist es zu spät, den Sinn und Nutzen der Tierversuche in Ruhe zu erklären. Stattdessen müssen die Institute von sich aus das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Umso erschreckender die Zahlen, die Kirk Leech präsentierte: Nur etwa 10% der deutschen Universitäten haben überhaupt ein Statement zu Tierversuchen auf ihrer Internetpräsenz!

Einigkeit herrschte auch darüber, dass die Verpflichtung, über Tierversuche aufzuklären, nicht einfach an eine große Vereinigung wie Tierversuche Verstehen abgeschoben werden könne. Die Unis und Institute müssten zusätzlich selbst über ihre eigenen Versuche berichten. Nur so könne eine Vielstimmigkeit entstehen, die den wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema deutlich mache. So sollten bei jeder wissenschaftlichen Erfolgsmeldung, die ein Institut an die Presse gebe, die Rolle von Tierversuchen für diesen Fortschritt erwähnt werden.
Ein weiteres Thema, das auch vom Publikum rege diskutiert wurde, wurde von Flo eingebracht: die Tierversuchskommunikation innerhalb der Institute. Die Menschen, die täglich mit Versuchstieren arbeiten, Wissenschaftler, Tierärzte, Tierpfleger, müssen in die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Einrichtungen eingebunden werden. Es wird schließlich über ihre Arbeit geredet, da sollten sie auch mindestens mal gefragt werden, wie sie die Kommunikation ihrer Pressestellen überhaupt finden. Es muss jedem Mitarbeiter möglich sein, eventuelle Probleme anzusprechen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Dazu braucht es klare interne Kommunikationsstrukturen. Einerseits hilft das, die Einhaltung der Regeln und Auflagen konsequent zu gewährleisten. Anderseits muss es aber auch für das Ansprechen ethischer Zweifel jenseits der verpflichtenden Auflagen einen Platz geben. Besonders Berufsanfänger dürften mit ihren Fragen nicht alleine gelassen werden, wie Wortbeiträge aus dem Publikum anmerkten.

Voraussetzung für die Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen seien Ehrlichkeit und Offenheit, argumentierte Stefan Treue. Man müsse z.B. bereit sein, Fehler einzugestehen, die in der Wissenschaft gemacht werden. Auch in der Diskussion mit Tierversuchsgegnern sollte man seine Offenheit gegenüber ihren Argumenten bewahren. Das entspricht den Erfahrungen, die wir bei Pro-Test gemacht haben. Obwohl uns in Diskussionen sehr viele Argumente begegnen, die einfach auf falschen Tatsachen beruhen, sind auch immer wieder gute und valide Punkte dabei, insbesondere zur ethischen Bewertung von Tierversuchen. Führt man eine Diskussion auf Augenhöhe, ist man nicht nur glaubwürdiger, sondern profitiert auch selbst viel mehr, indem man immer wieder neue Sichtweisen kennenlernt.