Neue Serie #whatsYourResearch

Für Außenstehende ist manchmal schwierig nachzuvollziehen, warum bestimmte Forschungsprojekte gemacht werden. Ohne ausreichenden Kontext versteht man oft nicht einmal, was überhaupt die Frage ist. Ganz zu schweigen davon, warum wir uns für die Antwort interessieren sollten. Deswegen wollen wir in unserer neuen Serie genau das erklären. Und wer könnte das besser als derjenige, der die Forschung macht? Unter #whatsYourResearch erklären Wissenschaftler ihre Projekte.

Laboratory Science—biomedical, by Bill Dickinson, CC BY-NC-ND 2.0

Den Anfang macht Prof. Gary Lewin fom MDC Berlin. Wir haben erfahren, dass seit ein paar Tagen eine PR-Kampagne gegen Gary Lewin läuft, bei der er persönlich angegriffen wird. Unter anderem wird unterstellt, seine Experimente seien “unsinnig” und “absurd”. Für uns der perfekte Zeitpunkt, mehr zum Hintergrund seiner Forschung zu erfahren.  Letztes Jahr veröffentlichte seine Gruppe eine aufsehenerregende Studie, die fand, dass Nacktmulle bis zu 18 Minuten ganz ohne Sauerstoff auskommen können. Wie machen die das? Und warum ist die biomedizinische Forschungswelt so aus dem Häuschen über dieses Ergebnis? Lest selbst!

Alternative Fakten

Der Begriff „Alternative Fakten“ ist von der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres zum Unwort 2017 gekürt worden. Er sei der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“.

Die echte Wahrheit oder die alternative? (Pixabay, CC0)

Die Entscheidung der Jury zeugt von einer wachsenden Besorgnis über eine Entwicklung, die immer weitere Bereiche des öffentlichen Lebens einzuschließen scheint. Eine Falschbehauptung wird auch dann noch als Argument gelten gelassen, wenn sie eindeutig als unwahr entlarvt wurde. Dazu bedarf es heute keines raffinierten Täuschungsmanövers, keines bestochenen Beamten, keiner gefälschten Studie. Es wird einfach aus der Luft gegriffen und behauptet. Und dann auf der Behauptung beharrt, egal wie vollständig sie schon widerlegt wurde. „Du magst deine Wahrheit haben, ich glaube aber lieber an meine.“

Es ist die gleiche Sorge, die Anfang 2017 weltweit Unterstützer des wissenschaftlichen Denkens zum Science March auf die Straßen getrieben hat. Ein Event, das sich Anfang 2018 wiederholen wird. Denn unsere Besorgnis wird nicht kleiner.

Wir stehen als Gesellschaft immer wieder vor wichtigen Entscheidungen. Wie sollen wir mit dem Klimawandel umgehen? Unter welchen Umständen sollen Abtreibungen möglich sein? Wo sollen die Grenzen der pränatalen Diagnostik liegen? Wie sieht ethisch vertretbare Tiernutzung aus? Es handelt sich immer um Abwägungen. Wenn nicht, wären diese Entscheidungen nicht schwierig. Wenn zwei wichtige Güter im Konflikt stehen, müssen wir uns einigen, welches Gut das wichtigere ist. Nüchterne Fakten liefern uns hier keine Antwort. Aber sie sind die zwingende Grundlage. Wer die Faktenlage nicht kennt, argumentiert schnell am Thema vorbei. Deswegen sabotieren „alternative Fakten“ jeden demokratischen Entscheidungsprozess. Eine freie Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Wahrheit für jeden zugänglich ist. „Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit“, wie die Washington Post es formuliert.

Nehmen wir die Frage, ob Impfungen gegen bestimmte Krankheiten verpflichtend sein sollten, statt nur offiziell empfohlen. Neben pragmatischen Argumenten steht hier im Kern die freie Entscheidung über den eigenen Körper gegen den optimalen Schutz der Bevölkerung. Eine Abwägung, über die es viele gute Argumente auszutauschen gibt. Aber diese Argumente gelten nur in der wirklichen Wirklichkeit, der mit den echten Fakten. Heutzutage werden lautstark die Risiken jeder Impfung um mehrere Größenordnungen übertrieben, gar neue erfunden, die Wirksamkeit heruntergespielt, teilweise völlig geleugnet. An den Haaren herbeigezogene Behauptungen, mehrfach widerlegt. Trotzdem überzeugen sie Menschen. Wer das schluckt, steht natürlich vor einer völlig anderen Abwägung, die mit der echten gar nichts mehr zu tun hat. „Soll es eine verpflichtende Behandlung geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit krank macht aber dabei kaum einen Nutzen hat?“ – natürlich nicht! Aber das ist halt auch überhaupt nicht die Frage, vor der wir stehen.

Nehmen wir die Frage, ob wir invasive Grundlagenforschung mit Tieren machen sollten. Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, Lebewesen kein Leid zuzufügen. Auf der anderen das Wissen, dass jeder technische und medizinische Fortschritt immer auf Grundlagenwissen beruht. Je mehr Grundlagenwissen, desto größere Fortschritte sind möglich. Auch hier gibt es viele gute Argumente auf beiden Seiten. Und auch hier gibt es Gruppen, die lautstark eine alternative Wirklichkeit erzeugen, in der plötzlich ganz andere Sachen gegeneinander abgewogen werden. „Sollen Wissenschaftler völlig nutzlose Experimente an Tieren ausführen, nur um ihre Neugier zu stillen?“ – natürlich nicht! Aber lass uns da nicht weiter drüber reden, sondern uns der echten Frage zuwenden. Die in der echten Wirklichkeit. Mit den echten Fakten.

Das Thema Tierversuche ist stärker in die Welt der alternativen Wahrheiten abgedriftet, als ich das von irgendeinem anderen Thema erlebe, das mit Misstrauen in die Wissenschaft zusammenhängt. Klar, Klimawandel wird gerade heraus geleugnet, die Wirksamkeit von Impfungen ebenso. Aber dem gegenüber stehen große Aufklärungsbemühungen. Wenn man sich als Unbeteiligter eine Meinung bilden will, stellt man schnell fest, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt, der den abstrusen Behauptungen widerspricht. Offizielle Stellen sowie viele einzelne Wissenschaftler verteidigen die Fakten.

Beim Thema Tierversuche werden „alternative Fakten“ weitgehend unwidersprochen im Raum stehen gelassen. Wir haben eine lange Kultur des Kopf in den Sand Steckens. Institute sprechen nicht gerne über Tierversuche, einzelne Wissenschaftler ebenso wenig. Das liegt meines Ermessens zum großen Teil daran, dass niemand wirklich für Tierversuche ist. Allen Beteiligten wäre es lieber, wenn wir sie nicht brauchten. Unser eigentliches Ziel ist es, die Welt besser zu verstehen. Wir wissen, dass darin der Schlüssel für neue Errungenschaften wie medizinische Behandlungen liegt. Davon sind wir begeistert und erzählen gerne darüber. Tierversuche sind ein Mittel zum Zweck. Wir wägen ab und kommen zum Schluss, dass es moralischer ist, einen bestimmten Tierversuch durchzuführen, als ihn nicht durchzuführen. Für etwas, das man selbst am liebsten unnötig machen würde, hält aber niemand gerne sein Kinn hin. Und so ist der Konsens, den es zum Nutzen von Tierversuchen unter Wissenschaftlern und Ärzten genauso gibt wie zu den anderen genannten Themen, für Außenstehende kaum sichtbar.

Wie Ihr wisst, ist das bei Pro-Test anders. Wir sprechen offen über Tierversuche. Wir stecken nicht den Kopf in den Sand, sondern zeigen unsere Namen und Gesichter. Wir finden, dass Wissenschaft offen und transparent sein muss. Wir finden, dass wir von uns aus auf die Öffentlichkeit zugehen sollten und nicht nur auf Anfragen oder Anschuldigungen reagieren.

Ins gleiche Horn stößt der Siggener Kreis. Das ist eine kleine aber einflussreiche Gruppe von Wissenschaftskommunikatoren aus dem Journalismus, den Hochschulen, usw. Auch sie äußern sich besorgt über die Zurückweisung wissenschaftlicher Evidenz in Teilen der Bevölkerung und den Einzug „alternativer Fakten“ in die Debatten. In den gerade veröffentlichten Siggener Impulsen 2017 fordern sie: „Wir brauchen Widerstandskräfte gegen falsche Aussagen“. Konkret bedeute das: Sich um Aufklärung bemühen, nicht nur auf Falschaussagen reagieren. Für transparente und integre Wissenschaft sorgen. Den Menschen nicht nur Infos vor den Latz knallen, sondern Möglichkeiten schaffen, sich selbst zu informieren. Alle wesentlichen Schritte des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses sichtbar machen, inklusive Fehler und Leerlauf. Denn: „Misstrauen entsteht nicht zuletzt dadurch, dass Entscheidungen scheinbar hinter verschlossenen Türen getroffen werden“. Der Siggener Kreis fordert, dass „Orte und Strukturen für den Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Wissenschaft“ geschaffen werden sollten.

Einer dieser Strukturen ist Pro-Test Deutschland e.V. Wann immer ihr Fragen oder Gesprächsbedarf zum Thema Tierversuche habt, könnt Ihr bei uns mit Wissenschaftlern, Tierpflegern, Studenten und anderen Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb sprechen. Das gilt für interessierte Außenstehende genauso wie für Menschen, die selbst mit Tierversuchen zu tun haben. Schreibt uns eine Email, diskutiert mit uns auf Facebook oder Twitter. Wir kommen auch zu Euch in die Schule oder zu einem Diskussionsabend. Denn freie Meinungsbildung braucht zuerst die Fakten.

Ersties sind die Besten!

Pro-Test Deutschland als Button

Zum Beginn des Wintersemesters waren wir von  Pro-Test auf der Ersties-Einführung der Uni Tübingen. Die meisten von uns sind jetzt noch nicht so ewig aus dem Studium, viele studieren selbst noch. Ich schon lange nicht mehr, OK, aber ich bin ja auch der Uropa bei Pro-Test mit meinen 40 Jahren. Naja, jedenfalls liegt es nahe, dass die studierende Bevölkerung für uns eine wichtige Zielgruppe ist. Deswegen war ich richtig happy, als die Uni Tübingen uns eingeladen hat, im Rahmen ihrer Erstie-Einführung am 19. Oktober 2017 einen Infostand zu machen.

Die offizielle Erstie-Einführung mit Ansprache des Rektors usw. ist eine erwartungsgemäß erhebend-dröge Angelegenheit. Aber im Anschluss gibt’s im Hörsaalzentrum immer einen Haufen Stände, die über alle möglichen Aktivitäten und Hochschulgruppen informieren, und das ist immer ein Klasseabend. Da merkt man zum ersten Mal, was an der Uni so läuft, als Erstie weiß man ja Vieles einfach noch nicht. Von Studentenwerk und Fachschaften über Hochschulsport und Studi-Radio bis hin zu den politischen Hochschulgruppen ist alles dabei. Wer’s zu Studienbeginn wissen will, kann so gleich schonmal rausfinden, ob hier Kanupolo angeboten wird oder es eine Ortsgruppe der Internationalen Anarchistischen Volksfront gibt. “Dies Universitatis” muss sowas an der Hochschule dann natürlich heißen, ist doch toll, wenn man mit seinem großen Latinum auch mal was anfangen kann…

Zu unserem Stand sind wir auf einem etwas krummen Umweg gekommen: Die Tübinger Tierschützer haben uns dazu verholfen! Der lokale Verein “Act for Animals” hatte die Universitätsleitung nämlich gebeten, teilnehmen und einen Stand organisieren zu dürfen. Die Tierschützer bekamen die Erlaubnis zu einem Stand. Nun wollte man aber seitens der Uni gern auch noch eine andere Stimme zum Thema Tierversuche einladen, und da erinnerte man sich an diesen Verein, der in Tübingen ja auch aktiv ist und was zum Thema zu sagen hat. Eine nette Einladung später waren wir Pro-Testler mit von der Partie. Danke, Act for Animals! Und Danke für die ausgewogene Lösung und Offenheit für das heiße Eisen, Uni Tübingen!

Zum 19. Oktober haben wir dann unsere schicken T-Shirts angezogen, die wir zum Science March dieses Frühjahr gedruckt hatten. Soviel Auslauf haben die bisher nämlich noch nicht bekommen.

Offizielles Pro-Test Deutschland T-Shirt

Unsere T-Shirts: Blau ist das neue Schwarz!

Wir haben tonnenweise Flyer und Laminate mitgenommen, dazu ein paar (vegane) Kekse – irgendjemand hat uns den Tipp gegeben, dass Futteralien bei den Ersties gut ankommen. Dann habe ich noch eine allgemeine “Worum geht’s bei Pro-Test Deutschland”-Präsentation zusammengeklickt, die den ganzen Abend auf einem Laptop-Bildschirm in Dauerschleife lief. Die hat, glaube ich, den ganzen Abend über genau gar keine Person angeschaut. Naja, war auch mehr als eyecatcher gedacht.

Und dann standen wir da, Marie, Pooja, Artur und ich, und warteten auf Kundschaft. Es war ganz schön was los, und wie es der Zufall (oder die Universitätsleitung?) wollte, befand sich unser Stand direkt neben dem Haupteingang des Hörsaalzentrums. Also, so 30 Zentimeter von der Tür entfernt. Wie großartig das ist, wenn man zufällig eine metrische Tonne kleiner blau-weißer Flyer dabei hat, ist uns nach ein paar Minuten klar geworden: Ausnahmslos jede*r Vorbeikommende bekam erstmal so ein Ding in die Hand gedrückt. Besonders Artur hat so eine charmant-aggressive Art, Flyer zu verteilen, dass man sich schon aktiv in Sicherheit bringen muss, um mit leeren Händen davonzukommen. Irgendwie schafft er es dabei sogar, dass die Leute ihm nicht böse sind!

Und die Flyer haben die Leute nicht nur behalten, sondern auch gelesen. Und dann sind sie zu uns zurückgekommen, haben Fragen gestellt, waren nett, haben sich bedankt… Im Laufe des Abends wurde mir allmählich klar: Ersties sind die Besten!

Marie ins Gespräch vertieft

Marie verteilt Flyer, Paul macht Fotos. Mit seiner Handykamera. Die wirklich Mist ist. Nicht zuhause nachmachen!

Ich kannte bis jetzt natürlich nur das Publikum auf der Straße. Da wird man so an jeden zehnten Passanten mal einen Flyer los. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund scheinen auf der anderen Straßenseite immer wesentlich mehr Leute unterwegs zu sein als auf der eigenen. Wenn man nach ein paar Stunden seinen Posten verlässt, sieht man in jedem Mülleimer, an dem man vorbeikommt, einen Haufen Flyer liegen. Manche liegen auch auf dem Boden herum. Um ins Gespräch zu kommen, muss man die Leute ansprechen und ein paar Schritte mitgehen, und viele wollen einfach nicht. Was natürlich aber sowas von OK ist! Man mag nicht unbedingt von Fremden angesprochen werden oder alles lesen, was man in einem unbedachten Impuls erst einmal angenommen hat, und vor allem hat man vielleicht gerade was anderes zu tun als anzuhalten und sich ausgerechnet über Tierversuche zu unterhalten.

"Wir müssen reden" – Unser Flyer ist ein guter Konversationsstarter

Was Leute sagen, die einen Blick auf unseren Flyer geworfen haben: “Ach ja? Worüber denn?” ––– Was wir denken, wenn Leute das sagen: “Strike! Die Dinger funktionieren!”

Hier aber war das vollkommen anders. Ersties sind vor allem eines: ungeheuer neugierig. Ich hatte ja die Befürchtung, dass viele nur kommen, um an jedem Stand ein paar Goodies abzustauben. Aber das war absolut nicht der Fall. Die allermeisten waren richtig guter Laune und begierig darauf zu entdecken, was an der Uni und in ihrem Umfeld so läuft. Viele kamen direkt an den Stand und stellten die Frage des Abends: “Und was macht Ihr so?” Und schon war man im Gespräch.

Pooja erklärt, wer wir sind und was wir machen

“Und was macht ihr so?” – Pooja erklärt’s Dir!

Die häufigste Reaktion auf unsere Selbstbezichtigungen war dann: “Wow, das ist ja cool, find ich total gut!” Nicht unbedingt, weil wir Tierversuche in der biomedizinischen Forschung unterstützen – obwohl einige auch das schonmal erfrischend und wichtig fanden. Sondern vor allem, weil wir rausgehen und das heiße Eisen anpacken. Weil wir uns hinstellen und etwas offen ansprechen, das offenbar von den meisten als Thema zum Weggucken und Wegducken empfunden wird.

Wenn man frisch an die Uni kommt, dann ist genau diese Haltung das, wonach man sucht und was man erwartet: Hier wird den Dingen auf den Grund gegangen, hier wird offen die Faktenlage und dann das Pro und Contra diskutiert, hier darf man sich trefflich streiten, ohne dass es in Hass und Beschimpfungen und unsachlichen Mist ausartet. Erwartungshaltung, nicht Realität, schon klar. Aber das ist ja immerhin das Ideal, nachdem das Leben und Lernen an der Universität strebt, nicht wahr?

Und, ja, vielleicht auch das ein bisschen: Wenn man frisch an die Uni kommt, erwartet man, dass da genug vergeistigte Spinner unterwegs sind, dass man selbst für ziemlich seltsame Ansichten und Interessen jemanden findet, der sich vehement dafür einsetzt. Kanupolo, die anarchistische Internationale, und – Tierversuche.

Zumindest fasst das ganz gut die Erwartungshaltung zusammen, mit der ich selbst vor einem halben Leben an die Uni gegangen bin. Auch wenn ich damals mit 19 das nicht so hätte aussprechen können. Damals wie heute ist es das, was ich am Universitätsleben und am akademischen Dasein überhaupt so großartig finde: Auf ein “lass uns drüber diskutieren” folgt nicht ein “du kannst mich mal!”, sondern ein “dann lass mal hören!”

Die Ersties verkörpern diese Erwartung, dieses Ideal vielleicht mehr als jede andere Gruppe an der Universität. Und genau deshalb sind Ersties einfach die Besten!

Tagung zur Versuchstierkunde

Mitte September war die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für Versuchstierkunde (GV-Solas) und der Interessensgemeinschaft der Tierpflegerinnen (IGTP) in Köln. Drei Tage lang wurde unter anderem darüber diskutiert, wie man Versuchstiere optimal hält, wie man die Belastung einer gentechnisch veränderten Mauslinie einschätzt, oder wie man am besten über Tierversuche kommuniziert. Da waren wir von Pro-Test Deutschland natürlich nicht weit!

Tagungsort Köln (quelle: https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:11.08.2007._K%C3%B6ln_-_panoramio.jpg, Sandor Bordas)

Gleich vier Mitglieder waren vor Ort, um die neuesten Entwicklungen mitzubekommen. Unser Lars moderierte eine Session über Neuigkeiten bezüglich des 3R-Prinzips (replace, reduce, refine, also Tierversuche ersetzen, reduzieren, verbessern). Dort stellten Wissenschaftler z.B. Untersuchungen darüber vor, mit wieviel Einstreu im Käfig sich eine Maus am wohlsten fühlt, oder welches Spielzeug im Käfig am besten angenommen wird. Das sind Beispiele für das am wenigsten medienwirksame aber genauso wichtige R: refinement. Wir können nicht alle Tierversuche ersetzen. Dann müssen wir die, die übrig bleiben, so gestalten, dass sie so wenig Belastung für die Tiere wie möglich bedeuten. Wie in jedem Bereich der Wissenschaft gibt es auch hier ständig neue Ideen und Erkenntnisse, unter anderem darüber, wie Tiere am besten zu halten sind. In diesem Bereich immer auf dem neuesten Stand des Wissens zu sein, sollte Ziel jeder Versuchstierhaltung sein! Im Interesse der Tiere müssen neueste Erkenntnisse schnellst möglich in der Praxis ankommen, nicht erst wenn sie sich als offizielle Empfehlung niederschlagen.

Unser Flo hielt einen Vortrag in einer Session über Öffentlichkeitsarbeit. Der vollbesetzte Saal zeugte vom großen Interesse am Thema. Neben Pro-Test waren weitere hochkarätige Experten vor Ort: Kirk Leech von EARA, Stefan Treue von Tierversuche Verstehen (außerdem Direktor des deutschen Primatenzentrums), und Boris Jerchow, der von den Protesten gegen den Bau eines modernen Tierhauses am MDC Berlin und dem äußerst erfolgreichen Kommunikationskonzept berichtete, mit dem das Institut reagiert hatte.

Alle Vortragenden waren sich einig: Kommunikation über Tierversuche muss proaktiv erfolgen! Wenn die Institute erst dann über Tierversuche sprechen, wenn sie durch Angriffe oder Schlagzeilen dazu gezwungen werden, sind sie in der Defensive. Dann ist es zu spät, den Sinn und Nutzen der Tierversuche in Ruhe zu erklären. Stattdessen müssen die Institute von sich aus das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Umso erschreckender die Zahlen, die Kirk Leech präsentierte: Nur etwa 10% der deutschen Universitäten haben überhaupt ein Statement zu Tierversuchen auf ihrer Internetpräsenz!

Einigkeit herrschte auch darüber, dass die Verpflichtung, über Tierversuche aufzuklären, nicht einfach an eine große Vereinigung wie Tierversuche Verstehen abgeschoben werden könne. Die Unis und Institute müssten zusätzlich selbst über ihre eigenen Versuche berichten. Nur so könne eine Vielstimmigkeit entstehen, die den wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema deutlich mache. So sollten bei jeder wissenschaftlichen Erfolgsmeldung, die ein Institut an die Presse gebe, die Rolle von Tierversuchen für diesen Fortschritt erwähnt werden.
Ein weiteres Thema, das auch vom Publikum rege diskutiert wurde, wurde von Flo eingebracht: die Tierversuchskommunikation innerhalb der Institute. Die Menschen, die täglich mit Versuchstieren arbeiten, Wissenschaftler, Tierärzte, Tierpfleger, müssen in die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Einrichtungen eingebunden werden. Es wird schließlich über ihre Arbeit geredet, da sollten sie auch mindestens mal gefragt werden, wie sie die Kommunikation ihrer Pressestellen überhaupt finden. Es muss jedem Mitarbeiter möglich sein, eventuelle Probleme anzusprechen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Dazu braucht es klare interne Kommunikationsstrukturen. Einerseits hilft das, die Einhaltung der Regeln und Auflagen konsequent zu gewährleisten. Anderseits muss es aber auch für das Ansprechen ethischer Zweifel jenseits der verpflichtenden Auflagen einen Platz geben. Besonders Berufsanfänger dürften mit ihren Fragen nicht alleine gelassen werden, wie Wortbeiträge aus dem Publikum anmerkten.

Voraussetzung für die Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen seien Ehrlichkeit und Offenheit, argumentierte Stefan Treue. Man müsse z.B. bereit sein, Fehler einzugestehen, die in der Wissenschaft gemacht werden. Auch in der Diskussion mit Tierversuchsgegnern sollte man seine Offenheit gegenüber ihren Argumenten bewahren. Das entspricht den Erfahrungen, die wir bei Pro-Test gemacht haben. Obwohl uns in Diskussionen sehr viele Argumente begegnen, die einfach auf falschen Tatsachen beruhen, sind auch immer wieder gute und valide Punkte dabei, insbesondere zur ethischen Bewertung von Tierversuchen. Führt man eine Diskussion auf Augenhöhe, ist man nicht nur glaubwürdiger, sondern profitiert auch selbst viel mehr, indem man immer wieder neue Sichtweisen kennenlernt.

“Ich habe das Gefühl, wir verstecken uns – das darf nicht sein!”

Pro-Test Deutschland zu Gast an der Universität des Saarlandes


von Emma Pietsch

Pro-Test Deutschland e. V. will eine faire Diskussion zum Thema Tierversuche auf der Grundlage von verlässlichen Informationen über wissenschaftliche, ethische, rechtliche, soziale und psychologische Aspekte tierexperimenteller Forschung anregen. Für viele Menschen außerhalb der Wissenschaft ist es schwierig, an verlässliche Informationen zu gelangen. Wissenschaftler, die mit Tieren arbeiten, wissen mehr über das Thema und tragen daher die Verantwortung, ihr Wissen zu teilen und Rechenschaft abzulegen.

Als wir von der Tierschutzbeauftragten der Universität des Saarlandes, Dr. Monika Frings, eingeladen wurden, einen Vortrag über Pro-Test zu halten, entschieden wir uns für den Titel „Wir müssen reden – Tierversuche offen kommunizieren“.

Hat uns eingeladen: Dr. Monika Frings, Tierschutzbeauftragte der Universität des Saarlandes

Wir, das sind Julia und Emma aus der Heidelberger Pro-Test-Gruppe. Am 22. Juni 2017 standen wir dann in Homburg über 50 Mitarbeitern aus den Laboren und Tierställen gegenüber. Allein die ziemlich große Zahl von Anwesenden zeigte uns, dass das Thema der “richtigen” und offenen Kommunikation viele Wissenschaftler beschäftigt, für die Tierversuche zum Laboralltag gehören. In der Debatte wurde dann auch immer wieder deutlich, dass viele einfach nicht wissen, ob und wie sie über ihre Experimente reden sollen. Generell war sich das Publikum einig, dass Tierversuche notwendig sind und nicht grundsätzlich abgelehnt werden können. Über die Art der Kommunikation und Transparenz von Tierversuchen wurde aber lebhaft diskutiert. Der Landesbeauftragte für Tierschutz des Saarlandes, Dr. Hans-Friedrich Willimzik, trug maßgeblich dazu bei.

War nur teilweise unserer Meinung: Dr. Hans-Friedrich Willimzik, Tierschutzbeauftragter des Saarlandes

Er betonte, es müsse klar gemacht werden, dass nur Versuche unterstützt werden, die “notwendig und sinnvoll” sind. Eben darin liegt aber bereits ein erstes Problem: Über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines Versuchs entscheidet nicht der Wissenschaftler selbst. Und auch wir möchten uns gar nicht anmaßen, zu entscheiden, welche Versuche gemacht werden sollten und welche nicht. Das ist Aufgabe der Kommission, die nach der Antragstellung für ein Tierexperiment von der Genehmigungsbehörde eingesetzt wird.

Insgesamt schien es vielen Zuhörern eine Herzensangelegenheit zu sein, einmal offen zu erklären, worin sie die Schwierigkeiten sehen, Tierexperimente aufgeschlossener zu kommunizieren – im Privaten genauso wie im öffentlichen Raum. Die Debatte drehte sich daher auch immer wieder um die Möglichkeiten, wie ganz konkret an der Universität des Saarlandes die Kommunikation zum Thema Tierversuche verbessert werden könnte, und welche Schwierigkeiten oder Ängste damit verbunden sind. Große Institutionen wie Universitäten sehen sich mit anderen Problemen konfrontiert als ein gemeinnütziger Verein wie Pro-Test Deutschland. Viele Wissenschaftler und Universitätsmitarbeiter befürchten, dass durch offenere Kommunikation Tierversuchsgegner auf den Plan gerufen werden könnten, die den Laborbetrieb stören oder auf anderem Wege Schaden anrichten könnten. Auch aus dem Homburger Publikum bekamen wir diesen Einwand zu hören. Dennoch war sich das Publikum einig, dass insgesamt offener mit Tierversuchen umgegangen werden sollte, und dass die befürchtete Konfrontation mit Tierrechtsorganisationen und Tierversuchsgegnern dem Wunsch nach mehr Transparenz nicht im Weg stehen darf. Schon im eigenen Interesse: Wollen wir wirklich, dass die Öffentlichkeit Informationen nur von Tierversuchsgegnern beziehen kann?

Erschreckendes Ergebnis einer Umfrage unter EU-Bürgern, woher sie ihre Informationen zu Tierversuchen beziehen: Überallher, nur selten von den Forschern selbst!

Eine Wortmeldung lautete: “Ich habe das Gefühl, wir verstecken uns. Das darf nicht sein.” Wir sehen das genauso. Die Auseinandersetzung mit Tierversuchsgegnern soll nicht gescheut, sondern als Dialog angeregt werden, bei dem beide Seiten zu Wort kommen und sachlich argumentieren können. Es ist begrüßenswert, wenn eine Gesellschaft über die Dinge spricht, die alle etwas angehen.

Wir haben uns sehr über die Einladung, die rege Debatte in Homburg und das positive Feedback zu unserer Arbeit gefreut und bedanken uns bei allen Zuhörern ganz herzlich. Wir selbst nehmen auch viele neue Denkanstöße und Anregungen mit und hoffen, dass der ein oder andere einen eigenen Weg findet, seine Experimente offener anzusprechen. Pro-Test bietet eine Plattform, auf der Wissenschaftler selbst zu Wort kommen können, und füllt mit seiner Arbeit eine Informationslücke, aber das ist nur einer der vielen Wege, um (endlich) offen zu reden.

Unis, seid wie Hohenheim!

Die Uni Hohenheim hat soeben eine Kommunikationsoffensive gestartet, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

Die Uni hat nicht nur eine tolle neue Kommunikationsstrategie, sondern auch ein tolles Schloss

Journalisten werden durch die Versuchstierhaltungen geführt (Bericht 1, Bericht 2). Ein neuer Bereich der Homepage informiert ausführlich über laufende Tierversuche – inklusive virtuellem Rundgang durch die Tierhaltungen. Die Uni nimmt aktiv den Dialog mit Tierschutzorganisationen auf. In den “Hohenheimer Leitlinien für Tierversuche” verpflichtet sie sich darüber hinaus zu Dialogbereitschaft und Beantwortung aller Anfragen.

Dieser Vorstoß hat bei uns von Pro-Test Deutschland gehörigen Jubel ausgelöst. Und ein kleines bisschen Stolz. Was ihr nämlich nicht wisst: ganz unbeteiligt sind wir an dieser tollen Entwicklung nicht.

Im Februar letzten Jahres wurden wir von der Uni Hohenheim zu einem internen Workshop eingeladen. Es wurde besprochen, wie transparent die zukünftige Öffentlichkeitsarbeit der Uni mit dem Thema Tierversuche umgehen soll. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Aber wer weiß schon, wie die Öffentlichkeit wirklich darauf reagiert, wenn man ganz offen über seine eigenen Tierversuche spricht?

Wir. Offen über Tierversuche sprechen ist, was wir seit unserer Gründung 2015 tun. Mit unseren echten Namen. Mit unseren echten Gesichtern. Im Netz (Facebook, Twitter) genauso wie auf dem Marktplatz (hier, hier, hier) .

Deswegen ist unser Florian für uns nach Hohenheim gefahren und hat den Verantwortlichen dort berichtet, wie das so ist. Wie fühlt sich das an, Namen und Foto so zu veröffentlichen? Wie reagieren die Leute auf der Straße auf das Thema? Was für Feedback kriegen wir per Email? Wenn ihr uns schon eine Weile folgt, dann kennt ihr die Antworten. Es fühlt sich großartig an und das Feedback ist überwältigend. Auch mit entschiedenen Tierversuchsgegnern kann man vernünftig reden, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Und wir halten es für unsere Verpflichtung als Wissenschaftler, diesen Dialog mit der Gesellschaft, in  der wir leben,  offen zu führen.

Natürlich wissen wir nicht, wie sehr wir die Entscheidung zum neuen, offenen Konzept der Uni Hohenheim wirklich mit beeinflusst haben. Aber wir freuen uns irrsinnig, dass sie jetzt zu einer offenen Kommunikationsstrategie übergegangen sind, die ganz genau so ist, wie wir sie uns für alle deutschen Universitäten wünschen würden.

Wenn ihr wollt, dass wir auch an eurem Institut mit euch über unsere Vorstellungen von gelungener Tierversuchskomminikation sprechen, sagt einfach Bescheid. Wir kommen vorbei!

 

Wir unterstützen den March for Science

Heute ist der March for Science. Heute gehen an 500 Standorten weltweit zahllose Wissenschaftler auf die Straße. Warum tun die das? Einige von uns, die selbst dabei sein werden, geben ihre ganz persönlichen Antworten.

“Klar – wenn jahrhundertelang niemand Wissenschaft betrieben hätte, dann ginge es heute allen Menschen schlechter. Schön und gut. Aber heißt das denn, dass auch jede aktuelle Forschung sinnvoll ist?

Wissenschaft machen nur wenige. Stellvertretend für uns alle suchen, zweifeln und scheitern sie, und stoßen doch immer wieder auf kleine und große Erkenntnisse, die unser Leben verändern. Kann man ihnen diese Verantwortung wirklich anvertrauen? Was für Menschen sind das überhaupt? Was treibt sie an? Und welche Werte bestimmen ihr Handeln? Muss ich blind vertrauen, wenn ich nicht selbst “vom Fach” bin?

Das sind verdammt gute Fragen, und sie alle verdienen eine ehrliche Antwort. Niemand kann dazu besser Rede und Antwort stehen als wir selbst: Forscher und Tierpfleger, Studierende und Professorinnen! Wir alle können selbstbewusst unser Gesicht zeigen, klar und deutlich Position beziehen – und gemeinsam für eine freie und ergebnisoffene Wissenschaft eintreten.”

–  Florian Dehmelt

“Menschliche Errungenschaften wie die Stromversorgung, barrierefreies Internet und eine gute Verkehrsinfrastruktur sind nicht selbstverständlich. Sie sind das Produkt von Neugier, Fragen und Mühen von Wissenschaftlern, die den Mut und die Möglichkeiten hatten, Neues auszuprobieren.

Dank des Internets ist es heute einfacher, Ideen auszutauschen: Aus aller Welt arbeiten Wissenschaftler gemeinsam an Lösungen von morgen, damit Bestehendes besser und Neues geschaffen wird – und unser Planet dabei für alle erhalten bleibt. Wissenschaftler müssen dabei neugierig sein dürfen. Auch unangenehme Fragen führen zu Erkenntnissen, die allen helfen, sei es in Ökologie, Medizin oder Politik. Deshalb darf die öffentliche Finanzierung transparenter Forschung nicht auf Grund von Interessen einzelner Personen und Lobbyisten eingeschränkt werden. Forschung und frühe Wissenschaftsbildung liegen in humaner Verantwortung und sollten damit weit über staatliche Interessen hinausgehen.

Konkret bedeutet das: faire Finanzierung, ehrlichen Datenaustausch und freies Reisen für Forscher aller Nationen. Um an diese Voraussetzung freier Wissenschaft zu erinnern, nehme ich am Science March teil.”

–  Marie Schmidt

“Am 22. April werde ich in Tübingen mit allen anderen auf die Straße gehen, die der Wissenschaft ihre Stimme leihen wollen.

Als ich vor knapp zwei Jahren mitgeholfen habe, Pro-Test Deutschland e.V. aufzubauen, war genau das unser Anliegen: Zuviele von uns hüllen sich in Schweigen, wir erklären uns nicht, wir erwarten gesellschaftliche Akzeptanz, Anerkennung und Ansehen, und vermitteln doch nur allzu selten, warum, zu welchem Ende und wie wir Wissenschaft betreiben. Sicher: Es ist nicht leicht, unter zivilgesellschaftlich scheinbar drängenderen Themen auch für die Anliegen der Wissenschaft ein offenes Ohr in der Öffentlichkeit zu finden. Aber das heißt noch lange nicht, dass man es nicht versuchen sollte.

Als Initiative, die für offene Kommunikation über Tierversuche in der Forschung eintritt, haben wir von Pro-Test Deutschland e.V. es gewissermaßen leichter als viele Kollegen, über unsere Wissenschaft zu sprechen. Immerhin gehen wir mit einem der heißen Eisen in der Debatte über Wissenschaft um, so dass unserem Thema zumindest Aufmerksamkeit gewiss ist. Dennoch scheint der öffentliche Diskurs in diesem Themenfeld weitgehend von faktenbefreiter Stimmungsmache und der Verhandelbarkeit aller Information beherrscht zu sein. Und auch in diesem Feld mangelt es der Wissenschaft an einer Stimme, die jene Dinge einfordert, die Grundlage eines jeden vernünftigen gesellschaftlichen Diskurses sein sollten. Für diese Dinge will ich – nicht nur am 22. April – einstehen:

Die Pflicht zur Redlichkeit. Die Kritik des eigenen Standpunktes. Das freie Offenlegen der Vorgehensweise. Das Beharren auf Nachweisen für Aussagen. Die ergebnisoffene, evidenzbasierte Suche nach dem, was wir mit gutem Grund für die Wahrheit halten können. Und die Freiheit, als Wissenschaftler auch in Zukunft ohne Angst vor Repressalien und in mündiger Eigenverantwortung unsere Fragen zu stellen – und die Antworten unseren Mitmenschen so mitzuteilen, wie sie wirklich sind.”

–  Paul Töbelmann

Und dann haben wir noch eine etwas ausführlichere Erklärung von Lars, der die Anliegen, die sich an den March for Science knüpfen, ein bisschen stärker auf unser Kernthema bezieht:

“Für eine faktenbasierte Diskussion über Tierversuche

Tierversuche in Forschung und Entwicklung stellen uns vor ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen Tod und Leid der Versuchstiere. Sollten wir sie nicht lieber verschonen? Auf der anderen Seite steht der Nutzen, den wir durch das erlangte Wissen haben. Wissen, das uns gegebenenfalls in der Zukunft ermöglicht, Patienten das Leben oder Tierarten vor dem Aussterben zu retten. Sollen wir die wirklich im Stich lassen? Wir müssen uns als Gesellschaft einigen. Welche Tierversuche sind gewollt, welche nicht? Diese Entscheidung ist alles andere als trivial. Wer sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass Versuch nicht gleich Versuch ist und Nutzen nicht gleich Nutzen. Die Methoden ändern sich ständig, damit auch die mögliche Belastung für die Tiere. Wir brauchen eine andauernde Debatte.

Was wir stattdessen haben, ist eine Farce. Organisierte Tierversuchsgegner haben sich aus der Diskussion um eine ethische Bewertung lange verabschiedet. Stattdessen fahren sie die gleiche Strategie, wie in den 50ern die Tabakindustrie, später die agendagetriebenen Klimaleugner oder Impfgegner. Sie leugnen die Fakten. Es gäbe gar kein Dilemma. Man könne jederzeit auf Tierversuche verzichten, ohne den geringsten Preis dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil, die Wissenschaft würde dadurch automatisch besser. Wie erklärt man dann, dass die Wissenschaftler geschlossen etwas anderes versichern? Na, ganz einfach, die lügen halt alle.
Einzelne Wissenschaftler diffamieren, Kompetenz absprechen, Interessenskonflikt unterstellen, das alles ist direkt aus dem Strategiekonzept anderer großer Wissenschaftsleugner übernommen.
In aufwändigen Kampagnen werden einzelne Wissenschaftler angegriffen. So der Bremer Professor Kreiter, der in kostspieligen, überregionalen Zeitungsanzeigen als “eiskalter Experimentator” bezeichnet wurde, der aus reinem Sadismus völlig nutzlose Forschung betreibe.

In den einschlägigen Flugblättern, Webseiten und Pressemitteilungen werden die Wörter “Wissenschaftler” oder “Forscher” stets in Anführungszeichen gesetzt. Den Wissenschaftlern wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Ihre Arbeit hätte nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert, wird gebetsmühlenartig wiederholt. Wenn man es nur oft genug sagt, muss es ja irgendwann wahr werden. Wirkliche Kompetenz hätte nur man selbst, die Tierrechtsorganisation. Medizingeschichte wird einfach umgeschrieben. Die Insulintherapie für Diabetiker? Völlig unabhängig von Forschung mit Hunden entwickelt worden! Der Nobelpreis im Jahre 1923 folglich zu Unrecht vergeben. Die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung von Parkinson? Völlig unabhängig von Forschung in Affen entwickelt! Dass Dr. Benabid, der Arzt, der damit erstmalig Patienten erfolgreich behandelte, sagt, dass seine Methode auf der Forschung eines Kollegen mit Affen aufbaut, kann dann ja nur daran liegen, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Oder lügt. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Wer “Tierversuche” googelt, findet solche Abhandlungen gleich unter den ersten Treffern.

Je radikaler die “alternative” Version der Wirklichkeit von der offiziellen abweicht, desto bereitwilliger scheint sie aufgenommen zu werden. Wie sehr das fruchtet, merke ich regelmäßig in Diskussionen. Kaum eine Kommentarspalte zum Thema, in der nicht mindestens einmal der Ausspruch zitiert wird: “es gibt nur zwei Gründe, Tierversuche zu befürworten, man weiß zu wenig darüber, oder man verdient daran” (Hartinger). Ein anderer Evergreen: “Wer nicht zögert, Tierversuche zu machen, wird auch nicht zögern, darüber zu lügen” (Shaw). Der schnelle Ausweg aus der kognitiven Dissonanz: Informationen, die nicht zu meiner Meinung passen, müssen unwahr sein. Die Wirklichkeit wird verbogen, bis kein Dilemma mehr existiert, bis es nur noch eindeutig richtig und eindeutig falsch gibt. Dass in dieser Version Heerscharen unabhängiger Forscher weltweit lügen müssten, während Tierrechtsorganisationen mit eindeutiger Interessenslage die einzigen wären, die die Faktenlage richtig erfassen und wissenschaftlich einordnen könnten, müsste eigentlich bei jedem für einen vollen Ausschlag des Bullshit-Detektors reichen. Tut es aber nicht.

Das mag daran liegen, dass die Texte der Tierrechtsorganisationen zum Teil sehr geschickt geschrieben sind. Durch die altbekannten Methoden des Cherrypicking, dem gezielten Auslassen eines ganzen Bergs an wichtigen Informationen, und der verzerrten Darstellung von Halbwahrheiten, lässt sich eine fundiert klingende Version der Wirklichkeit schreiben, die den Autoren wie durch Zufall genau in den Kram passt. Mit Quellenangaben und allem.

Aber wenn Tierversuche so nutzlos sind, warum werden sie dann durchgeführt? Na, aus Geldgier, natürlich! Es wird nach Herzenslust von einer “Tierversuchsindustrie” fabuliert, die so mächtig sei, dass sie die besseren tierfreien Alternativmethoden unterdrücke. Unabhängige Forscher könnten angeblich nur dicke Förderungen absahnen, wenn sie Tierversuche machten. Erfolgreiche Karrieren von Grundlagenforschern, die ausschließlich an Menschen, mit Computersimulationen, oder Hefezellen arbeiten, bringen die gefühlte Wahrheit dieser Vorstellung nicht ins wanken. Außerdem scheffele big Pharma Unsummen mit unnötigen Tierversuchen. Moment, Pharmaunternehmen verdienen dadurch, dass sie etwas machen, das viel Geld kostet, aber keinerlei Nutzen hat? Eine weitere Steilvorlage für jeden inneren Bullshit-Detektor. Aber die Kombination von big Pharma und Raffgier scheint heutzutage schon für Glaubwürdigkeit auszureichen, egal wie abenteuerlich die Anschuldigung.

Doch bei allen Parallelen zu anderen Fällen systematischer Faktenleugnung gibt es bei der Tierversuchsdiskussion einen wichtigen, großen Unterschied. Den eklatanten Mangel an Widerspruch. Bei den Themen Impfen oder Klimawandel gibt es klare, laute Stellungnahmen, von den größten internationalen und nationalen Wissenschaftsorganisationen bis zu den einzelnen Wissenschaftlern, die sich in Interviews, Blogs und Kommentarspalten um Richtigstellung bemühen. Wir sehen, dass das bei weitem nicht ausreicht – große Teile der Gesellschaft misstrauen der wissenschaftlichen Darstellung der Lage. Beim Thema Tierversuche haben wir aber nicht einmal das. Mit denen möchte niemand assoziiert werden. Kaum einer, der Tierversuche macht oder auf Daten daraus zurückgreift, erklärt sich der Öffentlichkeit. Ein Grund mag sein, dass es sich lediglich um eine Gruppe von Methoden handelt, Mittel zum Zweck. Bei Klima oder Medizin geht es um Ergebnisse, um Erkenntnisse, die in langer, mühsamer Arbeit der Natur abgerungen wurden. Wenn das jemand leugnet, etwa behauptet es gäbe kein HIV oder Masernviren, leugnet er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, den Kern dessen, wofür wir unser Leben lang arbeiten. Bei einer Tier-basierten Methode ist das anders. Gäbe es da eine tierfreie Alternative mit höherer Aussagekraft, würde sie im Handumdrehen Einzug in die Labore halten und den entsprechenden Tierversuch verdrängen, selbst wenn das nicht bereits gesetzlich so vorgeschrieben wäre. Wie schnell so etwas geht, kann man an den Beispielen der neuen Methoden Optogenetik oder CRISPR sehen, die in wenigen Jahren weltweit neuer Standard geworden sind. Wer will schon für Tierversuche einstehen, wenn es jedem recht wäre, wenn sie überflüssig würden? Der Knackpunkt ist, dass sie es eben noch nicht sind und auf absehbare Zeit nicht sein werden.

Ich möchte in aller Deutlichkeit klarmachen, was hier auf dem Spiel steht. Tierversuche sind essentiell für die biomedizinische Forschung. Auf sie verzichten, bevor wir sie gleichwertig ersetzen können, bedeutet, Erkenntnisse zu verzögern und damit all jene im Stich lassen, die von ihnen bis dahin profitiert hätten. Zum Beispiel Schwerkranke. Aber es geht um noch mehr. Die Angriffe auf Forschung mit Tieren sind zu einem beträchtlichen Teil Angriffe auf Grundlagenforschung im allgemeinen. Es wird polemisiert, Tiere müssten sterben, damit Forscher (selbstverständlich in Anführungszeichen) ihre Neugier befriedigen könnten. Einzelne Projekte aus der Grundlagenforschung werden willkürlich herausgepickt und als Beispiele eindeutig nutzloser Forschung beschimpft, als “Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Experimentatoren”. Einzelne Projekte, kleinste Puzzlestücke eines langen Erkenntnisprozesses, aus dem Zusammenhang reißen um eine offensichtliche Nutzlosigkeit unterstellen zu können, ist ein schmutziger Trick, ein cheap shot gegen die Wissenschaft, mit dem auch amerikanische rechtsaußen Politiker regelmäßig Forschungsförderung als Geldverschwendung darstellen.

Die Tierversuchsdiskussion, die wir heute haben, ist ein weitgehend unwidersprochener Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern, der Validität von Evidenz und das Konzept der Grundlagenforschung. Wir sehen in anderen Bereichen, wie schwierig es sein kann, Wissenschaft gegen solche Angriffe zu verteidigen. Eine Verteidigung ganz sein zu lassen und der Demontage einer der größten Errungenschaften unserer Zivilisation tatenlos zuzusehen ist Wahnsinn. Es ist unverantwortlich im höchsten Maße.

Seit kurzem gibt es die Initiative Tierversuche Verstehen, die mit der Legitimation aller großen deutschen Wissenschaftsverbände endlich versucht, dem etwas entgegen zu setzen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. In Zeiten der Google-Suche ist das nur ein einzelner Treffer, eine einzelne Stimme im Morast der Fehlinformationen. Der offizielle Rückhalt von Wissenschaftsvereinigungen fällt für den normalen Internetnutzer nicht ins Gewicht. Was wir brauchen, ist Vielstimmigkeit. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass jedes Institut, das mit Tieren forscht, eine Erklärung zu Tierversuchen gut sichtbar auf seiner Homepage platziert. Es muss der Normalfall sein, dass Journalisten eingeladen werden, die Versuchstierhaltung zu besichtigen. Wir müssen transparent mit der ethischen Abwägung umgehen, die wir vornehmen. Was genau muten wir welchen Tieren zu und welchen Grund haben wir, uns davon welchen Nutzen zu versprechen? Diese Abwägung nehmen wir im Auftrag der Öffentlichkeit vor. Es ist unsere Verpflichtung, der Öffentlichkeit diese Informationen zugänglich zu machen.

Aber auch das reicht nicht aus. Wir brauchen die Stimmen der einzelnen Wissenschaftler. Wir sind diejenigen, die Tierversuche verantworten. Wir sind Menschen mit individuellen Beweggründen, kein gesichtsloses Institut. Unsere Beweggründe, unsere Gesichter und unsere Stimmen braucht es in den Blogs, Kommentarspalten und Gesprächen.
Was wir dabei in jedem Beitrag beherzigen sollten, ist die klare Trennung von Meinungen und Fakten. Ein Wissenschaftler, der der Versuchung erliegt, seine Meinung als einzig mögliche Schlussfolgerung, als von den Fakten vorgegebene Konsequenz darzustellen, verfehlt seinen Auftrag. Das gilt im übrigen nicht nur für dieses Thema, sondern auch für alle anderen, bei denen Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen kann. “Wir brauchen Tierversuche” ist kein Fakt. “Wir brauchen Tierversuche, um bestimmte wissenschaftliche Fragen beantworten zu können” ist ein Fakt. “Die Beantwortung dieser Fragen ist so wichtig, dass Tierversuche dafür nicht nur gerechtfertigt, sondern ethisch geboten sind“ ist eine Meinung. Es ist meine Meinung.

Diskutieren wir über Tierversuche! Nicht nur beim Science March. Respektieren wir, dass Menschen völlig andere Meinungen zum Thema haben können! Aber nur wenn Meinungen auf Fakten basieren, können wir uns sinnvoll über sie austauschen.”

–  Lars Dittrich

Kurz-Schlüsse – Das MPI und die Ratten

“The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.”

Zu Deutsch etwa: “Die Energie, die man zur Widerlegung von Unsinn braucht, ist um eine Größenordnung größer als die Energie, die man braucht um ihn zu produzieren.“

Dieses Zitat ist bekannt als die “Bullshit-Asymmetrie“, stammt von Alberto Brandolini, einem italienischen Programmierer, und es scheint in einer Zeit, die geprägt ist von Schlagworten wie „postfaktisch“ oder “alternative Fakten” passender als je zuvor. Doch nicht nur auf Regierungsebene findet man Behauptungen und Schlussfolgerungen, die jeglicher Grundlage entbehren, denn auch in der Wissenschaft muss man sich inzwischen immer stärker damit auseinandersetzen.

Abb. 1: Wie man Bullshit loswird.

Ein Beispiel: Letzte Woche Montag hat eine bekannte radikale Tierrechtsorganisation im Netz ein Video über Missstände am Max Planck Institut Tübingen (MPI) veröffentlicht. In diesem Video berichtet eine anonyme Frau über ihre Erlebnisse als Praktikantin am MPI. Dort sei sie gezwungen worden, ohne qualifizierte Einweisung schwierige, nicht notwendige Experimente an Ratten durchzuführen, die womöglich nicht sachgemäß betäubt wurden.

So weit, so schlecht. Bisher gibt es keine handfesten Beweise, sondern eine Behauptung von einer anonymen Quelle, die von einer nicht-neutralen Organisation veröffentlicht worden ist. Eine Strafanzeige wurde gestellt, also muss der Fall untersucht werden. Das ist selbstverständlich richtig so, denn auch dem kleinsten Verdacht von Tiermisshandlung muss nachgegangen werden. Auch das MPI nimmt die Vorwürfe ernst und behält sich rechtliche Schritte gegen den Versuchsleiter vor.

Da die Berichterstattung in dieser Richtung in der Vergangenheit oft genug emotionalisierend und alles andere als objektiv gewesen ist, darf man dem Bericht auch zunächst einmal mit einer gesunden Portion Misstrauen gegenüberstehen. (Irreführende oder falsche Aussagen bzw. Manipulationsverdacht hat es z.B. im Fall der Rhesusaffen-Versuche am MPI Tübingen gegeben)

Wie auch immer, die Untersuchungen müssen abgewartet werden. Bis die Sache klar ist, kann jeder von uns nur mutmaßen. Darum geht es mir aber auch gar nicht. Denn besonders irritiert hat mich folgender Satz, der ganz am Schluss des Videos fällt:

Die nun bekannt gewordene Fahrlässigkeit und Skrupellosigkeit im Umgang mit diesen sensiblen Tieren zeigt, dass nur ein echtes Ende aller Tierversuche die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Forschung ist.

An dieser Aussage stören mich einige Dinge, die ich in zwei Punkten zusammenfassen kann:

Tierversuche? Da könnte ja jeder kommen!

Punkt 1: Tierversuche sind echte Forschung. Kein Tierversuchsantrag wird von der zuständigen Kommission akzeptiert, wenn das geplante Projekt und die Notwendigkeit des Tierversuchs nicht detailliert ausgeführt sind. Dabei müssen auch A) die aktuelle wissenschaftliche Basis, B) der zu erwartende Erkenntnisgewinn und C) der geplante Weg von A nach B präsentiert werden.

Darüber hinaus impliziert diese Aussage, dass Tierversuche in allen Laboren grundsätzlich so ablaufen. Das ist allerdings falsch! In Deutschland dürfen laut Tierschutzgesetz und Tierschutz-Versuchstierverordnung nur jene Personen Tierversuche durchführen, die die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen können. Für diesen Nachweis nimmt man an einem mehrwöchigen, zertifizierten Kurs mit Abschlussprüfung teil (z.B. FELASA-akkreditierte Kurse). Dort lernt man auch, wie ein Tier möglichst ohne Leid betäubt und getötet wird, was ebenfalls gesetzlich verlangt wird.

Aber selbst dann wird man als unerfahrener Forscher nicht einfach auf Tiere losgelassen. In einem seriösen Labor wird einem Neuling ein erfahrener Betreuer zugewiesen, der in die Praxis einführt und die Durchführung zunächst beaufsichtigt. Das ist Standard in jedem Tierversuchslabor und jede andere Handlungsweise kann als fahrlässig bezeichnet werden.

Falls die Anschuldigungen stimmen, dann hat der Laborleiter oder der verantwortliche Betreuer also hochgradig fahrlässig, oder sogar beabsichtigt gesetzeswidrig gehandelt. So eine Vorgehensweise ist alles andere als Standard – was mich zum zweiten Punkt bringt.

Zu kurz geschlossen

Punkt 2: Die zitierte Aussage lässt sich folgendermaßen umformulieren: „Weil einer Mist gebaut hat, müssen alle dafür den Kopf hinhalten.“

Nur mal angenommen, am Max Planck gab es tatsächlich diese Arbeitsgruppe, in der Tierschutz mit Füßen getreten wird – ich wiederhole: das ist nicht bewiesen – warum sollten dann alle anderen Arbeitsgruppen, die nach den Regeln spielen, und denen das Tierwohl am Herzen liegt, dafür den Kopf hinhalten? Warum sollte jemand, der an der Uni Kiel mit Zebrafischen arbeitet, seine Arbeit einstellen wegen Experimenten, die am MPI Tübingen an Ratten durchgeführt wurden? Warum sollte auch nur ein MPI-Kollege, der auch mit Ratten arbeitet und ganz ähnliche Experimente durchführt, einer Schlamperei im Nachbarlabor zum Opfer fallen? Ist ein bisschen Differenzierung zu viel verlangt?

Kein seriöser Wissenschaftler würde irgendeine Form von Misshandlung eines Tieres gutheißen oder sogar verteidigen. Falls diese Missstände am MPI existieren, müssen die Verantwortlichen selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen werden. Das würde niemand bestreiten. Aber pauschal allen Wissenschaftlern in Tierversuchen moralisches Handeln oder gesetzeskonforme Laborpraxis abzusprechen ist unfair.

Ähnlich unlogisch wie die Aussage oben sind auch Aussagen wie:

  • „Alice schlägt ihren Hund. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Hundehaltung die einzige Lösung gegen Tierleid und für echte Haustierhaltung ist.“

oder vielleicht auch

  • „Bob fährt betrunken Auto und verursacht einen Unfall. Das zeigt, dass nur ein Verbot von Autofahren die einzige Lösung gegen Menschenleid und für echte Fortbewegung ist.“

Es ist einfach eine Tatsache: Es wird immer Menschen geben, die sich (bewusst oder unbewusst) nicht an die Regeln halten, selbst wenn diese Gesetzeskraft haben. Vielleicht sollte man also eher Menschen verbieten?

Alice und Bob haben beide etwas grundlegend falsch gemacht, das sowieso schon gesetzlich verboten ist. Ähnlich liegt der Fall am MPI: Tiere ohne Betäubung zu operieren oder zu töten, ist gesetzlich verboten. Es müssen also keine neuen Gesetze her, schon gar nicht muss das System insgesamt auf den Prüfstand, sondern der Fall muss untersucht werden und die existierenden Gesetze werden dann je nach Ergebnis auf den Fall angewandt. Das ist ja eben auch die Grundlage für die Strafanzeige. Sollte es zur Einleitung eines gerichtlichen Verfahrens kommen, sollten Verantwortliche belangt und rechtskräftig verurteilt werden: Auch das wäre lediglich ein Hinweis darauf, dass das existierende System funktioniert, dass die Spreu vom Weizen getrennt und ungesetzliche Praxis aufgedeckt und geahndet wird.
Eine solche Forderung nach generellen Verboten aber ist mal wieder plakativ, populistisch und unangemessen.

Rückblickend sehe ich, dass dieser Text deutlich länger geworden ist als die ursprünglich zu widerlegende Aussage. Um genau zu sein hat er 1.011 Wörter, die ursprüngliche Aussage nur 31. Bardolinis Schätzung scheint also falsch zu sein. Es sind eher zwei Größenordnungen.

Pro-Test veröffentlicht

Jeder Forscher weiß: Wer in der Wissenschaft ernst genommen werden will, muss veröffentlichen. Das dachte sich auch unser Mitglied Paul und hat einen differenzierten Kommentar beim Laborjournal eingereicht.

Er schreibt über wütende Kommentare auf Facebook, defensive Wissenschaftler und seine Lösung in der aktuell festgefahrenen Tierversuchsdebatte.

Paul musste dafür zwar keinen strengen, langwierigen Peer-Review-Prozess durchlaufen – seine Ansichten im Artikel teilen wir dennoch gern mit euch. Lest mal rein!