Kommentar zum Vortrag: „Sackgasse Tierversuch“

Im letzten Dezember war ich in Göttingen bei einem Vortrag von Ärzte gegen Tierversuche: „Sackgasse Tierversuch“, gehalten von Dr. med. Eva Katharina Kühner. Der Vortrag ist auch auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Organisation zu finden (link) und wurde in Göttingen nur sehr leicht verändert vorgetragen.

Im Großen und Ganzen fokussierte sich der Vortrag auf die Behauptungen: 1) Wissenschaftler in der biomedizinischen Forschung würden fast ausschließlich Tierversuche machen. 2) Tierversuche hätten so gut wie nichts zum medizinischen Fortschritt beigetragen, ja sie seien sogar hinderlich. 3) Es gebe gleichwertige Alternativen zu Tierversuche, wie z.B. In-Vitro-Methoden, Organ-on-a-chip oder Computersimulationen. Es sind dieselben Behauptungen, die auch an anderen Stellen im Internet von tierversuchskritischen Organisationen zu finden sind. Leider war der Vortrag auch hier oberflächlich und ging nicht auf die Hintergründe ein, um diese Behauptungen näher zu diskutieren oder zu validieren. Die Ethik zu Tierversuchen wurde fast gar nicht besprochen. Frau Dr. Kühner nannte diese zentrale Frage „bereits ausreichend diskutiert“. Die Behauptungen gegenüber der biomedizinischen Forschung sind nicht neu, und wir sind bereits ausführlich darauf eingegangen (FAQ, Faktencheck, Alternativen), daher werde ich es hier nicht wieder aufgreifen, sondern möchte von der Frage-Antwort-Runde nach dem Vortrag berichten.

Ein Vortrag für Leute, die kein Wissen über Tierversuche haben

Zunächst aber ein paar Worte zu Göttingen, denn der Ort, an dem dieser Vortrag gehalten wurde, hatte doch ziemlich großen Einfluss auf seine Rezeption: Göttingen ist mit ca 120.000 Einwohnern eine kleine Großstadt, die stark durch Wissenschaft dominiert ist. Ca. 20 % der Einwohner sind Studenten, eine große Universität, zwei Fachhochschulen, fünf Max-Planck-Institute, das Deutsche Primatenzentrum, sowie etliche weitere Forschungsinstitute sind hier ansässig. Nicht ohne Grund ist Göttingens Motto: „Die Stadt, die Wissen schafft“. Hält man also einen Vortrag zu Tierversuchen im Göttinger Universitätsklinikum, der zudem auf dem naturwissenschaftlichen Campus beworben wurde, dann kann man damit rechnen, dass etliche Wissenschaftler anwesend sein werden. Frau Dr. Kühner hatte damit offensichtlich nicht gerechnet. Erst in der Frage-Antwort-Runde wurde ihr klar, dass das Publikum hauptsächlich aus Wissenschaftlern bestand. Sie meinte daraufhin, sie sei gewohnt, vor Studenten zu reden, die kein Wissen über die Materie haben.

Deutliche Kritik aus dem Publikum

Nachdem der Vortrag also beendet war, gab es ein großes Interesse an der anschließenden Fragerunde. Im Publikum saßen Wissenschaftler mit jahrelanger Erfahrung in tierversuchsfreien Methoden, die Frau Dr. Kühner als vollständigen Ersatz zu Tierversuchen anpries. Sie wollten Details wissen, wie diese Methoden denn Tierversuche ersetzen könnten. Leider hatte Frau Dr. Kühner darauf keine Antworten. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Wissenschaftler nicht nur mit einer einzigen Methode arbeiten, sondern in der Regel eine Vielzahl an Methoden verwenden, um eine bestimmte Thematik zu bearbeiten. Jede wissenschaftliche Methode hat Vor- und Nachteile, kann aber nur ganz bestimmte Fragen beantworten. Diese von ihr und in einigen Medien angepriesenen „Ersatzmethoden“ sind häufig gar kein Ersatz für Tierversuche, sondern komplementär. Deshalb werden diese Methoden auch bereits verwendet, häufig sogar von denselben Wissenschaftlern, die auch Tierversuche machen. Frau Dr. Kühner schien das aber gar nicht zu wissen, ja sie wirkte sogar ein wenig überrascht, als ihr das jemand erklärte.

Neben den aufklärenden Fragen zu den Ersatzmethoden gab es viel Kritik am restlichen Inhalt des Vortrags. Zum Beispiel waren die Anwesenden ethisch nicht damit einverstanden, die Giftigkeit von Medikamenten an Menschen zu testen (Phase-1-Medikamentenstudie), ohne vorher so gut wie möglich die Giftigkeit bereits auszuschließen, d. h. im Tierversuch (wenn keine Alternativen mit gleicher Aussagekraft vorhanden sind).

Außerdem wurden etliche Sachlagen falsch dargestellt. Zum Beispiel behauptete Frau Dr. Kühner, dass nur 4 Millionen Euro in „tierversuchsfreie“ Forschung gelangten, gegenüber Milliarden in der biomedizinischen Forschung insgesamt. Ich bin mir nicht sicher woher die Zahl “4 Millionen” kommt, aber ich vermute, sie meinte damit den Etat des BMBF für die Erforschung weiterer Alternativmethoden. Sie vergisst dabei aber, a) dass auch Pharmaunternehmen eigene Gelder für Forschung an Alternativen aufbringen, b) dass ein Großteil der staatlichen Mittel für die biomedizinische Forschung nicht in Tierversuche investiert wird, c) dass noch weitere Fördermittel speziell für Alternativmethoden existieren, z.B. von den Ländern, der EU, oder Stiftungen, und d) dass es auch noch nicht-spezifische Fördermittel gibt, auf die sich jeder Wissenschaftler bewerben kann, auch für Alternativmethoden.

Enttäuschung bei den anwesenden Wissenschaftlern

Die Oberflächlichkeit und eher frei interpretierte Faktenlage ließ für die anwesenden Wissenschaftler nicht erkennen, dass hier eine objektive Debatte gewünscht ist. Mehr noch, da dieser Vortrag ja “den Wissenschaftlern” pauschal die Schuld an den angeblichen Missständen zuwies, war er nicht weniger als ein verbaler Schlag ins Gesicht. Man erkannte die Enttäuschung der Anwesenden. Mehrere betonten, dass sie sich auf diesen Vortrag gefreut hätten, um eine konstruktive Debatte zu führen. Einige hatten sicherlich gehofft, sogar ein paar Hilfestellungen für die eigene Arbeit mitzunehmen.

Wissenschaftler möchten genauso wenig Tierversuche machen wie jeder andere, aber sie möchten die daraus resultierenden Errungenschaften nicht dafür opfern. Dieses ethische Dilemma ist ein großes Problem und geht vielen Wissenschaftlern nahe. Etliche von ihnen, und dazu gehöre auch ich, verwenden daher einen Teil ihrer Zeit, um Methoden zu entwickeln, die Tierversuche teilweise ersetzen oder reduzieren oder das Leben der Tiere den Umständen entsprechend angenehmer macht. Wird man dann mit so einem Vortrag konfrontiert, dann ist das sehr traurig. Vermutlich kam deshalb auch der eindrücklichste Kommentar von dem Tierversuchsbeauftragten des Universitätsklinikums. Er erklärte, dass die Klinik ein eigenes Ethikkomitee habe, welches die Tierversuchsanträge prüfe, bevor sie überhaupt an die Behörden geschickt würden. Er hätte sich viel von diesem Abend erhofft und sei umso mehr enttäuscht, dass der Vortrag ein so unglaublich anderes Bild beschreibe, als die Realität, mit der er sich täglich konfrontiert sehe.

Wir benötigen eine sachliche Debatte

Frau Dr. Kühner sagte zum Abschluss, dass sie lediglich eine Außenstehende sei, die einen anderen Blickwinkel aufzeigen möchte. Sie gab also zu, keine Expertin in der Thematik zu sein. Das Gefährliche an dem Vortrag war allerdings, dass sie mit ganz anderen Worten gestartet war. Anfangs erklärte sie, dass sie sowohl Ärztin sei, als auch wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche. So suggeriert sie einen Expertenstatus und stellt ihre Glaubwürdigkeit sicher, zumindest gegenüber einem unbedarften Publikum. Daher ist es umso wichtiger, als Wissenschaftler so einer Veranstaltung beizuwohnen und eine sachliche Diskussion zu starten. Nur so kann man den anderen Zuhörern verdeutlichen, wie weit so ein Vortrag von der Realität entfernt ist.

Die positive Seite: Es war schön zu sehen, wie viele Wissenschaftler in Göttingen zu der Veranstaltung gekommen sind, um eine offene Debatte zu führen und um die Diskussion über Tierversuche sachlich zu gestalten.

 

„Wir sind aufgefordert, die Belastung so gut es geht zu minimieren, das ist unsere Verantwortung“

Treffen sich ein Facharzt für Orthopädie, eine Medizinstudentin, ein Student in Neurowissenschaften und der Direktor eines Neurowissenschaftlichen Instituts. Zwei von ihnen sind gegen Tierversuche, zwei dafür. Wer von ihnen wird wohl über ethisch-moralische Bedenken sprechen?

Bieber

Das Thema Tierversuche geht uns alle an. Finden auch diese Biber auf dem Einladungs-Flyer.

Es ist ein bizarres Bild, das sich vergangenen Donnerstag bei der studentischen Vollversammlung in Tübingen während der Podiumsdiskussion zum Thema Tierversuche ergab.
Erwartete man von Dr. med. Sebastian Korff, Vertreter von Ärzte gegen Tierversuche, dass er sich für Tierwohl und Tierrechte einsetze, wurde man schnell eines Besseren belehrt. Ihm ging es ausschließlich um den Nutzen für Menschen, den Tierversuche seiner Meinung nach nicht hätten, weshalb sie zu unterlassen seien. Konkrete Vorschläge zur Verringerung der Belastung von Tieren oder allgemeine ethische Bedenken blieben außen vor. Zwei Neurowissenschaftler, die Tierversuche unterstützen, mussten her, um den Umgang mit Tieren konkret anzusprechen. Der Student Julian, der selbst an Zebrafischen forscht, versuchte statt über fachliche Details, vielmehr über ethische Fragen mit den beiden Tierversuchsgegnern in der Runde zu sprechen – erfolglos. Prof. Andreas Nieder, Direktor der Neurobiologie in Tübingen, begrüßte Verbesserungen in der Tierhaltung und sagte auf Nachfrage des Moderators zur Ethik: „Wir sind aufgefordert, die Belastung so gut es geht zu minimieren, das ist unsere Verantwortung.“ (Nieder)
Für Dr. med. Korff hingegen schien die Frage nach der Ethik wenig relevant. „Klar will ich Impfstoffe, ich trage auch eine Lederjacke und ich bin auch kein Vegetarier.“ (Korff)

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Der Zuhörer konnte durchaus verwirrt aus dieser Diskussion herausgehen

Worum ging es in der Diskussion also stattdessen?

„Es gibt inzwischen sehr viele Mediziner und viele Wissenschaftler, die die Methode ‚Tierversuch‘ kritisch sehen“, sagte Medizinstudentin Julia. Ihre und Herrn Korffs Argumente: Ergebnisse aus Tierversuchen seien nicht auf den Menschen übertragbar. Deshalb scheiterten die meisten Medikamente, die in Tierversuchen Erfolge zeigten, in klinischen Studien. Und diejenigen Medikamente, die zugelassen würden, seien gefährlich, da Nebenwirkungen im Tier nicht richtig eingeschätzt werden könnten.

Abgesehen davon, dass diese Aussagen sämtlichen medizinischen Erfolg des letzten Jahrhunderts leugnen, sind sie fälschlich vereinfacht.
Herr Korff führte unter anderem das Beispiel von TGN1412 an, einem Wirkstoff, der zur Therapie von Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden könnte. 2006 wurde TGN1412 in einer klinischen Phase-1-Studie an gesunden Probanden getestet und brachte diese in Lebensgefahr. Obwohl der Wirkstoff in Tierversuchen und in der Zellkultur ungefährlich schien, hatte er äußerst starke Nebenwirkungen.
– Für Herrn Korff der Beweis, dass Tierversuche keine Patientensicherheit gewährleisten. Dabei unterschlägt er, dass Patientensicherheit überhaupt nicht mithilfe von Tierversuchen ermittelt wird. Sie wird in klinischen Studien ermittelt. In den seltenen Fällen, in denen das giftige Potential einer Substanz in Tierversuchen falsch eingeschätzt wird, gefährdet das die Teilnehmer dieser Studien, nicht die Patienten. So passiert bei TGN1412. Wenn ein Medikament auf den Markt kommt und stärkere Nebenwirkungen hat, als gedacht, dann liegt das daran, dass diese Nebenwirkungen in klinischen Studien mit Menschen nicht entdeckt wurden.
Tierversuche haben damit nichts zu tun.

Es war auch äußerst verwirrend aus dem Mund einer Medizinstudentin zu hören, dass Mediziner im Studium nichts aus Tierversuchen lernen würden. Natürlich zeigen Lehrbücher der Anatomie den menschlichen Körper, es wird über menschliche Nervenzellen gesprochen und über den menschlichen Stoffwechsel. Doch woher stammt ein Großteil dieses Wissens wenn nicht aus Tierversuchen? Es bedarf keiner medizinischen Kenntnisse, um zu erkennen, dass beispielsweise das Funktionsprinzip des Herzens weder in der Zellkultur, noch in menschlichen Leichen verstanden werden kann. Und wie würden ohne dieses Wissen heute Herzschrittmacher funktionieren?

Die Diskussion lief seitens der Tierversuchsgegner auf ein Anpreisen von Alternativmethoden hinaus. Jeder im Publikum könne sich ganz einfach auf „Youtube“ anschauen, wie der menschliche Körper auf einem Chip simuliert werden kann, so Korff. Ja, Alternativmethoden sind der Wunsch und das Ziel aller, auch und vor allem der Wissenschaftler. Ethisch schwierige, aufwendige und teure Tierversuche möchte niemand. Doch über allem steht der Erkenntnisgewinn. Wenn, und nur wenn, eine Frage nicht durch eine Alternativmethode beantwortet werden kann, müssen Tierversuche durchgeführt werden. Und so gut die Entwicklung von Alternativmethoden auch voranschreitet, so sehr ist sie in gewissen Bereichen doch noch immer limitiert. Das Beispiel des menschlichen Körpers auf einem Chip (human body on a chip) zeigt, das menschliche Organe zu komplex sind, um sie mit diesem Modell vollständig beschreiben zu können. Laut Experten sind die Chip-Modelle auf einige wenige Zelltypen limitiert, während menschliche Organe aus weit mehr Zellen bestehen, die alle unterschiedliche und wichtige Aufgaben erfüllen. Modelle wie der ‚Body on a chip‘, die Teilaspekte des menschlichen Körpers ignorieren, könnten zu falschen Schlussfolgerungen bezüglich Medikamentensicherheit führen. Ob Medikamente damit besser werden?

Was konnte das Publikum schlussendlich aus dieser Debatte lernen? Dass Herr Korff kein Vegetarier ist, der angehende Neurowissenschaftler Julian aber schon; dass ein Tierversuchsgegner Impfstoffe befürwortet, aber nicht deren Entwicklung; dass wir unzählige an Tieren getestete wirksame Medikamente auf dem Markt haben, obwohl Tierversuche doch gar nichts bringen?
Der Zuhörer konnte durchaus verwirrt aus dieser Diskussion herausgehen. Am besten daran war vermutlich, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Nun gibt es in Tübingen wieder ein paar mehr Studenten, die sich konkret mit dem Thema auseinandersetzen. Und je mehr das tun, desto besser können wir in Zukunft daran arbeiten, unserer gemeinsamen Verantwortung Tieren und Menschen gegenüber gerecht zu werden.

Würde Jane Goodall lügen?

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H ("H-ope"), den sie auch nach Tübingen mitbrachte Bild: Wikimedia Commons

Jane Goodall mit Plüschfreund Mr. H („H-ope“), den sie auch nach Tübingen mitbrachte
Bild: Wikimedia Commons

„Wow, Jane Goodall kommt nach Tübingen! Jane Goodall! Da muss ich hin!“ So oder so ähnlich werden die meisten der 700 Zuhörer reagiert haben, als sie das erste Mal die Ankündigung sahen. Am 7. Dezember sollte sie kommen, im größten Hörsaal sprechen, über sich und „Jane’s Journey“, über ihre Forschungen zum Verhalten von Schimpansen und darüber, wie sie sich von der Forscherin zur Aktivistin gewandelt hat. Wenn jemand wie sie kommt, dann ist das im wissenschaftlichen Bereich kaum noch zu toppen: Ob Stephen Hawking oder Richard Dawkins oder James Watson oder Noam Chomsky mehr Publikum gezogen hätten?

Wie diese Herren ist Jane Goodall eine lebende Legende, eine Ikone, ein Popstar. Sie hat nicht so sehr Anhänger, eher Fans. Jane, wie sie sich grundsätzlich anreden lässt, ist weit mehr als eine berühmte Wissenschaftlerin. Als Aktivistin kann man sich kaum jemanden vorstellen, der aktiver für seine Sache eintritt, trotz ihrer 82 Jahre. 300 Tage im Jahr reist sie herum, hält Vorträge wie den in Tübingen, sammelt Spenden, kämpft für ihre Anliegen: Menschen aufklären, Wildtiere schützen ­und – Tierversuche beenden. Dass Jane eine der bekanntesten Forscherpersönlichkeiten auf dem Planeten ist, macht sie gleichzeitig zu einer der sichtbarsten und erfolgreichsten Aktivistinnen.

Sie kann dabei mit einem Pfund wuchern, das weder Hawking noch Dawkins, weder Watson noch Chomsky in die Waagschale werfen können: Sie gilt als fundamental guter Mensch. Jane ist vielleicht nicht Mutter Theresa, aber auch nicht so furchtbar weit weg. Wo Hawking eigentlich nur Physik gut erklären kann, Dawkins aggressiv seinen Atheismus predigt, Chomsky sich mit Wohlbehagen im Nesselfeld politischer Äußerungen gewälzt und Watson gar mit rassismusverdächtigen Äußerungen seine Karriere beendet hat, ist Jane einfach nur die Frau, die Tiere liebt.

Und was für eine beeindruckende Frau. Gegen zwanzig nach acht steigt Jane in Hörsaal N6 auf der Tübinger Morgenstelle die Treppe hinab, unprätentiös in eine praktische Outdoorjacke gehüllt, die Hände etwas überfordert mit drei Plüschtieren, einer Mappe und haufenweise kleinformatigen Notizzetteln, die ihr als erstes herunterfallen. Zuneigungsvolles Lachen im Publikum bei dieser allzu menschlichen Schwäche, Jane muss selber lächeln.

Dann geht ihr Vortrag los, Jane spricht leise, in wohlgesetzten Worten (viele davon sagt sie sicher nicht zum ersten Mal), die persönlich, warm, inspiriert und inspirierend klingen. Sie spricht von ihrer Mutter, die „Jane’s Journey“ erst möglich gemacht hat, indem sie ihr stets den Rücken gestärkt und sich nicht einmal beschwert hat, als Jane eine Handvoll Würmer in ihrem Bett verstecken wollte. Sie erzählt von einflussreichen Büchern (wie „Tarzan bei den Affen“, der leider „die falsche Jane geheiratet hat“) und wichtigen Menschen in ihrem Leben (wie ihr Förderer Louis Leakey). Ihre Forschungen kommen zur Sprache, sie berichtet von dem unglaublichen Gefühl, als sie das erste Mal sah, dass die Schimpansen in Gombe Werkzeuge benutzen – wie einen Zweig, um Termiten aus dem Bau zu angeln – und diese sogar herstellen – indem sie den Zweig vorher entblättern.

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben Bild: Wikimedia Commons

Schimpansen setzen Zweige nicht nur ein, um nach Termiten zu graben
Bild: Wikimedia Commons

Spätestens da wurde Jane, so erzählt sie es heute, vollkommen klar, dass Affen so sind wie wir, dass Menschen nichts Besonderes auf diesem Planeten sind. Jane stellt die Gretchenfrage: „Wie können wir mit uns selbst leben, wenn wir anderen denkenden, fühlenden Wesen Schmerzen und Foltern zufügen?” („How can we live with ourselves if we’re inflicting pain and torture on these other thinking feeling beings?“). Gute Frage. Es gibt gute Antworten darauf, aber sie liegen nicht auf der Hand. Es lohnt sich, über diese Frage offen, emotional ehrlich, auf der Basis erwiesener Fakten und solider ethischer Debatte nachzudenken.

Aber dann wird es ein kleines bisschen hässlich.

Denn Jane führt keine solche Debatte, sie stellt die Frage nicht als Aufforderung zum Nachdenken. Für Jane ist die Frage rein rhetorisch. Sie stellt sie, um einen Punkt zu machen. Sie will nicht wissen, wie man mit sich selbst leben kann, wenn man Tierversuche macht. Sie wollte es schon in den Achtzigern nicht wissen, als sie erstmals das Gespräch mit Wissenschaftlern suchte, die für das US-amerikanische National Institute of Health (NIH) mit Schimpansen experimentierten.

Hat Jane sie gefragt, warum sie derartige Versuche durchführen, hat sie versucht zu verstehen, welche Hoffnungen und Erkenntnismöglichkeiten dahinterstecken? Möglicherweise, aber man hört nicht heraus, dass sie wirklich verstanden hätte, was Wissenschaftler antreibt, die Tierversuche durchführen.

Sie beklagt sich, von Tierversuchsgegnern angefeindet worden zu sein, weil sie mit „solchen Menschen“ überhaupt noch spreche. Sie beteuert, man müsse auf diese Menschen zugehen, nicht das Gespräch vermeiden. Aber die zutreffenden, teilweise vielleicht auch schmerzhaften Wahrheiten erkennt sie nicht an. Einer von diesen Wissenschaftlern, der sie durch die Tierhaltung führte, bot ihr an, eines der Jungtiere zu halten und zu streicheln. Jane lehnte damals ab und kann das Verhalten des Wissenschaftlers heute noch nicht nachvollziehen. Sie hält es für im höchsten Maße kognitiv dissonant, einerseits Tierversuche durchzuführen und andererseits Empathie zu empfinden mit dem Versuchsobjekt.

Warum fällt es Jane so schwer zu glauben, dass Wissenschaftler empathisch sein und trotzdem an Tieren forschen können? Menschen sind kompliziert und oft widersprüchlich. Jane war verheiratet und hat eine Tochter; die Absurdität menschlicher emotionaler Logiken dürfte ihr nach langem, erfülltem Leben ausreichend vertraut sein. Aber sie gesteht denen, die sie als ihre Gegner ausgemacht hat, keine Empathie für die Kreatur zu. „Sie konnten nicht zugeben, dass sie keine mitfühlenden, besorgten Menschen waren“, sagt sie über die Wissenschaftler des NIH, mit denen sie damals sprach („They could hardly admit that they weren’t caring, concerned human beings“). Dann stellt sie diejenigen, denen die Affen am Herzen liegen, der medizinisch forschenden Community diametral gegenüber. Schließt sich das denn aus?

Für Jane schon. Sie spricht über einen am Tiermodell forschenden Wissenschaftler nicht wie über einen Menschen, den man verstehen möchte. Stattdessen bedient sie beliebte, durchaus platte Denkmuster: „Der Mann in seinem weißen Kittel“ („the man in his white coat“), so ihre konsistente Bezeichnung für einen Forscher, der ihr die Tierhaltung an seinem Institut vorführte. Ein klischeehafter Stereotyp, der dicker kaum aufgetragen sein könnte – und der deutlich macht, wie Jane sich selbst sehen und darstellen will: Als eine, die zwar als Forscherin berühmt geworden ist, aber selbst nie Teil des „Systems“ war. Ein Kreis schließt sich zu dem, was sie eingangs erzählt hatte, als sie mit einer merkwürdigen Mischung aus Demut und Stolz darauf herumritt, wie wenig formale Bildung sie hatte, bevor sie mit einem Mal einen Doktortitel erwarb, und das auch noch an der renommierten Universität in Cambridge.

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft! Bild: Wikimedia Commons

Was ist hier los? Der weiße Kittel gibt den entscheidenden Hinweis: Wissenschaft!
Bild: Wikimedia Commons

Ist das jetzt so schlimm? Jane ist Aktivistin und von ihrer Sache überzeugt. Darf sie nicht dafür eintreten? Und darf sie ihre Gegner in der Tierversuchsdebatte nicht unverständlich und seltsam finden? Sicher darf sie. Aber während ich mir das noch sage – auf der Empore des Hörsaals nachdenklich die Stirn runzelnd, denn die Frau ist schon extrem charismatisch, man möchte ihr nicht einmal in Gedanken widersprechen! –, redet sie schon weiter.

Sie erzählt nun von der Entscheidung des derzeitigen Direktors des NIH, Francis Collins, die Versuche mit Schimpansen einzustellen. Dazu sei eine unabhängige Studie am NIH angestellt worden, die befunden hätte, dass „keines der Projekte. Kein einziges!“ dem Menschen nütze („None. Not one of them!“). In der Folge seien die Schimpansenversuche beendet worden.

Das stimmt so aber nicht. Die Frage, die das Institute of Medicine (IOM) in seinem Bericht von 2011 beantwortete, war nämlich nicht: „Welcher dieser Versuche ist für menschliche Gesundheit nützlich oder potenziell nützlich?“, wie Jane es sagt („Which of these experiments is beneficial to human health, or potentially beneficial?“). Sondern das IOM untersuchte, welche der Versuchsreihen unbedingt auf Schimpansen angewiesen war, anstatt ein anderes Modell zu wählen!

Was war also wirklich passiert: Das IOM hat das NIH an gute wissenschaftliche Praxis und das 3R-Prinzip erinnert, das NIH ist dem nachgekommen. Dass dabei politische und wissenschaftspraktische Erwägungen eine große Rolle gespielt haben dürften, wird aus der jüngsten Stellungnahme des NIH aus dem Jahr 2015, als es seine letzten Schimpansenprojekte abwickelte, ziemlich deutlich. Ebenfalls hier zu lesen: Das NIH bekennt sich zur Notwendigkeit von Affenversuchen in der biomedizinischen Forschung – nur eben nicht mit Schimpansen.

Dass Jane dem Ganzen einen anderen Spin gibt, ist verständlich, zumal sie ihre eigene Rolle als die Person, die Francis Collins erst die Idee eingab, entsprechend herausstreicht. Damit kann ich beinahe schon gut leben. Denn auch aus Sicht eines Befürworters von Tierversuchen finde ich natürlich: Gut so, ein Erfolg für die Forschung, wenn ein Tiermodell durch andere Modelle ersetzt werden kann!

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH

Hat sich von Jane überzeugen lassen: Francis Collins, Direktor des NIH
Bild: Wikimedia Commons

Aber dann kommt der Teil des Abends, der mir wirklich Bauchschmerzen macht:

„Wir haben heute das Problem, dass so viele Leute zu glauben gelernt haben, dass wir ohne Experimente an Tieren, besonders Primaten, niemals Heilmöglichkeiten für Alzheimer oder Parkinson finden. […] Und je mehr man liest, je mehr man herausfindet, desto klarer wird einem: Das stimmt nicht!”

(„We face today the problem that so many people have been taught to believe that without experiments on animals, particularly primates, then, we’ll never find cures for Alzheimer’s or Parkinson’s or any of these diseases which attack the human brain. […] And the more you read, the more you learn, the more you realise: it’s not true!”).

Habe ich das gerade richtig gehört? Jup, habe ich. Und es geht weiter:

„Es stimmt nicht, dass Primaten bei der Entwicklung eines Polio-Impfstoffes irgendeinen Nutzen hatten. Es stimmt nicht, dass sie für Alzheimer oder irgendetwas in der Art einen Nutzen hatten.“

(„It wasn’t true that primates were useful at all in developing a polio vaccine. It hasn’t been true that they were useful for Alzheimer’s or anything like that.“).

Und dann erzählt sie auch noch von einem Wissenschaftler, Rudolph Tanzi, der zur Bekämpfung von Alzheimer „das Äquivalent zum menschlichen Gehirn in einer Petrischale entwickelt hat” („He has developed the equivalent of the human brain in a petri dish“).

Fehlt nur noch das Gehirn! Bild: Wikimedia Commons

Gehirn zugeben, umrühren, fertig. Wissenschaft kann so einfach sein!
Bild: Wikimedia Commons

Na dann ist die Zukunft ja endlich da! Wo bleiben eigentlich meine fliegenden Autos, Raketenrucksäcke und meine Marsmission, verdammt nochmal? Aber Spaß beiseite. Solche Sätze offenbaren einen erstaunlichen Mangel an Faktenwissen. Mindestens. Kann es sein, dass Jane, Jane Goodall uns da gerade einen Bären aufbindet? Das Gehirn in der Petrischale mag man abtun, so stand das vermutlich auch in der Pressemitteilung, das kennt man ja.

Das mit dem Polio-Impfstoff dagegen fällt mir schwer zu schlucken (der Leser entschuldige das Wortspiel). Wurde nicht Jane Goodall von verschiedener Seite vorgeworfen, im Jahr 1966 ihre Schimpansenkolonie in Gombe per Schluckimpfung vor einer Polio-Epidemie bewahrt zu haben? Will sie nicht wahrhaben, dass für die Rettung ihrer Schimpansen andere Affen, Rhesusaffen nämlich, sterben mussten?

Das Poliomyelitis-Virus wurde von Jonas Salk in Affen in vivo kultiviert und isoliert. Die ersten Studien aus Salks Labor befassten sich mit den Eigenschaften des Virus, das in Affenhoden gezüchtet wurde (Younger et al. 1952, 3 Studien). Auch die ersten Tests auf Wirksamkeit des von ihm entwickelten, heute in den meisten Ländern gebräuchlichen Impfstoffs geschahen in Affen, bevor es 1953 zu Tests in menschlichen Probanden und 1954 schließlich zum berühmten „größten Gesundheitsexperiment in der Geschichte“ kam, einer mit zwei Millionen Teilnehmern durchgeführten klinischen Studie. Evtl. hat Jane Goodall zur Impfung ihrer Schimpansen ja den konkurrierenden, von Albert Sabin entwickelten Impfstoff verwendet, der damals schneller Verbreitung fand als der von Salk – aber auch Sabins Impfstoff basiert auf Forschungen in Affen.

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit

Jonas Salk, Entwickler des Polio-Impfstoffs, den wir heute noch gebrauchen – und offenbar sehr zufrieden mit seiner Arbeit
Bild: Wikimedia Commons

Man darf nicht vergessen, warum Salk und Sabin beide in so relativ kurzer Zeit ihre Impfungen entwickeln und dafür unproblematisch auf hunderte Versuchstiere und später Tausende von Versuchspersonen zurückgreifen konnten: Dass es damals so schnell ging, liegt an einer 1952 ausgebrochenen, verheerenden Polio-Epidemie in den USA, die 58.000 Menschen betraf. Im Jahr darauf waren es noch einmal 35.000. Das wurde auch in Zeiten, in denen jedes Jahr 20.000 Menschen an Polio erkrankten, als bedrohlich empfunden. Was also hätte eine auch nur kurze Verzögerung in der Entwicklung des Impfstoffes bedeutet? 20.000 Menschen, jedes Jahr, allein in den USA, durch eine Krankheit mit schwerer Behinderung oder gar dem Tod bedroht, die wir heute praktisch gar nicht mehr kennen! Kann man ein schlagenderes Beispiel für die Notwendigkeit von Tierversuchen in der biomedizinischen Forschung finden?

Ich behaupte: Jane Goodall weiß nicht, wovon sie spricht, wenn sie sagt, Poliomyelitis hätte man nicht durch Affenexperimente in den Griff bekommen. Will sie vielleicht nur andeuten, es hätten auch andere Wege zum Ziel führen können? Dass man auf die Affenexperimente hätte verzichten können? Möglich. Wäre es genauso schnell gegangen? Schwerlich. Hätte der Erfolg sich womöglich gar nicht eingestellt? Vielleicht.

Nicht nur die zur Poliomyelitis, auch Jane Goodalls andere oben genannte Aussagen finde ich hochproblematisch. Ich möchte aber nicht schließen, indem ich meine im Titel gestellte Frage einfach bejahe, Jane Goodall die Kompetenz oder gar die Glaubwürdigkeit abspreche und es dabei bewenden lasse. Denn sie erinnert uns daran, wie schwer es ist, eine Debatte, die über Jahrzehnte auf so vielen Ebenen, mit so vielen Akteuren so leidenschaftlich geführt wird wie die Tierversuchsdebatte, durch einen schieren Willensakt auf den Boden der Faktizität zurückzuführen.

Wir sind nicht alle Polio- (oder sonstige) Fachleute. Während des Vortrags habe ich auch nur gedacht „Kann doch gar nicht sein, die erzählt doch Unsinn!“ Ich war davon fest überzeugt, konnte und wollte nicht glauben, was Jane Goodall soeben gesagt hatte. Dem Großteil des Publikums ging es, vermute ich leider, genau anders herum: Es sah sich in seinem sicheren „Wissen“ bestätigt, dass Tierversuche keinen Nutzen hätten. Menschen werden gar zu leicht Opfer des berüchtigen „Bestätigungsfehlers“ (confirmation bias) – wir sehen gar zu gern überall Beweise für das, was wir glauben, und übersehen Hinweise auf das Gegenteil.

Recht hat er, der Albert. Wenn er es denn wirklich gesagt hat. Zweifel sind angebracht. Bild: Wikimedia Commons

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Albert.
EDIT: Wenn er es denn wirklich gesagt hat – Zweifel sind offenbar angebracht. Danke an Leser „Alex“ für den Hinweis!
Bild: Wikimedia Commons

Ich habe mich, um diesen Text zu schreiben, hingesetzt und recherchiert, so gut mir das als Laien in NIH- und Polio-Fragen möglich war. Ich befürchte, dass das nur wenigen Mitgliedern des Publikums die Sache wert war. Aber ein beunruhigender Gedanke verfolgt mich: Ich gebe zu, ich war extrem erleichtert, dass meine Recherche zu bestätigen schien, was ich vorher zu wissen glaubte. Aber als wissenschaftlich gebildeter Mensch ist es genau dies, was mich vorsichtig macht: Habe ich tief genug gebohrt? Habe ich ausreichend recherchiert? Wo habe ich Abkürzungen genommen, weil ich es am Ende gar nicht so genau wissen wollte? Bin ich letzten Endes selbst ein Opfer des Bestätigungsfehlers geworden – just indem ich Jane Goodall als solches entlarven wollte?

Es geht, anders als mein Titel suggeriert, längst nicht mehr um die Frage, ob dieser oder jener, ob berühmt oder nicht, Wissenschaftler oder nicht, lügt, zu welchem Zweck auch immer. Sondern es geht darum, dass wir unsere Informationen prüfen. Dass wir nicht, nur weil wir eine Meinung haben, annehmen, auch Wissen zu haben, das diese Meinung stützt. Bleiben wir offen dafür, Unrecht zu haben. Stehen wir notfalls für unsere Fehler ein. Auch und gerade, während wir für unsere Sache einstehen.

Stell Dir vor, es ist Tierversuchsdebatte, und keiner regt sich auf!

Pro-Test Deutschland e.V. wurde mit dem Ziel gegründet, Fakten über Tierversuche bereitzustellen. Die gemeinnützige Organisation liefert Fakten, die auf Korrektheit, Verlässlichkeit und Genauigkeit geprüft sind. Pro-Test Deutschland möchte damit eine öffentliche Plattform schaffen, um eine Diskussion über Tierversuche zu ermöglichen.

Pro-Test Deutschland vertritt die Meinung, dass Tiere in der angewandten und in der Grundlagenforschung nach wie vor nötig sind. Daher ist es ein wichtiges Anliegen dieses Vereins, ein Forum für die öffentliche Diskussion zu bieten. Es ist entscheidend, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft offen darüber diskutieren können, wie die Forschung in Einklang mit ethischen und wissenschaftlichen Standards durchgeführt werden kann. Um diesen Gedanken umzusetzen, haben wir eine öffentliche Diskussion über Tierversuche arrangiert, die am 7. November 2016 in Tübingen stattfand.

Drei Experten mit unterschiedlichen Hintergründen und damit Perspektiven wurden eingeladen, um bei der Veranstaltung zu diskutieren. Die Runde setzte sich zusammen aus Dr. med. vet. Barbara Grune aus der Abteilung für Experimentelle Toxikologie und der „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ (ZEBET) vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin; Dr. Gardar Arnason vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen; und Dr. Lars Dittrich, Neurowissenschaftler und Stellvertreter für Pro-Test Deutschlands Ableger in Bonn.

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Paul Töbelmann stellt die Podiumsdiskussion vor (von links: Töbelmann, Arnason, Grune und Dittrich).

Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Universität Tübingen organisiert und fand am Weltethos-Institut statt. Dr. Christoph Gohl vom Weltethos-Institut unterstützte die Veranstaltung durch Moderation der Kernsegmente der Diskussion und indem er zwischen den Zuhörern und der Expertengruppe vermittelte. „Die öffentliche Diskussion über Tierversuche ist sehr polarisiert, sensationssüchtig und oft voller Fehlinformationen. Veranstaltungen wie diese hier sind äußerst wichtig um die Diskussion mit Informationen zu versorgen und den Vertretern beider Seiten die Chance zu geben, sich gegenseitig zuzuhören,“ kommentierte Dr. Arnason.

In der einstündigen Diskussion brachte jeder der Experten Ansichten aus seinem Kompetenzfeld ein. Dr. Dittrich sprach über seine Erfahrungen aus der Arbeit mit Mäusen als Modell für die Schlafforschung. Dr. Grune betonte die Notwendigkeit, mehr Anstrengungen in die Entwicklung von Alternativmethoden zu investieren, und Dr. Arnason klärte über die ethischen und moralischen Grundlagen der Nutzung von Tiermodellen auf. In dieser informativen Diskussion formulierten alle Teilnehmer ihren Standpunkt, inwieweit Tierversuche die Entwicklung von Alternativmethoden bisher vorangebracht haben und wie diese gleichzeitig die Grundlage liefern, die Biologie der Modellorganismen besser zu verstehen und die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen.

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Moderator Christopher Gohl führende Diskussionen der Panelmitglieder (von links: Gohl, Arnason, Grune und Dittrich).

Nach der Expertendiskussion wurde die allgemeine Diskussion mit Fragen aus dem Publikum eröffnet. Die ungefähr 70 Teilnehmer im Publikum verbrachten eine gute halbe Stunde damit, ihre Fragen zu stellen und erhielten sachliche Antworten von den Experten. Dr. Dittrich sagte: „Die Beiträge und Fragen aus dem Publikum haben wirklich deutlich gemacht, wie hoch der Bedarf an solchen Informationen ist. Warum können wir Tierversuche nicht durch gespendete Körper Verstorbener ersetzen? Wenn wir sagen, dass Versuche wenn möglich mit einfacheren Tieren durchgeführt werden sollten, was ist dann die Grundlage für eine Unterscheidung zwischen einfacheren und komplexeren Tieren? Die Leute waren ernsthaft interessiert. Es gab viele exzellente Fragen, und wir haben sie offen und zivilisiert diskutiert. Das war einfach großartig!“

„Ich glaube, die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Ich habe einiges über Tierversuche und die Probleme bei der Entwicklung von Alternativmethoden gelernt. Nach der Veranstaltung konnte ich außerdem mit einer Gruppe von Studenten über Tierrechte sprechen und über die ethischen Grundlagen in Fällen, in denen Tiere für unsere Zwecke benutzt werden,“ sagte Dr. Arnason nach der Diskussion.

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Ein Publikum von fast siebzig Menschen hört die Podiumsdiskussion.

„Die Gefahr wächst, dass Menschen sich in Gruppen isolieren, in denen nur die eigenen Ansichtsweisen vertreten werden. Die Algorithmen von Social Media-Plattformen bringen Resonanzkörper hervor, in denen Benutzer nur selten Informationen ausgesetzt sind, die der eigenen Meinung widersprechen. Deshalb brauchen wir Möglichkeiten, um gemeinsam über die ethischen Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Tierversuche zu diskutieren, und zwar respektvoll und aufgeschlossen für Fakten und Argumenten, die unsere eigenen Überzeugungen in Frage stellen,“ sagte Arnason. Zusammenfassend zeigte die Debatte dieses Abends, dass die Expertenmeinungen stellenweise übereinstimmten und selbst ein solch kontroverses Thema wie Tierversuche durchaus in einem öffentlichen Setting diskutiert werden kann. Allgemeinen Konsens gab es in zwei wichtigen Punkten: Zum Einen is es schwierig, dem Ende der Tierversuche einen Zeitrahmen aufzudrücken. Zum Anderen sind Erkenntnisse aus Tierversuchenn nötig, um Fortschritte in der Grundlagenforschung und deren Anwendung zu machen.

Pro-Test in Freiburg

Samstags, halb 10 in Freiburg: Wir sind mittlerweile doch ein bisschen nervös. Unsere erste Aktion im Rahmen von Pro-Test hier in Freiburg und wir wissen so gar nicht, was uns erwarten wird. Unsere vorherige Ankündigung auf unserer Facebook-Wall wurde von Kollegen und Freunden mit scherzhaften Ausdrücken des Entsetzens kommentiert, wir sind also gespannt. Das Wetter passt, es ist zwar unangenehm kalt, aber wenigstens der Regen der vorherigen Tage hat aufgehört. Wir haben gerade unseren Stand aufgebaut, der nun auf den zweiten Blick doch sehr bescheiden anmutet. Macht nix, wir wollen mit den Leuten direkt ins Gespräch kommen und uns nicht dahinter verstecken.

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Franzi und Sebastian in der Fußgängerzone

Die ersten Passanten schlendern vorbei und wir fangen an, unsere Flyer zu verteilen. Erstaunlich viele nehmen einen mit und einige bleiben sogar kurz stehen. Auf unser Sprüchlein: „Wir machen Tierversuche.“ folgt meist ein ziemlich verdutzter Blick und die Frage: „Was macht ihr?“. Je voller es wird, desto schwieriger wird es tatsächlich die Flyer an den Mann zu bringen. Trotzdem freuen wir uns jedes Mal, wenn wir sehen, wie die Leute den Flyer zumindest einstecken. Die Freiburger-Öko-Gemeinde ist freundlicherweise so gut gedrillt, dass keine Flyer direkt auf dem Boden landen.

 

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Hallo! Wir machen Tierversuche.

Wir hätten eine Unterschriftenliste auslegen sollen. Nicht für unsere Befürworter sondern für die Tierversuchsgegner, die, ohne uns genauer zuzuhören, nur das Wort Tierversuche verstehen, und ihren Namen daruntersetzen. Das war eine erschreckende Erfahrung, wie viele Menschen ohne über ein Thema genauer Bescheid zu wissen, blind ihre Unterstützung anbieten.

Wir waren sehr froh, dass wir tatsächlich nicht ein einziges Mal aggressiv oder gar handgreiflich angegangen wurden. Einige Menschen haben ihr Missfallen zwar deutlich ausgedrückt, aber alles blieb höflich und das „Schlimmste“ waren Passanten, die mit wütenden Blicken über ihre Schulter davonliefen. Der netteste Tierversuchsgegner des Tages hatte uns anfangs auch völlig falsch verstanden und mit Begeisterung einen Flyer mitgenommen. Fünf Minuten später kam er immer noch lächelnd wieder zurück und gab uns den Flyer zurück mit der Aussage, es tue ihm leid, aber das könne er nicht unterstützen. Dann hat er uns noch einen schönen Tag gewünscht und ist wieder los. Trotz der gegenteiligen Meinung doch ein nettes Erlebnis.

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Wir freuen uns über jedes freundliche Gespräch

Wir hatten ein paar richtig tolle Gespräche mit Leuten, die uns unterstützen und uns aufgemuntert haben, immer weiter so! Es gab auch ein paar, die wir zum Nachdenken anregen konnten, vor allem Jüngere, die sich selbst noch gar keine richtige Meinung gebildet hatten, oder die einfach nicht viel darüber wussten, und deshalb viele Fragen hatten. Dabei konnten wir unsere schicken laminierten Info-Grafiken doch ein-zweimal benutzen. Hat sich die Vorarbeit doch gelohnt. Am meisten hat uns auch der Besuch eines Stadtrates gefreut, der unsere Aktion ganz toll fand, da er in seiner Funktion sehr viel über die Brisanz des Themas weiß und auch die Resistenz gegen das neue Gebäude IMITATE kennt.

Um 14 Uhr haben wir unseren Stand abgebaut, wir waren erschöpft, hatten einen fussligen Mund vom vielen Reden und waren sehr zufrieden. Ein guter Start für unsere Initiative in Freiburg. Das nächste Mal kommt bestimmt, dann vielleicht mit einem größeren Stand und hoffentlich ein paar mehr begeisterten Mitstreitern.

Mr. Spock und ein Flugzeug voller Mäuse

Ein entführtes Flugzeug rast auf ein vollbesetztes Fußballstadion zu. Um zehntausende Leben zu retten, schießt ein Kampfpilot das Flugzeug ab. Der Haken: An Bord waren 164 Passagiere. Genauso unschuldig, wie die Personen im Fußballstadion.

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Ein entführtes Flugzeug abschießen, bevor es auf ein Fußballstadion rast? Klare Sache für Mr. Spock (Bilder aus der public domain)

Das ist zum Glück nicht in echt passiert, sondern nur im Fernsehen. Das Erste stellte diese Woche im Film „Terror – Ihr Urteil“ den fiktiven Kampfpiloten vor Gericht. Wäre er zu verurteilen oder nicht? Schwierige Frage. Der Sender forderte die Zuschauer auf, das zu entscheiden. Die über 600.000 Anrufer kamen mit 86,9% zu einem eindeutigen Ergebnis: Unschuldig.

Ich frage mich gerade, wie die Abstimmung wohl ausgegangen wäre, wenn an Bord des entführten Flugzeuges statt der Menschen 164 Mäuse gewesen wären. Hätte irgendwer noch ethische Einwände, das Flugzeug abzuschießen? 164 Mäuse töten, um 70.000 Menschen zu retten? Die Sache dürfte so unstrittig sein, dass wahrscheinlich niemand überhaupt nur den Film ansehen würde. Zugegeben, das Szenario ist an den Haaren herbeigezogen. Nehmen wir ein anderes. 70.000 Menschen sind von einer tödlichen Krankheit bedroht. Ein Wissenschaftler hat eine vielversprechende Forschungsidee, die zu einer Heilung führen könnte. Er beantragt daher bei der zuständigen Landesbehörde, eine Reihe von Tierversuchen mit insgesamt 164 Mäusen durchführen zu dürfen. Zustimmen oder ablehnen? Quarks & Co haben eine ähnliche Frage vor einiger Zeit ihren Facebook-Usern gestellt. Es wurde vorausgesetzt, dass es um ein lebensrettendes Medikament ginge, dessen Entwicklung von diesem Tierversuch abhinge. Gerade mal 34% der Teilnehmer fanden es ethisch gerechtfertigt, für ein solches fiktives Medikament Mäuse zu töten. Als die EU-Komission in einer Online-Befragung wissen wollte, ob Tierversuche akzeptabel seien, solange mit ihrer Hilfe medizinische Behandlungen und Medikamente entwickelt würden, bejahten dies nur 40%. Hätten wirklich doppelt so viele Fernsehzuschauer den Kampfpiloten schuldig gesprochen, wenn er Mäuse statt Menschen abgeschossen hätte?

Weichenstellerproblem, illustriert von John Danaher (creative commons)

Bei dem Flugzeug-Fall handelt es sich um eine Abwandlung des klassischen Weichensteller-Problems. Darin rast ein Zug auf ein Gleis mit fünf Personen zu. Du könntest schnell noch die Weiche umstellen, so dass er stattdessen auf einem anderen Gleis nur eine einzige Person erwischt. Umstellen oder nicht? Ganz klar ist die Sache aus Sicht des Utilitarismus, einer Ethik, die hervorragend vom ersten Offizier des Raumschiffes Enterprise, Mr. Spock, auf den Punkt gebracht wurde: „Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.“ Demnach wählt man ganz einfach immer das Verhalten, das mehr Menschen rettet. Es wird knallhart abgewogen. Im Gegensatz dazu sagt die Pflichten-basierte Ethik, dass es Sachen gibt, die immer falsch sind, egal was der Nutzen davon wäre. Einen Menschen darf man nach manchen Vertretern dieser Sicht niemals absichtlich töten, auch nicht um viele andere zu retten. Ebenso knallhart. Die würden nämlich tatenlos zusehen, wie fünf Menschen vom Zug überrollt würden. Oder eben 70.000 vom Flugzeug. Das ist die Natur eines ethischen Dilemmas. Es gibt keinen eleganten Ausweg.

Die Parallele zu Tierversuchen liegt auf der Hand. Auf den bildlichen Schienen liegen die Menschen, die in Zukunft von unheilbaren tödlichen Krankheiten heimgesucht werden. Auf dem Ausweichgleis liegen die Tiere, an denen wir forschen müssen, um lebensrettende Medikamente zu entwickeln. Mancher mag einwenden, dass wir auch mit Tierversuchen gegen eine bestimmte Krankheit nicht mit Sicherheit ein Mittel finden werden. Betrachtet man allerdings die Geschichte der biomedizinischen Forschung, sieht man schnell, dass in regelmäßigen Abständen lebensrettende Medikamente und Behandlungen dabei herauskommen. Wir können zwar nicht sagen, welche Krankheit die bildlichen fünf Menschen auf den Schienen haben werden. Aber wir können sehr sicher sein, dass wir sie retten, wenn wir weiter forschen.

Beim Weichensteller-Problem gibt es allerdings noch einen Unterschied zu Tierversuchen, der besonders für die Pflichten-basierte Ethik wichtig ist. Wenn ich den Zug umleite, verursache ich den Tod des einen Menschen. Aber ich habe den Menschen nicht dazu benutzt, den Zug umzuleiten. Den Menschen, der so oder so durch mein Tun zu Tode kommt, interessiert das herzlich wenig. Für manche Ethiker ist das aber entscheidend. Sie argumentieren, dass ein Mensch niemals Mittel zum Zweck sein darf. Beim sicheren Tod durch Kolateralschaden können sie dagegen noch ein Auge zudrücken. Die Tiere in Tierversuchen sind aber unzweifelhaft Mittel zum Zweck. Damit das Weichensteller-Problem auch für Vertreter dieser Sichtweise mit Tierversuchen vergleichbar ist, muss man es anpassen. Zb so: darf ich Mäuse ins Getriebe werfen und so den Zug stoppen? Oder in den Tank des (unbemannten) Flugzeugs?

Wie schwerwiegend dieser Unterschied ist, darüber lässt sich streiten. Aber ich bezweifle sehr stark, dass er für das Absinken der Zustimmung von über 80% (Flugzeugfilm) auf unter 40% (Umfragen zu Tierversuchen) verantwortlich ist. Eine wesentlich naheliegendere Erklärung ist, dass keine dieser Umfragen eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung befragt hat. Wir vergleichen hier abendliche ARD-Schauer mit Leuten, die sich von sich aus auf eine Umfrage zum Thema Tierversuche melden. Es ist anzunehmen, dass in letzterer Gruppe der Anteil leidenschaftlicher Tierversuchsgegner deutlich höher ist, als im Bevölkerungsdurchschnitt. Und dann ist da natürlich noch dieses böse Wort: „Tierversuche“. Ich habe mehrfach erlebt, wie dieses Wort so starke Aversion auslöst, dass ein Gedankenexperiment im Stil von „wären Sie für Tierversuche, unter der Annahme, dass…“ unmöglich ist. Die jeweilige Annahme wird gar nicht mehr wahrgenommen. Jahrzehntelange Kampagnen unermüdlicher Tierversuchsgegner sind weitestgehend unwidersprochen auf die Bevölkerung eingeprasselt. Ganz im Geiste der postfaktischen Gesellschaft wurden und werden Sachverhalte so lange zurechtgebogen, bis sich das ethische Dilemma scheinbar in nichts auflöst. Tierversuche, so viele der einschlägigen Organisationen, hätten doch noch nie einem Menschen das Leben gerettet. Oder es gäbe haufenweise Alternativen, auf die man nur umsatteln brauche, um Tierversuche überflüssig zu machen. Beides ist unwahr. Ein Dilemma leugnen hilft nicht dabei, die ethisch beste Lösung zu finden.

Auf der anderen Seite dürfen wir Wissenschaftler auch nicht so tun, als wäre mit der Präsentation der Fakten die ethische Frage schon beantwortet. Zweifellos, die Fakten müssen wir liefern. Deswegen setzt sich Pro-Test Deutschland nicht nur für einen möglichst verantwortungsvollen Umgang mit Versuchstieren und eine konsequente Anwendung des 3R-Prinzips ein, sondern auch für größtmögliche Transparenz. Zuerst müssen die Fakten auf den Tisch. Aber dann muss überlegt werden, was angesichts der Gegebenheiten aus ethischer Sicht zu tun ist. Da gibt es eine Reihe unterschiedlicher Ansichten, denn Tierversuche sind in der Tat ein ethisches Dilemma. In den Worten von Blogger Servan Grüninger: Wir müssen „die Fakten akzeptieren und die Meinungsverschiedenheiten angehen“.

Dann lege ich mal vor. Fakt ist, dass wir mit Tierversuchen Leben retten können. Meine Meinung ist, dass wir es auch tun sollten. Nicht etwa, weil ich Tieren einen moralischen Wert abspräche. Sondern aus dem gleichen Grund, aus dem ich ohne zu zögern ein Flugzeug voller Mäuse abschießen würde, das auf ein Fußballstadion zurast: Das Wohl von Menschen, es wiegt schwerer als das Wohl von Tieren. Live long and prosper! 🖖

Wie Bienenforschung das Internet verbesserte

Der Verhaltensbiologe Thomas D Seeley erforschte in den 1980er und 90er Jahren, wie Honigbienen entscheiden, wieviele Sammler zu welchem Futterplatz geschickt werden. Er fand heraus, dass es keinen Boss gibt und keine Managementetage. Wie kann das gutgehen? Schließlich hängt das Überleben des Bienenstocks davon ab, dass das Futtersammeln effizient abläuft, also jede Biene dahin fliegt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

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Eine Biene beim Pollensammeln (Quelle: Wikipedia)

Eine Sammlerbiene, die von einem „Einsatz“ zurückkehrt, weiß, wieviel Nektar sie dabei hat, also wie lukrativ der Futterplatz ist. Jetzt achtet sie darauf, wie lange es dauert, bis eine Arbeiterbiene ihr die Ladung abnimmt und verstaut. Wenn das lange dauert, kommt gerade sehr viel Nektar rein und alle haben zu tun. Dann lohnt es sich nicht, zu mittelmäßigen Futterplätzen zu fliegen. Wenn aber sofort eine Arbeiterbiene zur Stelle ist, muss Nektarflaute herrschen. Basierend auf diesen beiden Informationen – wie gut ist mein Futterplatz und wie ist gerade die Gesamtausbeute – entscheidet die Sammlerbiene, ob sie Kolleginnen zu ihrer Futterquelle rekrutieren soll. Das macht sie mit dem berühmten Schwänzeltanz. Je beherzter sie schwänzeltanzt, desto mehr sollen mitkommen.

In diesem Video erklärt Seeley diese und andere Ergebnisse aus seiner Forschung:

Die Bienen benutzen also einen Algorithmus. Ein selbstorganisierendes System, das dazu führt, dass die Sammlerbienen immer effizient auf die Futterplätze verteilt sind. In den 90ern kollaborierte Seeley mit Craig A Tovey und John V Vate, die diesen Algorithmus auch mathematisch verstehen wollten. Sie fanden heraus, dass die Bienen mit diesem System unter stark variablen Bedingungen noch effizienter waren, als wenn sie sich nach ingenieurwissenschaftlicher Definition „optimal“ auf die jeweils aktuellen Nahrungsquellen verteilen würden.
Jahre später hatte Tovey eine Besprechung mit seinem jungen Doktoranden Sunil Nakrani. Der suchte eine Lösung für ein Problem von Webserver-Betreibern. Aus Sicherheitsgründen läuft auf einem Server immer nur eine Anwendung gleichzeitig. Zwischen Anwendungen wechseln kostet Zeit, und muss daher so effizient wie möglich passieren. Der Bedarf durch die Internet User ändert sich aber ständig, so dass die Aufteilung von Ressourcen flexibel sein muss. „Das ist ja genau wie das Sammelbienen-Verteilungsproblem“, rief Tovey und gab seinem verdutzten Studenten Literatur aus der Verhaltensbiologie zu lesen. Die Server-Ressourcen sind wie die Sammelbienen. Der Bedarf der User – also die Anfragen zahlender Kunden – sind wie verschiedene Futterquellen. Nakrani zeigte in seiner Doktorarbeit, dass der Bienen-Algorithmus eine viel effizientere Servernutzung möglich machte, als state-of-the-art Methoden. Sogar unter der Annahme, dass die in die Zukunft gucken könnten!

Der Bienen-Algorithmus und ähnliche von der Natur inspirierte Methoden werden heute auf Server-Farmen benutzt, um aus den vorhandenen Resourcen möglichst viel Internet rauszuholen. Die beteiligten Wissenschaftler hatten keine Ahnung, wofür ihre Arbeit nützlich sein könnte. Derartige Forschung wird nur von manchen Wissenschaftsförderern finanziert, und wird immer wieder angegriffen, u. a. von Tierschutzorganisationen: neugiergetriebene Grundlagenforschung.

Für den Bienen-Algorithmus wurde in diesem Jahr der Golden Goose Award verliehen, mit dem eindrucksvolle Beispiele eines unvorhersehbaren Nutzens von Grundlagenforschung gewürdigt werden.
Seeleys Forschung zum Bienenverhalten begann, bevor das www überhaupt existierte. Sie baute auf Arbeiten auf, die noch Jahrzehnte früher stattfanden, wie der des Verhaltensforschers Martin Lindauer. Grundlagenforscher sind wie Kundschafterbienen. Wir wissen nicht, was sie finden und zu was es nütze sein wird. Aber wir wissen, dass wir gar nichts finden, wenn wir sie nicht losschicken.

Parka aus Spinnenseide

Die Outdoor Marke Northface will noch dieses Jahr eine Jacke aus Spinnenseide auf  den Markt bringen. Gewonnen wird das Material nicht etwa aus abertausenden kleinen Krabblern, sondern gentechnisch aus Hefe.

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Eine Kreuzspinne produziert das Supermaterial für ihr Netz (Bildquelle: Wikipedia)

In vielen Vegan-Foren wird dieser Fortschritt gefeiert, denn bei der Gewinnung von herkömmlicher Seide müssen bislang Seidenraupen sterben. Setzt sich die synthetische Spinnenseide durch, gehört das bald der Vergangenheit an. Aber nicht nur Veganer freuen sich. Spinnenseide ist zugfester als Stahl, elastischer als Gummi und gleichzeitig weich wie Wolle. Außerdem biologisch abbaubar und biokompatibel, also verträglich bei Implantation in den Körper. Die möglichen Anwendungen reichen von Bekleidung über Materialien für die Industrie bis zu medizinischen Implantaten wie etwa Gelenkprothesen.
Möglich ist diese Entwicklung natürlich nur dadurch, dass zuerst in neugiergetriebener Grundlagenforschung die wichtigsten Prinzipien entschlüsselt wurden. Woraus besteht Spinnenseide überhaupt? Wie sind ihre Proteine aufgebaut, und welche Gene kodieren diese Proteine? Was macht die Seide so elastisch? Hängen die fantastischen Eigenschaften der Spinnenseide nur von der Proteinsequenz oder auch von der Verarbeitung durch die Spinndrüse ab? Nur durch solche Vorarbeit wussten die Biotechnologen, welche Gene in Hefe verpflanzt werden müssen, und wie eine künstliche Spinndrüse aussehen könnte, mit der das Material zu einem Faden verarbeitet wird. Für diese Grundlagenforschung mussten Spinnen sterben. Dafür haben wir heute eine Innovation, die nicht nur unzählige Seidenraupen verschonen kann, sondern bereits jetzt als womöglich wichtigste Textilinnovation seit Nylon bezeichnet wird. Eins von vielen Beispielen, bei denen die Erforschung von Tieren nicht erst durch eine Übertragbarkeit auf die menschliche Physiologie nutzbringend ist. Menschen haben nun einmal keine Spinndrüsen (außer Spiderman natürlich). Nichtsdestotrotz scheinen sich die vielen Jahrzehnte der Forschung jetzt auszuzahlen. Denn der potentielle Nutzen von synthetischer Spinnenseide ist enorm.

Nur eine objektive Debatte hilft Mensch und Tier

Maus auf Hand Gesicht im Hintergrund von UAR

© www.understandinganimalresearch.org.uk

Im April war der internationale Tag des Versuchtieres, ein Tag, der die ethische Debatte um Tierversuche wieder ein wenig mehr in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit rückt. Dazu wurde auf Zeit-Online ein interessanter Artikel verfasst, dem ich mich hier näher widmen möchte. In diesem Artikel wird versucht eine objektive Debatte zu fördern, ein Anliegen, das mir sehr am Herzen liegt. Ich bin der Meinung, dass diese wichtige Debatte verstärkt geführt werden muss. Doch nur, wenn sie objektiv geführt wird, können sowohl die Wissenschaft als auch die Tiere in der Forschung davon profitieren. Der Artikel beschreibt jedoch ein Bild von Tierversuchen in der Wissenschaft, welches sich fundamental von meinen Erfahrungen in der biomedizinischen Forschung unterscheidet. Auch sind in dem Artikel leider ein paar typische Missinterpretationen einiger Fakten zu finden. Da es sich teilweise um Mythen handelt, die sich hartnäckig in der Öffentlichkeit halten, gehen wir in unserem Faktencheck bereits auf einige Punkte ein (z.B. zu den Themen: „Aspirin“, „TGN1412“ und „Übertragbarkeit“). Hier möchte ich aber ausführlicher die angesprochenen Kritiken in einem größeren Kontext beschreiben.

Tierversuche und Medikamententests

Im Artikel wird berichtet, dass nur 5–8 % der Tierversuche auf den Menschen übertragbar wären, was ein großer Irrtum ist. Die Argumentation basiert auf einer Quelle, die die Erfolgsraten von klinischen Medikamententests betrachtet. Zunächst einmal machen Medikamententests nur einen Teil der Tierversuche aus, aber selbst die Aussage – nur 5–8 % der Tierversuche in Medikamententests sind übertragbar – ist nicht korrekt. Korrekt ist, dass nur 5–8 % der potenziellen Medikamente, welche in die klinischen Phasen kommen, auch wirklich auf den Markt gelangen. Die klinischen Tests, also die Versuche an menschlichen Probanden, sind in drei Phasen unterteilt: Test auf Giftigkeit (Phase 1), Wirkung (Phase 2) und Nebenwirkung (Phase 3). Auch korrekt ist, dass Medikamente ausführlich getestet werden müssen, bevor Sie zur Phase 1 zugelassen werden. Diese gesetzlich vorgeschriebenen Tests beinhalten Tierversuche und sind dazu da die Giftigkeit, soweit es möglich ist, auszuschließen. Nur so können wir eine möglichst hohe Sicherheit für die freiwilligen Probanden in der Phase 1 gewährleisten, die Menschen, die zum allerersten Mal das Medikament nehmen. Diese Tierversuche sind also nicht dafür da Wirkung oder Nebenwirkung zu testen. Präklinische Tests zur Wirksamkeit sind nicht eindeutig gesetzlich vorgeschrieben und hochgradig unterschiedlich, je nachdem welche Wirkungsweise gegen was für eine Krankheit vorliegt. Es werden hier nicht nur Tierversuche, sondern auch im hohen Maß z. B. Versuche an Zellkulturen oder Computersimulationen verwendet. Möchte man eine Aussage zur Übertragbarkeit treffen auf Basis von Erfolgen klinischer Studien, wäre höchstens ein Vergleich mit der Phase 1 angebracht. In dieser Phase liegt die Erfolgsquote bei 64,5 %. Auch diese Zahl beschreibt aber noch nicht ganz die Übertragbarkeitsrate von Giftigkeitstests bei Tierversuchen und bei Menschen. Es kann vorkommen, dass milde Effekte im Tier als vermutlich harmlos für den Menschen eingestuft werden, sich dann aber schon bei geringen Dosen im Menschen bemerkbar machen und zum Abbruch führen.  Eine Studie hat sich das genauer angesehen und ermittelte eine Rate von 71 %. Das ist die vermutlich genauste Zahl, die wir bei der Frage zur Übertragbarkeit von Tierversuchen anfügen können, zumindest bei Giftigkeitstests. Würden wir alternative Methoden verwenden, dann müssen diese Methoden genauso effektiv sein, ansonsten würden wir das Leben der Phase 1 Probanden ernsthaft gefährden.

Bemerkenswert ist aber, dass bei der großen Zahl an Phase-1-Studien so gut wie nie etwas schiefläuft. Im Artikel werden zwei Fälle genannt: TGN1412 im Jahr 2006 in England und die vor Kurzem erfolgte Bial-Studie in Frankreich. Bedenkt man, dass alleine in England 200 Phase-1-Studien pro Jahr laufen und hier gerade mal zwei Studien innerhalb von zehn Jahren in Europa aufgelistet werden, ist das eher ein Argument für, nicht gegen Tierversuche. Zudem gibt es Ermittlungen zur Bial-Studie, die auf schlampige Arbeit hinweisen. Möglicherweise hätten sauber durchgeführte Tierversuche, sowie aufmerksamere Behörden, das Problem bereits vorher entdeckt.

Weiterhin wird beschrieben, dass Medikamente wie Aspirin durch heutige Medikamententests durchfallen würden. Wie darf ich das in dem Kontext verstehen? Wie bereits erwähnt, werden Tierversuche zum Schutz der Probanden von Phase I Studien durchgeführt. Natürlich kann es dadurch passieren, dass wirksame Medikamente fälschlicherweise durch diese strengen Auflagen ausgesiebt werden. Aber weniger strenge Auflagen, oder sogar ein Verzicht auf diese Tierversuche, würde das Leben der Phase I Probanden ernsthaft gefährden. Nur weil es im Fall von Aspirin gut ging, rechtfertigt doch nicht fahrlässig das Leben von zukünftigen Probanden aufs Spiel zu setzen.

Wir von Pro-Test Deutschland begrüßen ausdrücklich den Fortschritt, den die Wissenschaft in den letzten Jahren bei alternativen Methoden, insbesondere in der Toxikologie, macht. Es ist richtig und wichtig, diese Entwicklungen weiter voranzutreiben. Der Artikel suggeriert, in der Toxikologie würden Tierversuche durchgeführt, für die es bereits Alternativen gibt. Tierversuche sind in Deutschland verboten, wenn es Alternativen gibt. Wie schon vorher erwähnt, ist es aber auch wichtig zu testen, ob diese Alternative so aussagekräftig wie Tierversuche sind. In Deutschland ist hierfür die „Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ am BfR zuständig. So ein Prozess dauert seine Zeit. Außerdem kommt es leider häufig vor, dass die potenziellen Möglichkeiten von wissenschaftlichen Errungenschaften in den Medien hervorgehoben werden, ohne die Grenzen zu erklären. So kommt es immer wieder zu Missverständnissen was bei Alternativmethoden (oder allgemein in der Wissenschaft) möglich ist und was nicht. Pro-Test Deutschland setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft objektiv und Fakten-basiert kommuniziert wird, nicht nur bei Forschung zu alternativen Methoden, sondern auch bei Forschung mit Tierversuchen.

Schuld ist das System?

Weiterhin wird behauptet, dass Behörden kein Mitspracherecht bei der ethischen Entscheidung hätten, ob ein Tierversuch durchgeführt werden dürfte oder nicht. Es hört sich so an, als wäre das Genehmigungsverfahren eine Farce. Tatsächlich ist dieses Verfahren in Deutschland aber sehr genau und langwierig. René Tolba, Präsident der Gesellschaft für Versuchstierkunde, meinte sogar, dass Deutschland die EU-Vorgaben zu „120 Prozent“ umgesetzt habe. Die Behörden berufen Ethikkommissionen ein, die beratend wirken. Sind diese auch nicht bindend, so folgen die Behörden doch meistens deren Vorschlägen.

Guckt man sich dazu die Referenz im Artikel an, dann sieht man, dass die Argumentation auf dem Fall des Neurowissenschaftlers Andreas Kreiter basiert. Das Oberverwaltungsgericht in Bremen hatte ein Verbot seiner Forschung durch die zuständige Behörde nicht zugelassen. Bei dem umstrittenen Verbot ging es leider weniger um Ethik und das Wohlergehen der Tiere, sondern eher um Politik. Da Tierschützer für viel Aufsehen gesorgt hatten und in Bremen Wahlen anstanden, wollten auf einmal fast alle großen Parteien diese Versuche verbieten. Nach den Wahlen musste dann aber ein „ethischer“ Grund dafür her, schließlich waren diese Versuche jahrelang in Ordnung gewesen. So wurde das Gutachten eines Tierarztes eingefordert, der noch nie das Labor besucht hatte, aber das geschrieben hat, was die Politiker hören wollten. Der Tierarzt des Veterinäramtes, der regelmäßig unangekündigt die Versuche kontrolliert, hatte kein Mitspracherecht. Auch war weder die ausgezeichnete Beurteilung einer Wissenschaftlerkommission von Interesse, noch wurde der Tierschutzkommission Gehör geschenkt, die ebenfalls nichts auszusetzen hatte. Eine gute ausführliche Beschreibung gibt es hier. Meiner Ansicht nach ist es gut zu wissen, dass die Rechtssprechung Wissenschaftler vor politischer Willkür schützt.

Zusätzlich wird behauptet, dass Wissenschaftler auf Widerstand stoßen, wenn sie Verfahren ohne Tierversuche verwenden. Diese Meinung steht im krassen Gegensatz zu meinen Erfahrungen. Jeder Wissenschaftler, den ich kenne, würde seine Erkenntnisse lieber mit Methoden erhalten, die keine Tierversuche benötigen. Allerdings hat jede Methode in der biomedizinischen Forschung ihre Nachteile, egal ob mit oder ohne Tierversuch. Ein Gesamtverständnis von unserem Körper und von Krankheiten können wir nur durch ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Herangehensweisen erlangen. Teilweise funktioniert das mit und teilweise ohne Tierversuche. Dass aber diejenigen Methoden, die sich auf Tierversuche stützen, mehr Ansehen erlangen sollen, erschließt sich mir nicht. Eher ist es umgekehrt: Wenn Forscher es schaffen, Methoden, die vorher nur mit Tierversuchen möglich waren, auf Menschen anzuwenden, dann erhalten sie häufig sehr große Aufmerksamkeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft. Ein kürzliches Beispiel ist ein Bypass einer Querschnittslähmung mittels ins Gehirn implantierter Elektroden, eine direkte Folge aus Studien an Affen, die deutlich weniger Aufsehen erregt haben.

Trotz meiner ausschweifenden Kritik an dem Artikel bin ich froh, dass er auf Zeit-Online publiziert wurde. Diese Debatte sollte mehr Aufmerksamkeit durch die Medien erhalten. Ob und unter welchen Umständen mit Tieren experimentiert werden darf, ist eine wichtige wie auch schwierige ethische Frage und ich glaube fest daran, dass nur ein offener, informierter und objektiver Austausch zu sinnvollen Antworten führen kann. Nur, in dem wir möglichst viele Informationen mit einbeziehen können wir dieser Debatte gerecht werden.